Dienstag, 25. Februar 2014

...einen Stein geworfen

Ich kam von Süden und umfuhr Leipzig im Uhrzeigersinn in Richtung Bitterfeld.Es war ein schöner Spätwintertag, der mittags schon warm zu werden versprach.Die Stadt lag in noch morgentlichem Dunst.Rechts der Straße lagen einige kleinere Seen, umgeben von braunem abgestorbenen Gras und wenigen kleineren Bäumen.Kleine, ebenfalls braune Schilfinseln ragten aus dem Wasser.Ich wußte, dass das Wasser kalt war. Es war erst wenige Tage eisfrei,und schimmerte schwarzblau in der Sonne.Der nicht starke aber noch giftige Wind kräuselte seine Oberfläche.

Eine männliche Gestalt stand am Ufer und schaute auf das Wasser.Sie bückte sich, nahm einen Stein und warf ihn schwungvoll hinein.

Ich hätte gerne angehalten, hätte aus beiden Händen von dem Wasser getrunken.Es hätte herrlich geschmeckt, nach Wasser, wie es nur so schmecken kann, und nach Erde.

Ich hätte einen Stein genommen und ihn weit hinausgeworfen.








Sonntag, 23. Februar 2014

Spiegelungen

Ich lag da auf der Liege mit angezogenen Beinen, mit einem Papierhöschen bekleidet, welches viel zu stramm saß und mich einengte, mit dem Rücken gegen eine Art Lehne gedrückt, genau nach Anweisung. Man hatte auch schon einen Venenzugang gelegt und mir eine Art großen langen verkabelten Fingerhut aus Plastik über den ( vielleicht sogar, zumindest innerlich ausgestreckten) Mittelfinger gestülpt. Es ergab sich ein kurzes Palaver zwischen mir, der Asistentin und dem Arzt, der Narkosemittel in meine Vene einfüllte: „Ist das Routine oder haben  sie Beschwerden?" „Vorsorge."  "Bei fünfundzwanzig Prozent finden wir etwas. Sie werden gleich müde werden.“ Die Assistentin nimmt mir das Fingerhütchen ab, umwickelt mich mit einer Papierdecke, gibt mir zu verstehen, die Decke vorne festzuhalten, die Liege zu  verlassen, ihr in ein kleines Kabuff hinter einem Vorhang zu folgen, um mich dort auf einer einfacheren zweiten  Liege auszustrecken. Sie hält mir eine blaue Synthetik Flauschdecke hin.
„ So nehmen Sie noch die Decke.“„ Was für` n Luxus.“„ Es soll Ihnen ja gutgehen.“
Hinter dem Vorhang hörte ich eilige Schritte hin und hergehen, Stimmen, die die gleichen Worte sprachen, mit denen ich  grad eben auf die Untersuchung vorbereitet worden war. Ich drehte mich auf die Seite, die Papierunterlage knautschte und riss. Ich wartete auf die angekündigte Schläfrigkeit. Es war bestimmt schon eine halbe Stunde  vergangen seit ich von der ersten Liege mit Rückenlehne aufgestanden war. Neben mir auf dem Stuhl lagen meine Tasche und mein Schlüpfer, darunter die Stiefel. Irgendwas stimmte nicht. Ich wurde nicht richtig müde. Wenn ich die Augen schloss, glaubte ich eine kleine  Schläfrigkeit wahrzunehmen, aber dann war ich schon wieder hellwach und starrte auf den grauen Vorhang. Ob ich mal rausgehen und Bescheid geben sollte? Dass das Medikament bei mir nicht wirkte? Vielleicht hatten sie viel zu wenig gespritzt, mein Gewicht nicht richtig eingeschätzt. War ich überhaupt nach meinem Gewicht gefragt worden? Die konnten das doch gar nicht richtig dosiert haben. Na ja, die würden ja sowieso nach einiger Zeit nach mir sehen und selbst merken, dass ich noch immer putzmunter war. Vielleicht ein anderes Zeug spritzen.
Ich sollte gar nicht mehr müde werden, hatte alles schon hinter mir, war schon längst fertig.


