Dienstag, 27. Oktober 2015

in Pakistan

Heute habe ich sie wiedergesehen.
Schon mal sah ich sie im Winter 1977. Wir hatten tagsüber den Kyberpass überquert, Peshawar hinter uins gelassen und befanden uns irgendwo im Industal in der Nähe von Islamabad. Es war in der Nacht oder am sehr frühen morgen, kalt, und wir hielten mit unserem kleinen Auto irgendwo am Rande eines kleinen Ortes. Es brannten mehrere Feuer unter den im freien aufgestellten Kesseln. Es gab Tee und zu Essen.
Dorfbewohner und Lastwagenfahrer standen herum. Es war ein für uns fremder Ort, und wir waren hier Fremdlinge, die angestarrt wurden. Hier kam sonst kein Europäer hin, zumal mitten in der Nacht, mit so einem komischen Auto, um das sich schnell eine Menschentraube bildete. Unsicher waren wir und vorsichtig. Nach einer Weile beruhigte sich der Auflauf. Wir bekamen heißen Milchtee und etwas Reis. Wir hockten dann im Kreis dieser Männer und mußten erzählen, obwohl , bis auf ein paar aufgeschnappte Brocken, kaum jemand Englisch verstand, aber das spielte keine Rolle.
Und dann sah ich diese Augen. Sie waren auf uns gerichtet, so voller Sehnsucht. Sie haben uns angeschaut, wie Wesen aus einer anderen Welt, die gekommen waren, und etwas mitbrachten, es aber nicht dalassen würden. Es war ein etwa zwölfjähriges Mädchen, welches etwas abseits stand. Frauen waren sonst keine hier.
Sie war unverschleiert, eingehüllt in ein braunes, grobes Gewand, welches auch den Kopf bedeckte.
Die Augen waren von einer blaugrünen Farbe, die ich vorher noch nie gesehen hatte, und von einem unglaublichen Glanz, und so voller Hoffnung auf uns gerichtet. Wir sind dann weitergefahren. Ich habe diese Augen und diesen Blick bis heute nicht vergessen, und dann schauen mich die gleichen Augen heute von der Titelseite einer Zeitung an. Es sind die Augen eines etwa zwölfjährigen Mädchen aus Pakistan. Es ist dem verheerenden Erdbeben entronnen und in einem Krankenhaus in Paschawar wohl erstmal  gut aufgehoben. Ihr Kopf ist dick verbunden. 


                                                             Foto: Mohammad Sajjad

Montag, 26. Oktober 2015

Nasobema lyricum


Ich sehe ein Bild von der nicht mehr jungen Erika vor mir, wie sie in der Abendämmerung auf der Terasse in ihrer „dümmlichen Ecke“ saß, ihren Nacken massierte, den Kopf mit dem kurzen schon hell schimmernden Pagenschnitt in alle Richtungen hatte kreisen lassen, während sie mit dem Küchenmesser, an dem noch Rotkohlreste hingen, auf eine gerade aufgeblühte Nachtkerze im Beet vor der Terrasse zeigte.
Dann war ihr ein Haar in den Mund geraten. Noch mit dem Kohlmesser in der Hand hatte sie versucht, es mit Daumen und Zeigefinger  zu fassen zu kriegen. Sie hatte mehrmals ins Leere gegriffen, ihre Lippen und ihre Zunge waren unbeholfen herumgefahren, hatten hin und her gezuckt, von einer Seite auf die andere, um dem  blinden  Tasten der Finger zu  Hilfe zu kommen.
Das hatte mich traurig gemacht. Es war, als wäre ich unbefugt in mir verschlossene Räume eingetreten, als hätte ich einen kurzen Blick auf ihre vor uns verborgene Verlorenheit erhascht.
Auch ich muss meinen Kopf immer mal wieder vorne runter hängen lassen, weit nach hinten in den Nacken legen. So einen  Kopf muss man ja auch sein Leben lang festhalten. Wenn er denn allzu schwer wird, dann geht es mit ein wenig Übung vielleicht ja auch so:



Mittwoch, 14. Oktober 2015

Bildbeschreibung



Damit mein  Roller morgens besser anspringt, steht er jetzt nachts im Flur. Auf der einen Seite flankiert  von Ferdinands Relief, wo sich aus der sandfarbenen ebenen Fläche des Untergrundes eine Tierfigur, die  sich im Wasser spiegelt, erhebt, auf der anderen Seite von  einem seiner unvollendeten großen Ölbilder. Das matte malvenfarbene Rosa der Karosserie bildet einen schönen Kontrast zu dem gelbgrün schraffiertem Hintergrund der hochformatigen  Leinwand, andererseits leisen Widerhall des dunklen Violets, in dem die sitzende Figur auf der linken Hälfte der Leinwand gehalten ist.
Die segelohrig anmutenden Rückspiegel sind wie in wacher Aufmerksamkeit zur Seite gestreckt, sein Lenker mit dem runden Zyklopenauge der Lampe und sein wie ein Reptilienmaul geformtes  Schutzblech nach links unten geneigt, fast als wolle es sich an die aus dem Relief herausgearbeitete  angedeutete Figur eines Artgenossen anschmiegen. Als ich gestern abend den Flur durchquerte, hielt ich kurz inne, strich mit der Hand über die lang gestreckte schwarze Fläche des Sitzes, über  seine weichen Rundungen und musste schmunzeln über den kurzen Impuls, ihm ein Tellerchen mit Milch hinzustellen.



Montag, 12. Oktober 2015

Episode



Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von unserer Tante. Wir saßen draußen im Garten in der Sonne und sie schilderte eine kleine unspektakuläre Episode aus unseren Kindertagen, die sie beobachtet hatte und die ihr bis heute nicht aus dem Kopf ging. Mein Bruder war  vielleicht sieben, ich fünf Jahre alt. Mein großer Bruder kam eingeschüchtert und mit deutlichen Blessuren nach Hause. Eine Gruppe älterer Jungs  hatte ihn gegen eine Wand gedrückt, ihn geschlagen und getreten, vielleicht hatte er ein paar Schwellungen im Gesicht unter dem hellen dichten Haar, ein Kratzer auf der Wange, hielt sich den schmerzenden Arm. Ich sah ihn durch die Pforte kommen, wie er auf dem Sandweg ums Haus näher kam, den Ranzen nur an einem Riemen schief über der schmalen Schulter, seinen unsicheren Gang, seine aufgelöste  Mimik, seine vom Weinen verquollenen Augen. Schnurstracks ging ich auf ihn zu, nahm ruhig seine Hand in meine und führte ihn ins Wohnzimmer in die den Erwachsenen vorbehaltene Sitzecke vor dem braunen Flügel. Ich bugsierte ihn vorsichtig durch den schmalen Rundbogen der Tür zwischen  Badezimmer und Wandschrank, ließ ihn nicht los bis wir vor dem alten abgewetzten braunen Brahmssofa standen.
„ Nun leg dich man erstmal hin, Orje.“
Vorgestern trafen wir uns auf einer Veranstaltung in den Ausstellungsräumen mit altem Industrieinventar, wo mein Bruder arbeitet. Nachdem wir unseren Rundgang durch das Gewirr von Menschenknäueln, wunderschön restaurierten Tischen, Schränken, Stühlen und Lampen beendet hatten, steuerten wir wieder unseren Platz an, wo wir unsere Jacken abgelegt hatten und unsere Weingläser auf uns warteten. Mit wackeligen Beinen  ließ ich mich auf den Stuhl plumpsen und  lehnte meine Krücken an die Wand.  
 „ Nun leg dich man erstmal hin, Hannchen.“
Er hatte es nicht gesagt, nicht einmal geflüstert aber es war mir, als hätte ich es ganz deutlich gehört.

Samstag, 3. Oktober 2015

Vier Freunde

wir waren 4
zweimal im Jahr
für ein paar Tage
draußen mit Boot und Zelt
und Sack und Pack
bei jedem Wetter
ein eingespieltes Team
und jeder hatte seinen Platz

ich meist im Kajak, hinten
Du, Tomschi vorne drin
oft fuhr ich auch allein

und Du im Einer hinten dran
Deine quergelegten Paddel waren uns ein stetes Bild
und warten mußten wir auf Dich so manches mal

Peters Platz war vorn im Kanu
zurückgelehnt an einen Turm Gepäck
Du, HC, aufgerichtet hinten
als unumstrittener Kapitän des Frachters
kommandostark in Wort und Tat

heut´sind wir noch zu zweit
gerade zurück von einer Fahrt mit Freunden
die Euren Platz einnahmen
viel gesprochen wurde über Euch und die alte Zeit

Ihr seid gegangen
Du, Langsamfahrer, nach Brasilien, um Deinen Traum zu leben
auf Deiner kleinen Farm
und Du HC, wohin
Wir wissen´s nicht genau

auch ohne Euch sind´s immer wieder schöne Fahrten
doch zu ersetzen seid Ihr nicht
wir hätten Euch gern nochmal dabei