Freitag, 26. Dezember 2014

Ich nehme den Pinguin



Die Schlittschuhe habe ich, seit meine Füße nicht mehr weiter wuchsen. Sie lagen auf meinem Weihnachtstisch, da muss ich so sechzehn, siebzehn gewesen sein. Ich hab mir nie neue gekauft, obwohl ich bald neunundfünfzig  Jahre alt werde. Jeden Winter hab ich die Kufen schleifen lassen, höchstens mal ein paar neue Schoner hab ich mir geholt. Meine Schlittschuhe sind immer noch weiß zwischen den dunklen Kratzern auf dem weichen Leder, nur um die Schnürsenkellöcher haben sich gelblich-braune Ränder gebildet. Anfang Dezember hole ich sie aus dem Keller, nehme die Jacken fort, die darüber hängen und fummel die zusammengeknoteten langen Schnürsenkel von dem Haken über der Treppe ab.

Ich schaue mir den Kufenschliff an, fahre mit den Fingern über den scharfen  Metallgrad und  ziehe die Socken mit den Polstern für die Knöchel aus den Schuspitzen hervor.
 In milden Wintern, wenn die Teiche in der Umgebung nicht zufrieren,  fahre ich alle zwei- drei Wochen Montags zusammen mit meinem  Bruder zur Eisbahn in die Stadt rein. Wir nehmen den Regionalzug um kurz vor sieben.  Mein Bruder hat neue Schlittschuhe mit hartem, festen Kunststoffschaft und einschnappendem modernen Verschluß in seinem Rucksack. Meine Schlittschuhe gucken entweder mit dem hinteren, lang gestrecktem, sich zum Ende verjüngenden Teil ihrer Kufen, der  Ecke eines  Schaftes oder mit ihren Schuhspitzen aus meiner Tasche raus. Sie sehen doch ziemlich ramponiert aus  unter den Blicken der Leute, wenn ich so damit in der Bahn herumfahre. Wir steigen St. Pauli aus, laufen einigen Minuten durch den Park zur Eisbahn. Dann drehen wir anderthalb Stunden unsere Runden, fahren unser eigenes Tempo, nehmen verschiedene Kurven und Richtungen, begegnen uns, fahren eine Weile nebeneinander her  und trennen uns wieder. Ein oder zweimal verlassen wir das Eis, stolpern auf den Kufen zum Kiosk, holen uns einen Glühwein  mit Schuss, rauchen eine Zigarette zusammen und schauen aufs Eis. Das große längliche Oval der Kunsteislaufbahn ist in zwei Teile geteilt. Im  hinteren Drittel  gibt es Trainingsstunden in Eiskunstlauf oder Eishockey. Manchmal kann man auch einer Gruppe beim  Eiskegeln zuschauen und mit Glück einem Slalom Contest.  Rechts vorne gibt es eine Ecke, wo die Lernfiguren stehen. Etwa hüfthohe Kunststoffnachbildungen von Schlümpfen, Walt Disney, Märchen und Tier Figuren mit Haltegriffen links und rechts an den Köpfen.

Ich versuch es  trotz Allem noch einmal. Ich nehme einfach einen von den Schlümpfen. Oder vielleicht lieber einen Pinguin. Schade, dass sie so niedrig sind.

Montag, 22. Dezember 2014

Zugfahrt kurz vor Weihnachten

Es ist nichts dramatisches an dieser Zugfahrt in der Nacht.
Keine tosenden Elemente.
Kein Kampf gegen den Sturm.
Und kein „Feuer, was plötzlich vom Himmel fiel“.

Dieser Zug bleiert recht gemütlich durch die Dezembernacht.
RB soundso, 0:58 ab Hamburg Hauptbahnhof
nach Lübeck mit Halt an allen Unterwegsbahnhöfen.

Ich fahre nicht oft mit diesem späten Zug.
Er ist recht voll,
bringt die Menschen nach hause,
die am vorletzten Adventssonnabend ein bischen gefeiert haben.
Die Menschen sind müde und still.
Einige Gesprächsfetzen kann ich auffangen.
Ansonsten höre ich nur gedämftes Gemurmel.

Gedämft,.... wie alles in diesem Zug.
Ich habe den Eindruck, der Zug fährt auch langsamer als sonst,
um nicht so viel Lärm zu machen,
und niemanden zu erschrecken.
Auch auf Fahrkartenkontrolle wird rücksichtsvoll verzichtet.

Ich bin pünklich da, wo ich hin will,
steige aus
und stehe noch einen Moment am geschlossenen Bahnübergang.
Der Zug rumpelt vorbei.
Eine Weile schaue ich den roten Lichtern hinterher.
Dann gehe ich nach hause