Freitag, 14. Februar 2014

Nah am Wasser gebaut


Wer viel U- Bahn fährt, hat oft Begegnungen mit Vögeln. Meistens sind es Tauben und Krähen. Gestern, als ich spät beim Schlump auf den Zug wartete, schlenderte ich dicht an einer auf dem Bahnsteig hockenden, offensichtlich kranken oder verletzten Taube vorbei. Obwohl mich meine Schritte nur einige Zentimeter an ihr vorbei führten, blieb sie bewegungslos sitzen. Ihre schwarzen Augen über dem kleinen gelben Schnabel schauten verstört  aus ihrem aufgeplusterten Körper  heraus.
Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe und schaute heulend auf diese traurige elende Federkugel  hinunter.
Ich stellte mir vor, sie in meine Hände zu nehmen, sie behutsam in meine Tasche zu betten, glaubte, sie retten zu können, sie mit in die Bahn und zu mir nach Hause zu bringen.
Aber da war kein Platz für einen so großen Vogel zwischen den Tanzschuhen mit den spitzen hohen Absätzen, dem Buch, dem dicken Schlüsselbund, dem Tabak, den Handschuhen und Taschentüchern.
Der Zug fuhr ein und ich hab sie da sitzen gelassen. Die Leute in der Bahn betrachteten mich diskret mit mitleidsvollen Blicken, so dass ich mein verheultes Gesicht so weit zur Fensterscheibe drehte, dass ich über die eigene Schulter beinahe in ein weiteres besorgtes Augenpaar schaute.


Montag, 3. Februar 2014

Echo


Unser Sohn hatte als kleiner Junge die Angewohnheit, die letzten Silben seiner gesprochenen Worte noch einmal mit stummen Lippenbewegungen zu formen, als müsse er sich des Ausgesprochenen noch einmal vergewisssern, ihnen Gewicht und Würde verleihen.
Ein anderes  Phänomen des Widerhalls  begegnet mir nicht nur mit  Melodien, die mir zwischen Abend und Morgen nicht mehr aus dem Ohr gehen wollen, es betrifft auch gesprochene Sätze aus Tags zuvor geführten Gesprächen, Fragmente einer Unterhaltung oder auch nur einzelne Gedankenstränge aus meinen eigenen, im Stillen mit mir selbst geführten Auseinandersetzungen zu Themen, die mich beschäftigen.
Wie ein lang anhaltendes Echo vom Einschlafen über die Stunden der Nacht hinweg rüber zum Erwachen, klingt in meinem Ohr nach, was mich etwas angeht. 
Im Grunde keine schlechte Entdeckung, denn auf diese Weise trennt mein inneres Echolot die Spreu vom Weizen, was angesichts der sich verkürzenden Lebenszeit umso wichtiger erscheint.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Echorufe in meinem Kopf sich weiterhin gesittet und übersichtlich auf das Wesentliche beschränken und nicht in einer Kakophonie von sich ineinander verhedderndem,  in die Quere kommenden  Geplärre mündet.


Sonntag, 2. Februar 2014

Wintervogel

Es ist noch nicht ganz hell an diesem Wintermorgen, doch schon beim Verlassen des Bahnhofs höre ich es.
Die ganze Stadt ist erfüllt von ihrem lauten „Krah Krah Krah“.
Sie sitzen zu Hunderten in den blätterlosen Linden über ihren jetzt verlassenen Horsten.
Kleine Schwärme fliegen auf und lassen sich wenig weiter nieder. Einzelne oder kleine Gruppen fliegen davon.
Die große Hängebuche im Park ist besetzt, als trage sie eine schwarze Mütze. In der Ferne zieht ein großer Schwarm  aus dem nebligen Sichtfeld.
Heute sind sie laut. An anderen Tagen sitzen sie still in den Bäumen und unterhalten sich gedämpft.
Nur vereinzelt ist ein gedämpftes „Tschak“ zu vernehmen. Dann reden sie über uns.