Donnerstag, 25. Juni 2015

"Siebensechsunddreißig"

Es hat die ganze Nacht geregnet
Ich nehme, wie so oft, den Zug "Siebensechsunddreißig"
und steige ein.
Es ist schon außergewöhnlich voll.
“Ein Wagen weniger“ schnappe ich auf,
außerdem habe ich den Wagen erwischt, der „oben 1. Klasse hat“,
und der ist unten immer besser belegt als die anderen.
Es sind noch Plätze frei,
doch ich gehe durch und entscheide mich erst am Ende des Waggons,
bereue dies dann sofort.
„Warum bloss mache ich immer wieder diese Fehler?“
Weitergehen, möchte ich aber auch nicht.
Also drängele ich erst mal die Knie eines Schlafenden beiseite
und nehme ihm gegenüber Platz.
Ich muß mich leicht nach außen biegen, da der Herr neben mir einen großen Teil des mir zustehenden Raumes mit einnimmt, und auch keine Anstalten macht,
dies zu ändern.
„Soll ich dies hinnehmen, oder meinen Teil beanspruchen?“
Ich entscheide mich für „Beanspruchen“, und fange an zu drängeln.
Ich übe erst nur leichten Druck aus, aber dies erweist sich als erfolglos.
Also mehr.
Der Herr ist mit seinem Handy beschäftigt und ich mache jetzt zunehmend Druck.
Die starke Berührung mit dem Arm dieses Nebenmannes ist mir recht unangenehm,
aber ich halte durch.
Mit einem genervten Seufzer zerrt dieser dann doch sein Gepäck neben sich vom Sitz und gibt mir Raum.
Ich feiere den Sieg zufrieden, hole mein Buch aus der Tasche und ärgere mich nicht mehr.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Chapeau



Heute morgen  stand  ich still auf der Rolltreppe von der U-Bahnstation hoch zum Jungfernstieg und nahm neben mir auf der breiten Fußgängertreppe das Gewoge der auf-und abwärts hastenden Passanten wahr. Das Gewirr von leichtfüßig überholenden Füßen in Sneakern, dem Stakkato der hohen Frauenabsätze, von sich kreuzenden Hosenbeinen und fliegenden Röcken über flachen Sandalen.
Als ich fast oben war, lichtete sich das wogende Dickicht der Gestalten und gab den Blick frei auf eine einzelne Taube, die oben am Ende der Treppe Aufstellung genommen hatte und nun aufmerksam die Stufen hinunter zum  Bahnhofsgelände betrachtete. Sie trat ein-zweimal von einem Bein auf das andere, suchte eine Lücke zwischen den letzten Treppensteigern und begann ihren Abstieg. Was mich so fesselte, war die Art, wie sie die Stufen nahm. Weder  flatterte, noch trippelte, noch flog  sie. Im geschlossenen Sprung, beide Krallenfüße anmutig nebeneinander gesetzt, setzte sie ihre „Schritte“ von Stufe zu Stufe. Ich benutze bewußt das Wort Schritte, weil anders lässt es sich kaum beschreiben. Sie schritt die Treppe hinunter, in aufrechter stolzer Haltung und ohne Innehalten oder Zögern auf den einzelnen Stufenabsätzen. Es gab kein mehrfaches Aufsetzen der Füße auf den relativ breiten tiefen  Stufen, kein Nachsetzten oder erneutes Ansetzen der Schritte. Pro Stufe einen eleganten Schwung und den nächsten und übernächsten. In einer einzigen harmonisch fließender Bewegung tänzelte sie hinunter und verschwand im Gewusel des Bahnhofes. Chapeau!



Dienstag, 16. Juni 2015

Torhaus


Ich hatte mir einen Stuhl aus der Küche geholt und saß im Schutz vor dem Nieselregen unter dem hohen Steingewölbe des alten Torhauses, in dem wir für vier Tage einqauartiert waren. Mein Weinglas stand neben mir in einer kleinen Kuhle zwischen den Kieseln, die ich mit dem Fuß des Glases in den Kies gedrückt hatte, damit das Glas sicher stand. Ich rauchte eine Zigarette und  schaute über die weite Grasebene des alten englischen Parks hinüber zu den zwei großen Linden, deren unterste Äste nur ein paar Hand breit über dem Boden aus den Stämmen trieben, so dass der ganze Baum eigentlich nur aus der kegelförmigen  schweren Baumkrone bestand, die dunkel und dicht  über der Wiese hing. Die Asche der Zigarette in meiner am Stuhlbein herabhängenden Hand wurde kalt und rieselte in mein Weinglas. Anstatt an meiner Zigarette zu ziehen, hatte ich den  Zeigefinger der  anderen freien Hand im Mund, quer zwischen meine Lippen geklemmt. Ich umschloß meinen Finger mit den Zähnen, ließ meine Vorderzähne von unten nach oben am Finger entlanggleiten bis die Zähne aufeinander trafen. Meine Schneidezähne drückten kleine Dellen in die Haut. Wenn der Finger vor meinen geschlossenen Lippen lag, öffnete ich  den Mund wieder, schob die Zähne wieder am Finger entlang: Beißen,  gleiten, schließen, beißen, gleiten, schließen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so da gesessen hab mit meinem Finger im Mund. Als ein Kaninchen hinter einem der Baumkegel hervorhoppelte, verscharrte ich die ausgegangene Kippe im Kies, und bin wieder reingegangen. Den Stuhl und das Weinglas hab ich draußen stehen gelassen.