Sonntag, 31. Januar 2016

Zeit

Es ist schon ein paar Wochen her. Ich kam gerade vom Friedhof, radelte dahin, und war in Gedanken bei denen, die ich dort besucht hatte, als ich plötzlich diese beiden


 


dort auf einer Bank sitzen sah. Es war etwas Schnee gefallen, aber der war größtenteils schon wieder weg. Nur
diese beiden Gestalten waren geblieben. Es hatte etwas Rührendes. Ich stellte sie mir vor, die Kinder, die am Nachmittag das bischen „Weiße Pracht“ genutzt hatten um sie zu schaffen und hier hinzusetzten, um dann wohl etwas traurig dem beginnenden Hinscheiden ihrer Geschöpfe zuzuschauen. Jetzt waren diese allein, hatten ihre Ruhe und würden am morgen verschwunden sein.

Ich mußte unwillkührlich an die beiden alten Menschen denken, die das Haus direkt an der Autobahn in der Nähe von Lübeck bewohnt hatten, und eigentlich immer, wenn wir dort vorbeifuhren auf der kleinen alten Bank vor ihrem Haus saßen und dem wilden Treiben auf der Straße zuzuschauen schienen. Wir fuhren immer, wenn wir von der Ostsee, zu der Zeit meistens aus Hemmelsdorf, wo wir in Hansis Wohnwagen, den er auf einem Hof am Hemmelsdorfer See hatte, an diesem Haus vorbei, meisten stop and go, weil es immer Sonntag nachmittags war und die Autobahn auch damals schon voll.
Die Beiden saßen auf ihrer Bank, wie aus einer anderen Zeit. Hier die Hektik der Autobahn, und da die Ruhe zweier Menschen, die endlich Muße hatten. Auf der kleinen Wiese neben dem Haus war Heu auf Reutern aufgeschichtet, was schon lange nicht mehr üblich war, schien auch nicht mehr wirklich gebraucht zu werden, ein paar Hühner kratzten herum, und auch sonst schien alles hier in der Vergangenheit zu ruhen.
Und genau diese Ruhe strahlten die beiden Schneefiguren aus, die mir hier in der Dunkelheit des Dezemberabends begegneten, und ich war wohl auch ein wenig neidisch darauf.
Auch das Haus an der Autobahn gibt es nicht mehr. Irgendwann saß dann nur noch einer auf der Bank vor dem Haus und dann keiner mehr. Das Haus verfiel, wurde dann nochmal als Drehort für einen Film von Detlef Buck genutzt und fiel schließlich dem Bau der A20 zum Opfer. Heute ist dort das Autobahnkreuz Lübeck Süd. Von der Ruhe ist nichts geblieben, und doch schau ich immer hin, wenn ich dort vorbeifahre, versuche die Stelle zu finden, wo das Haus einmal stand. 

Irgendwie steht es da noch immer, und die beiden Alten sitzen auf ihrer Bank und schauen her.

