Die eigentliche Bedeutung dieses Wortes ist nicht klar.
Es sollte wohl "Gymnastik" heißen, aber für uns Kinder war das wohl zu kompliziert und so entstand eben "Enschlakti", denn das machte Erika, wenn sie zu Frau M. ging. Ich glaube, sie machte uns auch die eine oder andere Übung vor, aber das weiß ich nicht mehr so genau.
Frau M. war eine für uns etwas merkwürdige Frau, die in ihrer Hütte im Wald lebte. Wir hatten bei ihr Flötenuntericht und gingen einmal die Woche dorthin, in diese etwas dunkle Blockhütte. Es war aber nichts furchterregendes daran, und Frau M. erwartete uns oft draußen in ihrem schönen Garten voller Steine und Blumen. Auch drinnen gab es viele Steine und die einzelnen Töne wurden durch solche dargestellt.
Den Stein, der das "C" darstellte habe ich heute noch vor Augen. Es war ein faustgroßer, brauner, mit glänzender Oberfläche, und mit dem fing immer alles an, was wir lernten.
Frau M. war eine alte Freundin von Erika, wobei ihre Rolle immer etwas undurchsichtig blieb. Sie war wohl nach dem Krieg irgendwo aus dem Osten gekommen und hatte eine kleine Tochter, die sie allein großzog. Wie sie dann zu diesem fantastischen Waldgrundstück kam, weiß ich nicht.
Die Freundschaft mit ihr wurde in Erikas Familie nicht gerne gesehen, und es gab etliche Versuche, sie von dieser Frau, der "Hexe", wegzubringen, denn diese verbreitete wohl unerwünschtes Gedankengut und unterstützte Erika in ihrem damaligen Freiheitsdrang. Sie lebte allein mit ihrer Tochter, gab Musikuntericht, Gymnastikkurse und spielte Orgel in der Hamburger Jakobikirche.
In den Jahren vor ihrem Tod, war ich oft bei ihr, wegen meiner Rückenbeschwerden. Die Blockhütte war jetzt eingebaut in ein festes Steinhaus, was ihr niemals gefiel. Bei den Gymnastikabenden ging es immer sehr lustig zu, und ich sehe sie noch in ihrem Sessel sitzen, mit langen grauen, hinten zusammengebundenen Haaren. Sie hat eigentlich immer geraucht und viel und laut gelacht. Dann war sie irgendwann einfach weg.
Erika hatte nicht viele Freundinnen, aber zu Frau M. ging sie regelmäßig, und diese Besuche waren immer irgendwie nebulös. Selbst Ferdinand hat sich niemals darüber ausgelassen, was eigentlich gar nicht zu ihm passte. Die anderen beiden Freundinnen, an die ich mich erinnere, Christa S. und Gebbi, erfuhren weniger Respekt, und zu uns nach hause kamen sie sowieso nie, auch Frau M. nicht. Frau M. wurde auch nie mit ihrem Vornahmen genannt. Ich weiß ihn bis heute nicht, oder habe ihn vergessen, weil er keine Rolle spielte?
Heute abend werde ich, wie so oft am Montag, wieder an ihrem Haus vorbeifahren, und ich werde wieder hinschauen, und mich fragen, ob dort drinnen noch immer die Reste ihrer alten Hütte zu finden sind?