Eine Szene aus den frühen sechziger Jahren. Ich sehe einen hellblau
gestrichenen Holzhocker auf dem Sandplatz hinter unserem Bauernhaus. Der
Apfelbaum mit den krebsgeschwürigen Verdickungen am knorrigen Stamm im
Vordergrund an der Hausecke hat noch kahle Äste und durch die blattlose Hecke sehe
ich auf den grauen Rasen unseres Nachbarn, der Familie Ismael. Manchmal kann ich durch die Hecke hindurch
sehen, wie Rena Ismael drüben langsam und mit kleinen vorsichtigen Schritten über
den Rasen geht. Rena hat auf einer Kopfseite keine Haare, sie ist schon zwölf
Jahre alt und sehr schwer krank.
Der Hocker auf dem Sandplatz vor der Hecke ist mit einem alten
Tuch oder einem Schal bedeckt und darauf liegt eine tote Ringelnatter, deren Körper wir zu einer Spirale zusammengelegt haben, ähnlich den Lakritz Schnecken, die wir beim Kiosk am
Bahnhof kauften, aufrollten und die nun lange dünne schwarze Schnur langsam
schluckten, um sie dann mit wohligem Schaudern ebenso langsam aus unseren
Tiefen wieder hervorzuziehen. Zwei Nachbarskinder, meine kleine Schwester Lulu
und ich stehen im Kreis um den Hocker und klatschen in die Hände, gehen im
Kreis um den Hocker, bleiben wieder stehen, während wir voll Glück und
Zuversicht mit weit aufgerissenen Mündern einen eingeübten Singsang von uns
geben, ein Beschwörungstanz, ein Zaubertanz eine Heilzeremonie für Rena Ismael.
Im Sommer hatte Rena schon wieder kleine kurze dunkle Locken auf
der ehemals kahlen Kopfseite und manchmal stand ich vor einem Loch in der Hecke, wo das Geäst etwas lichter
war und betrachtete Rena, wie sie über den Rasen rannte und wie ihre langen Locken auf der einen Kopfseite flogen und ihre kurzen kleinen neuen Locken auf der anderen Seite waagerecht vom Kopf abstanden.
Den hellblauen Hocker habe ich über die Jahrzehnte mit mir
durch unsere verschiedenen Behausungen geschleppt, jetzt ist kaum noch etwas
übrig von der hellblauen Farbe aber er steht draußen unter unserem
Dachvorsprung. Eine tote Ringelnatter habe
ich leider nicht.