Samstag, 30. Januar 2016

Zeit


Gestern, kurz bevor er das Licht auf dem kleinen Tischchen neben dem Bett  ausmachte, schaute er noch einmal rüber zu ihr, wie sie da neben ihm lag, einen Arm unter der Wange, den anderen angewinkelt auf der Bettdecke, dachte daran, dass sie ja auch schon da war, bevor sie sich als sechzehn-siebzehn Jährige vor vierundvierzig Jahren in einer Sylvesternacht in einer alten Stadtvilla an der Alster kennengelernt hatten; bevor sie sich zusammen getan hatten, um ein ganzes Leben miteinander zu teilen, eine Familie zu gründen, gemeinsamen mit ihren vier Kindern die vielen Tage, Abende und Nächte zu  erleben. Was hatte sie gemacht, ungefähr eine Fahrstunde mit der Bahn entfernt, in der alten Strohdach Kate an der Hoisdorfer Landstraße 48, draußen vor den Toren Hamburgs. als er mit einer Horde Jungs auf ihren Fahrrädern die große Elbstraße runter gebrettert war, mit ihren Käschern Glasaale, Stichlinge und Wollhandkrabben aus der Elbe gefischt hatte? Als ihm der alte Nachbar von gegenüber, in der offenen Tür stehend,  im  engen Flur  in der Amundsen Straße 33 ein paar Kronenkorken in die Hand gedrückt hatte?
„ Hier mein Schieter, kannst du mit spielen.“
In welchem Zimmer hatte sie sich genau in diesem Moment aufgehalten, als er die Kronenkorken in seine Hosentasche hatte gleiten lassen? Oben unterm Dach in dem großen Raum, in dem alle vier Betten der  Geschwister an den Wänden entlang standen, in dem Zimmer, das er nie kennengelernt hatte, weil es lange vor seinem Auftauchen in der Familie in vier schmale, von Sperrholzwänden unterteilte vier Zimmerchen für jeden von ihnen umgebaut wurde?
Oder hatte sie barfuß draußen im Garten im Gras unter dem knorrigen alten Kirschbaum hinterm Haus gelegen und in die Äste hochgeblinzelt?
Nur siebzehn Jahre seines sechzigjährigen Lebens hatte er ohne sie sein Leben gelebt. Nun schienen ihm diese nicht miteinander geteilten Tage und Nächte zu unendlich vielen kostbaren  verpassten Momenten anzuwachsen.
Hinter seinen geschlossenen Augenlidern tauchten schemenhafte Bilder vor ihm auf, wie er sie als kleines Mädchen vor sich sah, wie sie in herunter gerutschten Kniestrümpfen auf dem Sandweg, der ums Haus führte, auf einem Bein stand und sich mit der linken Faust ein Auge rieb. Als sei  er schon immer in ihrer Nähe gewesen.



Mittwoch, 27. Januar 2016

Betrugsmanöver


 Aka, meine beste Freundin aus dem Nachbarhaus hinter der Buchenhecke, hatte ein kleines Brüderchen bekommen. Meine kleine Schwester war da schon etwa drei Jahre alt und  ich wünschte mir sehnlichst auch noch ein kleines Geschwisterchen. An einem schönen Frühlingsmorgen packte ich meine Babypuppe Hansi in den ausrangierten alten Korbkinderwagen, in dem meine kleine Schwester manchmal noch wie in einem Ställchen zwischen ihren Spielsachen hockte. Hansi setzte ich eine Babymütze auf, zog sie tief bis über seine Augen, holte von oben aus meinem Bett das dicke große Kopfkissen und türmte es über Hansi auf, so dass es als mächtiger Wulst über den Rand des Kinderwagens hing und Hansis starres Puppengesicht fast bedeckte.
Dann stolzierte ich am Zaun zu Aka entlang, von der Sandkiste bis zu den drei Birken und wieder zurück, ganz dicht am Zaun, so dass alle mich sehen konnten, wie ich mit unserem neuen Baby spazieren fuhr.
Akas Mama kam von ihrer Terrasse hinunter zu mir an den Zaun, schaute verwundert zu mir herüber.
„ Wir haben auch ein neues Baby,“ erzählte ich stolz.
„ Oh wie schön, zeig mal. Ist es ein Junge oder ein Mädchen?"
Ich hob den schweren Kinderwagen etwas an, balancierte ihn mit Mühe auf den hinteren beiden Rädern, damit Akas Mama die Babymütze  sehen konnte."  
" Ein Junge, er heißt Hansi."
„ Aber das ist ja eine Puppe,“ rief Akas Mama. 
„ Nein, er schläft. “
 Ich ließ den schweren Kinderwagen hart auf seine vier Räder zurückplumpsen,wandte  mich von dem erbarmungslosen Blick hinter der Buchenhecke ab und zuckelte beschämt und mit heißen hochroten Ohren davon.


