Samstag, 25. Oktober 2014

ganz einfach

Am tag vorher wollte ich ihn noch besuchen,
aber er hat mich nicht ´reingelassen.
er schaute oben aus dem fenster und sagte, er wolle allein sein.
das war nichts unnormales.

ich weiß nicht mehr, was für ein tag es war.
hat die sonne geschien, oder war es grau und traurig?

hat es geregnet?
für ihn war es wohl schon ohne bedeutung.

was hat er vorher getan und gedacht?
er hat vielleicht noch gefrühstückt,
sich einen tee gemacht und den zucker mit seinem
abgeknickten teelöffel umgerührt,
eine zigarette geraucht, ......camel ohne!
nach draußen ist er sicher nicht mehr gegangen.
er hat bestimmt seine letzte arbeit angeschaut,
hat sie für gut befunden.
dann ist er herumgewandert in seinem atelier.
bestimmt hat er an seine frau gedacht, die er für immer verloren hatte,
und an die andere frauen hat er bestimmt auch gedacht.
er hat auch an uns gedacht, seine kinder?
und seine enkel, drei waren es erst, die noch ganz klein waren,
das vierte kam dann im sommer darauf.
er hätte es geliebt!
er hat uns alle geliebt.
und wir haben ihn geliebt.
aber das konnte ihm auch nicht helfen.
dann ist er weiter herumgegangen,
hat angst gehabt vor irgendwas.
er hat bestimmt an seinen bruder gedacht,
den lebensfrohen hans,
der immer gute laune mitbrachte.
und immer ´ne flasche,
meist rum.

er hat bestimmt aus dem fenster geschaut,
aber da war nichts.
dann ist er wieder auf und abgegangen in seinen holzschuhen,
hat sich in seinen safarisessel gesetzt.
da war auch nichts.
vielleicht hat er noch etwas radio gehört,
ndr 3.
das mochte er.

und dann hat er den strick genommen und über den balken geworfen.
hatte er den schon fertig da liegen?
für diesen zweck?
oder lag er da einfach herum,
und hat ihn dann auf die idee gebracht?

vielleicht hat er auch erst nach einem passenden suchen müssen,
hat die luke nach unten geöffnet,
und ist die treppe ´runtergegangen.
hat dann noch herrn W. getroffen.
nein eher nicht.

der strick hing dann über dem balken.
er hat ihn festgemacht.
eine schlinge gebunden.
einen stuhl herangeschafft.
nein, den hatte er schon da, um den strick zu befestigen.
er brauchte sich nur noch die schlinge um den hals legen
und den stuhl umstoßen.
ganz einfach.

er hat bestimmt angst gehabt.




Dienstag, 21. Oktober 2014

draußen sein

draußen sein

wo die welt nur aus sonne
wolken wind und stein besteht
der körper alles gibt
und abends müde ruhen will
und der geist nie wacher war
wo jeder schritt bedacht sein muß
der magen leer
der kopf nie satter war
wo wasser zur fernen sehnsucht wird
der durst gestillt zum hochgenuß
wo die nacht so totenstill
der himmel voll von sternen

draußen sein




Sonntag, 12. Oktober 2014

Kurz pinkeln



Es war eine schöne Radtour gewesen. Jetzt waren wir auf dem Weg zurück, es dämmerte schon.
„ Ich muss unbedingt nochmal pinkeln, bevor wir in die Bahn steigen.“
„ Das wird nicht einfach werden hier,“ rief ich über die Schulter zurück.
 Wir standen vor der Ampel und warteten auf grün. Beim Aufsteigen hörte ich wieder seine Stimme hinter mir:  „ Jetzt müssen wir mal da links rüber!“
Ich fuhr vorneweg, die Straße hoch. Irgendwann merkte ich, dass er nicht mehr hinter mir war. Ich war keine 100 Meter die Straße reingefahren. Nachdem ich abgestiegen war und etwas gewartet hatte, kehrte ich um zu der Ampel, wo wir uns aus den Augen verloren hatten.
Ich  stellte mein Rad neben der Ampel auf den Ständer und lehnte mich an die Steine der dicken Brücke, die in die Speichestadt führte. Ich dachte, es wäre das beste, dahin zurückzukehren, wo wir uns  verloren hatten. Ich  wußte auch nicht, in welche Richtung er gefahren sein könnte. Sicher würde er mich suchen,  gleich da sein. Neben mir knutschte ein Pärchen an die Mauer gelehnt und auf dem Kanalwasser glitzerten die Wirbel der Strömung im Licht der Straßenlaternen.
Ich hatte kein Geld, keine Tasche, keine Fahrkarte und kein Handy. Alles war in seinen beiden Satteltaschen verstaut. Auch meine Jacke. Ich fröstelte, spähte die Brücke hinunter, in die Straße hinein, drehte meinen Kopf in alle Richtungen. Ich lief ein paar Schritte, um von dem knutschenden Paar wegzukommen  und kam wieder zurück. Dann stand ich wieder neben meinem Fahrrad, legte eine Hand auf den roten Sattel. Es war bestimmt schon eine halbe Stunde vergangen und immer noch stand ich da neben meinem Rad mit der Hand auf dem Sattel.
Es war inzwischen dunkel und ich hatte kein Licht am Rad. Es wimmelte von Touristen. Eine schräg über meinem Kopf hoch aufragende bläulich schimmernde Bronzestatue warf ihren dunklen Schatten auf die immer noch aneinander gepressten Körper neben mir. Unterleib an Unterleib reibend, Hände am Rumpf auf-und ab fahrend, leise glucksend und hörbar atmend.
Ich überlegte, hinter der Brückenmauer zu warten, um nicht so dicht an dem Pärchen stehen zu müssen, die ab und zu ihre Köpfe kurz voneinander lösten und  kichernd einen Blick zur Seite riskierten.
Aber dann konnte er mich  nicht sehen, wenn er zurückkam. Wenn seine Augen  die Umgebung der Ampel, die  Kanalmauer vorm Wasser absuchten.
Ich blieb wo ich war, schob das Rad nur ein wenig zurück von der Straße, dichter ran an die Brückenmauer und nahm meine Hand vom Sattel, ging einige Schritte auf die Brücke und  betrachtete meinen roten Sattel aus drei Meter Entfernung. So einen roten Sattel konnte man ja gut sehen. Das schwache Licht der Straßenbeleuchtung ließ die rote Farbe neben der Ampelstange aufleuchten wie ein zusätzlich, etwas tiefer angebrachtes rotes Ampelsignal. Das würde er doch sofort bemerken, schon von der anderen Straßenseite würde es ihm sofort auffallen.