Sonntag, 14. Dezember 2014

Meinem Bruder geht es schlecht

Schon seit zwei Monaten steht  fest, dass er sich  eine Wohnung ganz für sich alleine suchen muss. Seit sie ihm gesagt hat, dass Schluss ist und sie am ersten Januar ausziehen wird. Sie hat das schon lange geplant, hinter seinem Rücken mit ihrer Familie Pläne geschmiedet.  Auch ihre beiden Töchter wussten Bescheid, lange bevor er ihr reinen Wein eingeschenkt hat. Das gemeinsame Haus wird verkauft. Er hätte sich längst um eine Wohnung kümmern müssen. Viel zu schnell vergeht die verbleibende Zeit  und er  kommt jetzt in Zeitdruck. Letztes Wochenende haben sie  schon den Keller ausgemistet und vieles zum Sperrmüll gegeben. 
Seit Wochen schläft er auf einer Matratze in der Musikschule. Tagsüber lehnt er sie hochgeklappt an die Wand hinter der Tür.
Seine Chefin bringt ihm morgens drei frische Brötchen und einen Becher Kaffee vorbei. Manchmal liegt er dann noch auf der Matratze, wenn sie anklopft, und er ruft dann
 "Moment, bin gleich da! Stell doch einfach vor die Tür und und danke! “
Das ist supernett von der Chefin und er ist dankbar, dass er sie hat.
Nach Feierabend  stellt er sein Cello in die Ecke, schiebt die paar Stühle aus dem Weg und rollt  das Klavier an die Wand. Dann holt er  die Matratze hinter der Tür hervor. Wahrscheinlich geht er woanders hin, macht einen richtigen Schnitt. Vielleicht  in Itzehoe, da arbeitet er dreimal in der Woche. Itzehoe ist eine schöne kleine Stadt. Da gibt es Giebelhäuser in der Altstadt und auch einen Fluss. Die Stör fließt mitten durch die Stadt. Er muss immer an südliche Städte denken, wenn er an Itzehoe denkt.  

Dienstag, 2. Dezember 2014

An den Ohren....

Leserbrief zur Kolummne von Tom Schimmeck „Am Gesicht kann man das erkennen“ in der Berliner Zeitung vom 1. 12 2014.
Lieber Herr Schimmeck,
Danke für Ihre Kolummne Ich habe sie mit großem Interesse gelesen und kann Ihnen nur vollends zustimmen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, ein Erlebnis aus den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu schildern, welches mir nie aus dem Kopf ging, und mit der obigen Bemerkung Biermanns gegenüber Frau Karawanski große Parallelen aufweist.
Vorab möchte ich bemerken, dass ich, im Gegensatz zu Ihnen, nie ein großer Verehrer dieses Herren  war. Seine Eitelkeit und Selbstverliebtheit hat mich schon als junger Mensch eher abgestoßen und skeptisch  gemacht. Dass dieser jetzt in einer Feierstunde des Deutschen Bundestages frei gewählte Parlamentarier beleidigen durfte, spricht nicht gerade für dieses, die feixende Regierungsbank und die Hilflosigkeit der Fraktion der Linken, machten mich sprachlos.
Nun zu dem Erlebnis vor nunmehr 37 Jahren. Es war auf einer Reise durch Sri Lanka 1977. Wir waren zu Gast bei einem  singalesischem Teepflanzer im Hochland und saßen abends beim Gespräch mit diesem zusammen, in dessen Verlauf wir auch auf die beiden unterschiedlichen Volksgruppen des Landes, sprich die Mehrheit der Singalesen und die Minderheit der Tamilen, zu sprechen kamen. Er war kein Freund der Tamilen, sie waren für ihn minderwertig, das war klar herauszuhören, aber es war kein Hass darin zu spüren. Er sprach dann etwa folgenden Satz:
„  An den Ohren kann ich sie erkennen. Ich kann einen Singalesen von hinten an den Ohren von einem Tamilen unterscheiden“.
Wenig später brachen in dem Land die grausigen Progrome gegenüber der tamilischen Minderheit los, die dann in den langjährigen Bürgerkrieg des Landes mündeten. Sicherlich wird es in Deutschland nichts ähnliches gegenüber Anhängern der Linken geben, aber die Denke, die Denke ist die gleiche, das hat mir Herr Biermann mit seiner dummen Bemerkung klar vor Augen geführt, und unsere Regierung und unsere Parlamentarier haben sich  bis heute nicht von so etwas distanziert.

Da bist du ja wieder

Mein Freund  stieg vorgestern aus dem Bett und lehnte mit dem Rücken an der Wand, rückte das kleine Radio neben ihm auf dem Bord zurecht. Mein Freund  hört immer nur einen Sender. NDR Info Mittelwelle auf 92,3.
Seine Augen suchten die feine senkrechte dunkle Linie, die er  immer so einstellt, dass sie genau auf dem Komma zwischen der zwei und der drei steht. Er suchte seine Brille, setzte sie auf und konnte trotzdem die Frequenznadel nicht finden. Schwitzend  drehte er am Regler und sie erschien ganz rechts am äußersten Rand. Nie hört er einen anderen Sender, seine Nadel steht immer auf 92,3. Er stellte seinen Sender wieder ein, drehte solange am Regler bis  die Nadel das Komma verdeckte und schaute sich im Raum um. War noch etwas verändert? War hier jemand drin gewesen und hatte seinen  Sender verstellt? Der Hausmeister? Der hat doch bestimmt einen Zweitschlüssel. Oder jemand von der Gemeinde, die die Wohnanlage verwaltet?
Er stolperte über den Teppich, als er sich zu schnell umdrehte. Sein Fuß hatte eine Ecke umgeklappt. Der freigelegte  Boden sprang ihn von unten an. Ausgeblichen vom durchs Fenster fallenden Tageslicht, abgetrampelt von seinen  Schritten durchs Zimmer. Klappte einfach so hoch und schoss ihm entgegen. 
Er rollte  den Teppich zusammen, lehnte ihn hinter der Tür in die Ecke  und fegte zitternd mit Schaufel und Eule die paar Sandkörner  und Brotkrümel auf dem dunklen Viereck zusammen.
Bevor er wieder ins Bett ging,  schaute er im Café gegenüber vorbei.  Da sitzt er   öfter und die Bedienung  kennt ihn und ist nett zu ihm.
„ Da bist du ja wieder,“ sagen sie .