Sonntag, 17. Januar 2016

Beharrlichkeit



Als ich vorhin ein  herabgefallenes  Foto einer unser Enkelinnen wieder an die Fotowand zurückstecken wollte, hielt ich kurz inne, um es zu betrachten. Es zeigt die zu der Zeit    ungefähr Dreijährige beim Eiermalen. Den erhobenem Pinsel in der rechten Faust, hält sie mit der linken Hand ein leuchtend gelbes, auf einen dünnen Holzspieß gestecktes, halb fertig gemaltes Ei vor sich hin und betrachtet es mit vor Begeisterung weit geöffnetem Mund und strahlenden Augen. Da kam mir eine kleine Anekdote dazu wieder in den Sinn: 
Die Kleine hatte auf dem Schoß ihrer Mama vor der Fotowand gesessen und ihr ausgestreckter Zeigefinger war ihren über die Familienporträts huschenden Augen gefolgt. Während ihr  dreieckiges kurzes Fingerchen  über  einem Photo von mir  verharrte, gab sie  zu verstehen, das sei sie selbst,  hatte ihren eigenen süßen Namen schon klar und deutlich aussprechen können und dabei beharrlich auf mein ältliches  Gesicht gezeigt. Dann tippte sie auf die daneben hängende  Fotographie  von sich selbst beim Eiermalen und behauptete, das sei Oma. Selbst wiederholtes erstauntes Nachfragen meiner Tochter hatte kein Zaudern und kein Schwanken ausgelöst. Das hatte mir gefallen.



Donnerstag, 14. Januar 2016

Essen


Vati war kein großer Kocher, aber wenn´s darauf ankam, war er fähig uns zu versorgen.

Erika war auch keine Hausfrau, wie sich die Gesellschaft  das so vorstellte, und auch keine große Köchin. Beide hatten auch überhaupt keine Lust dazu.

Bei Ferdinand kam dann hin und wieder ein Kochanfall, und er wirtschaftete dann mit großem Tamtam in der Küche herum. Das war hin und wieder zu Weihnachten, wenn er eine Gans aufgetrieben hatte. Ich erinnere daran haupsächlich die Schale mit dem ausgelassenen Gänseschmalz. Es war von bräunlicher Farbe, erstarrt und wurde als „Affenfett“ bezeichnet, und diente dann die nächsten Wochen als Brotaufstrich, von dessen besonderer Qualität „wir“, das waren alle außer seinem Bruder und ihm, „Keine Ahnung“ hatten, da wir es verschmähten. Es schmeckte einfach grausig. Sonst gab´es Weihnachten meisten Pute mit Rotkohl und Kartoffeln. Aber das machte dann Erika. Ferdinand war das dann nicht gewaltig genug.



Satt wurden wir immer.

Hauptnahrungsmittel bildete neben Brot mit Mett-oder "Jachtwoast", "Camenbert" und Harzer Roller, Haferflocken mit Milch und Zucker. Bevorzugt wurden von uns die Köllnflocken in der blauen Tüte, wie es sie heute noch gibt, mit kleinen Sammelbildern drin, die wir bei Omi in große Alben einklebten. Aber die waren teuer, und meistens mußten wir mit billigeren Produkten vorliebnehmen.


Von der Schule kommend war unser erster Weg zum Backofen in der Küche, wo dann das Essen für uns warm gestellt war. Es war dann schon ziemlich trocken und oft schon an der Grenze der Genießbarkeit. Aber wir hatten Hunger und haben uns nie beschwert.

Die alltäglichen Gerichte, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholten waren:

-Weiße Bohnen mit Speck und Kartoffel(Kartoffeln gab es eigentlich immer. Die laß ich bei der weiteren Aufzählung mal weg).

-Selbige mit Speckstippel und Apfelmuß( ess´ ich heute noch gerne).

-Leber mit Zwiebelringen

-Grützwurst, meist ohne Rosinen

-Bratwurst.

-Frikadellen.

-Sauerkraut mit Kochwurst(für jeden ´ne halbe)

-als Gemüse meist Erbsen und Wurzeln(aus der Dose) in Mehlspitze, Blumenkohl, Rosenkohl,

oder einfach Apfelmuß.

-Pfannkuchen im Stapel, so dass wir uns ein entsprechendes Tortenstück herausschneiden konnten.

-Milchreis mit ausgelassener Butter, Zimt und Zucker.

