Heute auf dem Weg zur U-Bahn ging
vor mir ein etwa achtjähriges
Schulmädchen. Sie trug einen Lederranzen, keinen Rucksack, wie sonst heute
üblich, auch keinen mit grellpinken Lilli-Feen oder Ponys geschmückten
Plastikranzen. Das schlichte dunkelbraune
Leder der Lasche über dem metallenen mittig angebrachten Verschluß kräuselte
sich an den äußeren Enden zu zwei kleinen angelegten Eselsohren. Ich sah auf
ihren Rücken, auf den hin-und her schaukelnden kleinen Vintage-Kasten, und je
länger ich hinter dem Mädchen herlief, umso klarer wurde das Bild meines
eigenen Ranzens, konnte ich seinen Verschluß öffnen, den Nubsi runterdrücken und
durch den Metallriegel schieben. sah ich hinein auf die paar Hefte in
durchsichtigen verschieden farbigen Umschlägen, wild durcheinander gemischt
zwischen der Fibel Tür und Tor, Zeichenblock, Tuschkasten, Federtasche und den
Turnschuhen, und mir stieg sein Geruch
in die Nase: Der Geruch von Leder, mehrmals benutzen, mit alter verschmierter
Butter getränkten Haferflockentüten, Apfelgriebschen, Tinte, Radiergummi und Marmeladenbroten. Als ich an ihr
vorbeiging, sie beim Überholen fast mit dem Ärmel berührte, hab ich gar nichts
gerochen. Nur den vom Wind herübergetragenen leichten Duft der voll
aufgeblühten Forsythien am Wegesrand.
Montag, 31. März 2014
Sonntag, 23. März 2014
Fenstersprung
Der Fenstersprung ist immer konsequent,
und radikal.
die Richtung klar und unumkehrbar
gleich.
Das Ziel des Sprungs ist individuell
verschieden.
Bei vielen ist es das ersehnte „Aus“,
bei anderen,
nur Ausweg und Beginn der großen
Flucht und Freiheit.
Gesprungen sind schon viele.
Ob sie ihr Ziel erreicht, ist ungewiss.
Sie alle sind mir unbekannt.
Nur zwei sind mir bis heute stets vor
Augen.
„Indianer Joe“, der so dem Strick
entkam.
und „Bobo“.
Ein Junge wars, an
einer uns bekannten Schule.
Nicht sehr beschlagen und ein Wüterich.
Entkommen ist er so, der wohl
verdienten Strafe.
Zumindest für gewisse Zeit.
Ein kleiner Held ist er geblieben.
Montag, 17. März 2014
van der Luppe
Erika und und ihr kleiner Bruder Klaus kauerten in regelmäßigen Abständen am
Straßenrand im Wöhrendamm vor ihrem Elternhaus über dem Abflusssiel und waren
mit einer Schnur zugange. An der Schnur hatten sie eine kleine Puppenstubenfigur
befestigt. Mit feierlichem hoch konzentrierten Gesichtern ließen die beiden
Geschwister die halb verfaulte Puppe
über dem Gulli pendeln, um sie im nächsten Augenblick kalten Herzens zwischen
zwei Sielrippen verschwinden zu lassen. Stück für Stück ließen sie mehr Schnur durch ihre Finger gleiten, bis Puppe und Schnur im Dunkel der Katakomben
verschwunden waren und nur noch der Knoten zu sehen war, mit dem sie die Schnur
an einer der eisernen Sielrippen festgebunden
hatten. Gelegentlich fiel einem von
beiden die Puppe ein, die sie, einen deutlichen Hinweis auf das politische
Klima ihres Elternhauses gebend, Marinus van der Luppe nannten. Van der Luppe wurde
heraufgezogen, um ihn lange zu betrachten, sich am fortschreitenden Zerfall der
langsam verottenden, von Schlamm und
jauchigem Wasser immer elender zugerichteten
Kerl zu weiden. Wenn sie ihn lange
genug betrachtet hatten, wurde die Schnur überprüft, gegebenenfalls erneuert,
und Van der Luppe wurde langsam und
feierlich wieder in die schwarze Finsternis hinabgesenkt.
Dienstag, 11. März 2014
Krähenbild des Monats März 2014
Time stands still with gazing on her face,
Stand still and gaze for minutes, hours, and years to give her place.
All other things shall change, but she remains the same,
Till heavens changed have their course and time hath lost his name,
John Dowland
Ansonsten möchte ich mich momentan beschränken auf das Krähenbild des Monats Februar.
Die Krähen waren alle weggeflogen. Übrig blieb diese Taube:
Dummerweise ist mir das Foto irgendwie verlorengegangen, vielleicht find´ich es ja noch.
Ein einsamer kahler Ast ragt an einem trüben Februarmorgen in den noch wenig erhellten Himmel.
Ganz außen sitzt eine Taube und macht einen etwas verwunderten Eindruck.
Und jetzt kommt dafür das Krähenbild des Monats März 2014:
Auch wieder keine Krähe, aber dafür eine Singdrossel, die uns hier jeden morgen und abend, immer an dem gleichen Platz sitzend,
Freitag, 7. März 2014
Lotusfüße
Ich war ganz sicher gewesen, meine drei
zusammengehörende Sockenpaare in der Waschtrommel verstaut zu haben, und
hinterher waren mal wieder zwei einzelne
Socken dabei, die zu keinem anderen gehörten.
Ich sang „ In darkness let me dwell“ von John
Dowland, während ich mein heißes Gesicht
gegen die kühlende Verschalung der Waschtrommel presste, mit einem Arm in das
metallene Innere langte und meine Hand an deren löchrigen hubbeligen
Rundungen entlang fahren ließ. Wenn ich es genau nehme, brauche ich
schon seit langem nur noch zwei Paar
Socken in der Woche. Jeden Abend wenn ich
die Socken ausziehe, sind meine Füße trocken und warm wie die Stofftatzen von meinem alten Teddy, dessen Bauch eine kreisrunde,
haarlose, blanke grau-schwarze Verfärbung von ranziger fünfzigjähriger Niveacreme aufweist, und aus
deren aufgeplatzer dünner Fellhülle, von Nen damals mit einem Stück roten Stoff
und großen Stichen schwarzen Zwirns notdürftig geflickt, die staubige
Strohfüllung herausquillt. Jeden Abend staune
ich über meine einwandfrei, wie Kinderhaut nach frischer Wolle und trockenem Sand duftenden verzauberten Füße. Erst nach
drei Tagen tue ich die Socken in die
Wäsche, obwohl sie noch total sauber sind. Im Grunde nur, weil ich mich ein bisschen schäme, so
lange die gleichen Socken zu tragen, und
auch weil ich meiner Wahrnehmung misstraue,
ihr ebenso wie meinen Füßen die Möglichkeit zur Veränderung, das Recht zu überraschendem Wandel ihrer Fähigkeiten
zubillige. Nicht nur die Füße, auch Achseln und Handflächen, sonst unaufhörlich
schwitzend, sind zu staubtrockenen Zonen geworden. Nur Hals, Kopf und Ohren sind
davon ausgenommen, erfahren den Zauber umgekehrt.
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