Heute habe ich sie wiedergesehen.
Schon mal sah ich sie im Winter
1977. Wir hatten tagsüber den Kyberpass überquert, Peshawar hinter
uins gelassen und befanden uns irgendwo im Industal in der Nähe von
Islamabad. Es war in der Nacht oder am sehr frühen morgen, kalt, und
wir hielten mit unserem kleinen Auto irgendwo am Rande eines kleinen
Ortes. Es brannten mehrere Feuer unter den im freien aufgestellten
Kesseln. Es gab Tee und zu Essen.
Dorfbewohner und Lastwagenfahrer
standen herum. Es war ein für uns fremder Ort, und wir waren hier
Fremdlinge, die angestarrt wurden. Hier kam sonst kein Europäer hin,
zumal mitten in der Nacht, mit so einem komischen Auto, um das sich
schnell eine Menschentraube bildete. Unsicher waren wir und
vorsichtig. Nach einer Weile beruhigte sich der Auflauf. Wir bekamen
heißen Milchtee und etwas Reis. Wir hockten dann im Kreis dieser
Männer und mußten erzählen, obwohl , bis auf ein paar
aufgeschnappte Brocken, kaum jemand Englisch verstand, aber das
spielte keine Rolle.
Und dann sah ich diese Augen. Sie waren
auf uns gerichtet, so voller Sehnsucht. Sie haben uns angeschaut, wie
Wesen aus einer anderen Welt, die gekommen waren, und etwas
mitbrachten, es aber nicht dalassen würden. Es war ein etwa
zwölfjähriges Mädchen, welches etwas abseits stand. Frauen waren
sonst keine hier.
Sie war unverschleiert, eingehüllt in
ein braunes, grobes Gewand, welches auch den Kopf bedeckte.
Die Augen waren von einer blaugrünen
Farbe, die ich vorher noch nie gesehen hatte, und von einem
unglaublichen Glanz, und so voller Hoffnung auf uns gerichtet. Wir
sind dann weitergefahren. Ich habe diese Augen und diesen Blick bis
heute nicht vergessen, und dann schauen mich die gleichen Augen heute
von der Titelseite einer Zeitung an. Es sind die Augen eines etwa
zwölfjährigen Mädchen aus Pakistan. Es ist dem verheerenden
Erdbeben entronnen und in einem Krankenhaus in Paschawar wohl erstmal
gut aufgehoben. Ihr Kopf ist dick verbunden.