-Eier in Senf- oder Petersiliensoße.

-Kohlroulladen aus der Dose.
-Spinat mit hartgekochten Eiern

-Arme Ritter.

-Spiegeleier.

-Erbsen- oder Linsensuppe, mal mit Wurst, mal ohne.

-Fünfmarksuppe, ein von Ferdinand entwickeltes Gericht, bestehend aus Dosentomaten und etwas ausgelassenem Speck, welches für die ganze Familie keine fünf Mark kostete. Wenn dieses uns am Mittag erwartete, war die Enttäuschung kaum zu verbergen.

Frischen Salat gab es hin und wieder. Immer mit Zitronensaft und Zucker.

Selten mal geriebenen Apfel oder Wurzeln.
Nachtisch gab es nie



Am Wochenende war der Tisch dann etwas üppiger gedeckt:

-Schweinebraten mit Rotkohl

-Steckrüben mit Schweinebauch

-Grünkohl mit Schweinebacke

-Kohlroulladen

-Kohlpudding

-Königsberger Klopse

-Goullasch

-Birn´Bohn´und Speck
Dann gab es auch mal Schokoladenpudding. Mit dicker schwarzer Haut und Klumpen. Das liebten wir besonders. Dazu Vanilliensoße .

Ganz hart wurde es nur selten. Ich erinnere mich nur an von Ferdinand gekochtes Hammelfleisch in Weißkohl. Es ging einfach nicht. Ich konnte es nicht essen. Aber: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ war noch nicht so lange her, und erst als ich anfing zu würgen war´s dann gut, und ich nahm Reißaus.





Samstag, 2. Januar 2016

Flüsterer


Bevor ich gestern Abend den Laptop ausmachte, ging ich noch einmal  kurz auf die Seite mit den "Flüsterern".Vor einigen Wochen fand ich diese Seiten auf der Suche nach Anleitungen zur Fußmassage. Inzwischen habe ich  meine beiden Lieblinge, zu denen ich immer mal wieder zurückkehre. "Low Voice" zum Beispiel massiert nicht nur flüsternd menschliche Körperteile, sondern lässt auch unbelebte Gegenstände des Alltags in den Genuss ihrer feinfühligen Finger kommen. Auf einem Video bereitet sie eine Teezeremonie, ein anderes mal bürstet und spielt sie mit dem langen dunklen Haar einer Frau, faltet Handtücher und Schals oder schminkt ihr eigenes Gesicht vor dem Spiegel. Sie hat einen großen Busen und schönes dickes blondes Haar. Mit leiser englischer Flüsterstimme und leichtem russischen Akzent begleitet sie die Bewegungen ihrer weißen Hände, die sie langsam durch raschelndes Haar, über zirpende Bürsten und Kämme, über Verpackungen von Schminke und Teebeuteln, über knisternde Seide und flauschige Frotteehandtücher gleiten lässt. Ab und zu lässt sie ihr leises Atmen hören, ein Seufzen, ein feines Räuspern oder ein zart fragendes  von unten nach oben aufsteigendes „So, like this?“ Manchmal auch nur ein kaum hörbares gesummtes  „Hmm“.
Und es gibt Massimo. In manchen Videos nennt er sich auch Wassili. Massimo-Wassili trägt entweder ein weißes Hemd mit Rüschen auf der Brust oder T-Shirts mit Aufdrucken, wenn er flüsternd massiert. Manchmal stößt Massimo-Wassili  beim Einatmen zwischen dem Flüstern einen leisen gutturalen Kehllaut aus, bevor er seinen Atem wieder in meinen Kopfhörer haucht und weiter vor einem Druck von Gustav Kliemt, auf einem Balkon oder auch am australischen Strand der Gold Coast Füße, Hände, Köpfe, Gesichter, Nacken, Schultern und Rücken  streichelt. 
Bei Massimo-Wassili wäre ich schon zweinmal beinahe vor dem Laptop eingeschlafen. Wenn ich mal wieder nicht schlafen kann, gehe ich ab jetzt einfach  zu den Flüsterern.