Montag, 31. März 2014

Schulwege





Heute auf dem Weg zur U-Bahn ging vor mir  ein etwa achtjähriges Schulmädchen. Sie trug einen Lederranzen, keinen Rucksack, wie sonst heute üblich, auch keinen mit grellpinken Lilli-Feen oder Ponys geschmückten Plastikranzen. Das  schlichte dunkelbraune Leder der Lasche über dem metallenen mittig angebrachten Verschluß kräuselte sich an den äußeren Enden zu zwei kleinen angelegten Eselsohren. Ich sah auf ihren Rücken, auf den hin-und her schaukelnden kleinen Vintage-Kasten, und je länger ich hinter dem Mädchen herlief, umso klarer wurde das Bild meines eigenen  Ranzens, konnte ich seinen  Verschluß öffnen, den Nubsi runterdrücken und durch den Metallriegel schieben. sah ich hinein auf die paar Hefte in durchsichtigen verschieden farbigen Umschlägen, wild durcheinander gemischt zwischen der Fibel Tür und Tor, Zeichenblock, Tuschkasten, Federtasche  und  den Turnschuhen, und  mir stieg sein Geruch in die Nase: Der Geruch von Leder, mehrmals benutzen, mit alter verschmierter Butter getränkten Haferflockentüten, Apfelgriebschen, Tinte, Radiergummi  und Marmeladenbroten. Als ich an ihr vorbeiging, sie beim Überholen fast mit dem Ärmel berührte, hab ich gar nichts gerochen. Nur den vom Wind herübergetragenen leichten Duft der voll aufgeblühten Forsythien am Wegesrand.

Sonntag, 23. März 2014

Fenstersprung

Der Fenstersprung ist immer konsequent,
und radikal.
die Richtung klar und unumkehrbar gleich.
Das Ziel des Sprungs ist individuell verschieden.

Bei vielen ist es das ersehnte „Aus“,
bei anderen,
nur Ausweg und Beginn der großen Flucht und Freiheit.

Gesprungen sind schon viele.
Ob sie ihr Ziel erreicht, ist ungewiss.
Sie alle sind mir unbekannt.

Nur zwei sind mir bis heute stets vor Augen.
„Indianer Joe“, der so dem Strick entkam.

und „Bobo“. 
Ein Junge wars, an einer uns bekannten Schule.
Nicht sehr beschlagen und ein Wüterich.
Entkommen ist er so, der wohl verdienten Strafe.
Zumindest für gewisse Zeit.

Ein kleiner Held ist er geblieben.






Montag, 17. März 2014

van der Luppe


Erika und  und ihr kleiner Bruder  Klaus kauerten in regelmäßigen Abständen am Straßenrand im Wöhrendamm vor ihrem Elternhaus über dem Abflusssiel und waren mit einer Schnur zugange. An der Schnur hatten sie eine kleine Puppenstubenfigur befestigt. Mit feierlichem hoch konzentrierten Gesichtern ließen die beiden Geschwister  die halb verfaulte Puppe über dem Gulli pendeln, um sie im nächsten Augenblick kalten Herzens zwischen zwei Sielrippen verschwinden zu lassen. Stück für Stück ließen sie  mehr Schnur durch ihre Finger gleiten, bis  Puppe und Schnur im Dunkel  der Katakomben verschwunden waren und nur noch der Knoten zu sehen war, mit dem sie die Schnur  an einer der  eisernen Sielrippen festgebunden hatten. Gelegentlich fiel einem von beiden die Puppe ein, die sie, einen deutlichen Hinweis auf das politische Klima ihres Elternhauses gebend, Marinus van der Luppe nannten. Van der Luppe wurde heraufgezogen, um ihn lange zu betrachten, sich am fortschreitenden Zerfall der langsam verottenden, von  Schlamm und jauchigem Wasser immer elender zugerichteten  Kerl zu weiden. Wenn sie  ihn lange genug betrachtet hatten, wurde die Schnur überprüft, gegebenenfalls erneuert, und Van der Luppe wurde  langsam und feierlich wieder in die schwarze Finsternis hinabgesenkt.

Dienstag, 11. März 2014

Krähenbild des Monats März 2014



Time stands still with gazing on her face,
Stand still and gaze for minutes, hours, and years to give her place.
All other things shall change, but she remains the same,
Till heavens changed have their course and time hath lost his name,

John Dowland

Ansonsten möchte ich mich momentan beschränken auf das Krähenbild des Monats Februar.
Die Krähen waren alle weggeflogen. Übrig blieb diese Taube:

Dummerweise ist mir das Foto irgendwie verlorengegangen, vielleicht find´ich es ja noch.

Ein einsamer kahler Ast ragt an einem trüben Februarmorgen in den noch wenig erhellten Himmel.
Ganz außen sitzt eine Taube und macht einen etwas verwunderten Eindruck.

Und jetzt kommt dafür das Krähenbild des Monats März 2014:
Auch wieder keine Krähe, aber dafür eine Singdrossel, die uns hier jeden morgen und abend, immer an dem gleichen Platz sitzend,

mit ihrem Gesang verzaubert:

Freitag, 7. März 2014

Lotusfüße


Ich  war ganz sicher gewesen, meine drei zusammengehörende  Sockenpaare  in der Waschtrommel verstaut zu haben, und hinterher waren mal wieder zwei  einzelne Socken dabei, die zu keinem anderen gehörten.
Ich  sang „ In darkness let me dwell“ von John Dowland, während ich mein  heißes Gesicht gegen die kühlende Verschalung der Waschtrommel presste, mit einem Arm in das metallene  Innere langte  und meine Hand an deren löchrigen hubbeligen Rundungen entlang fahren ließ. Wenn ich es genau nehme, brauche ich schon seit langem  nur noch zwei Paar Socken  in der Woche. Jeden Abend wenn ich die Socken ausziehe, sind meine Füße trocken und warm wie die Stofftatzen  von meinem alten Teddy, dessen Bauch eine kreisrunde, haarlose, blanke grau-schwarze Verfärbung von ranziger fünfzigjähriger Niveacreme aufweist, und aus deren aufgeplatzer dünner Fellhülle, von Nen damals mit einem Stück roten Stoff und großen Stichen schwarzen Zwirns notdürftig geflickt, die staubige Strohfüllung herausquillt. Jeden Abend  staune ich über meine einwandfrei, wie Kinderhaut  nach frischer Wolle und trockenem Sand  duftenden verzauberten  Füße. Erst nach drei Tagen tue ich die Socken  in die Wäsche, obwohl sie noch total sauber sind. Im Grunde  nur, weil ich mich ein bisschen schäme, so lange die gleichen  Socken zu tragen, und auch weil ich meiner  Wahrnehmung misstraue, ihr ebenso wie meinen Füßen die Möglichkeit zur Veränderung, das Recht zu  überraschendem Wandel ihrer Fähigkeiten zubillige. Nicht nur die Füße, auch Achseln und Handflächen, sonst unaufhörlich schwitzend, sind zu staubtrockenen Zonen geworden. Nur Hals, Kopf und Ohren sind davon ausgenommen, erfahren den Zauber umgekehrt.