Dienstag, 30. September 2014

30.Sept.

Ganz klar der erste Herbsttag dieses Jahres. Schon beim Aufstehen habe ich es gespürt. Es war dunkler als an den anderen Tagen, und dicke Wassertropfen lagen auf der Fensterscheibe über dem Bett. Beim Öffnen der Terassentür erwartete ich Kälte. Aber es war warm und die Luft gefüllt mit Herbstgeruch.
Zu warm angezogen zog ich dann los in den Tag. Der Zug hatte, wie so oft leichte Verspätung und war sehr voll. In der Stadt rieselten die ersten feuchten Blätter von den Linden, aber sie wurden nicht mit Getöse weggeblasen. Ich glaube, diese Metode der Laubentsorgung ist hier mitlerweise verboten. Zu viele haben sich über den Lärm beschwert. Zu recht. Jetzt wird hoffentlich wieder geharkt.
Die Hauptstraße war für den Verkehr gesperrt. Es wurde mal wieder was aufgebaut, für irgendeines dieser Festivitäten, die mittlerweile im Zweiwochenrythmus über den Ort hereinbrechen. Warscheinlich "Oktoberfest", na hier jedenfalls nicht schon im September.
Der Tag hatte dann nichts weiter besonderes, außer, dass es weiter nach Herbst roch. Ein Laubgebläse habe ich dann auch noch gehört. Es war aber ein privates. Und im Regen bin ich nach hause gekommen.

Montag, 29. September 2014

Brief an einen kranken Freund

Hallo A......, ich habe gerade bei Euch angerufen und mit B..... telefoniert. Dich wollte ich eigentlich sprechen, aber Du kannst nicht. Du bist zu krank. Das tut mir sehr leid. Ich würde Dir gerne etwas Mut machen, aber das wollen wohl andere auch und es ist wohl auch nicht so einfach. Ich kann es nur so gut es geht versuchen, indem ich Dir versichere, dass ich und auch meine Familie hier, Dir jeden Tag die Daumen drücken, dass es ein wenig besser geht. Die kleinen Schritte der Besserung sind manchmal gar nicht zu merken, aber sie sind da, und Du hast wohl gerade die schwersten Tage Deines Lebens. Ich wünsche Dir die Kraft, sie durchzustehen. Du hast und hattest bestimmt Stunden, in denen Du gar nicht mehr wußtest, wie Du das schaffen sollst, und jeglicher Mut war dahin. Aber es gibt immer eine Tür, die Dir offen steht, sie ist nur manchmal kaum zu sehen und schwer zu finden. Und manchmal ist es auch ganz gut etwas abzugeben, und zu sagen: „Ich habe alles getan, was ich konnte, den Rest mußt Du jetzt machen“.

Das Foto habe ich auf dem Bohnenwerder( schönster Platz der Welt“) in Mecklenburg gemacht. Vielleicht hast Du ja nächsten Sommer Bock mit mir dahin zu fahren. Dann nehmen wir uns das mal vor und machen uns einen schönen Tag. Blumen geben immer Zuversicht und nach einem dunklen Winter kommt immer auch ein neuer Sommer, ganz bestimmt. Jetzt wünsche ich Dir erst einmal, dass Du heute nacht gut schläfst, und dass es Dir morgen vielleicht ein wenig besser geht, und wenn es nur ein klitzekleines bisschen ist.

Donnerstag, 25. September 2014

Halbes Herz

Heute morgen am Bahnhof, als ich den Schlüssel fürs Fahrradschloss aus der Hosentasche zog, fiel es heraus und lag dann da auf dem Boden. Das halbe Herz. Ein kleines Stück aus Holz, nur wenige Centimeter groß. Ich hob es auf und steckte es wieder ein. Später merkte ich, dass ich ganz froh darüber war, es bemerkt zu haben. Es hätte mich bekümmert, wäre es verlorengegangen.
Vor ein paar Wochen fand ein polnischer Mitarbeiter ein kleines rotes Holzherz in einem zu bearbeitenden alten Möbelstück. Es war ein einfaches leichtes Herz, ohne Wert, aus dünnem Sperrholz, mit Tusche rot bemalt, wohl mal als Weihnachtsschmuck gedacht, oder als kleine Bastelei eines Kindes, normalerweise etwas für den Mülleimer. Mein Arbeitskollege, mit dem ich mich gut verstehe, aber sonst nicht viel zu tun habe, zu weit sind wir in allem auseinander, nahm kurzerhand dies Holzherzchen, schnitt es mit der Säge in zwei Teile und reichte die eine mir mit den Worten: „Halbe Herz für gute Kollege“. 
Wir lachten beide und steckten jeder unsere Hälfte in die Hosentasche, und hin und wieder, wenn es Streit gibt, oder oftmals einfach so, greift dann der eine in die Tasche, holt seine Hälfte hervor,  und wenn dann der andere hastig die seinige hervorgenestelt hat, und sie triumpfierend in die Höhe hält, wird herzlich gelacht, und alles ist gut. 
Ein albernes kleines Spiel. 
Doch als die meinige Hälfte heute am Bahnhof auf dem Boden lag, war mir auf einmal klar, wie wertvoll mir diese kleine Holzstück ist. 
Es ist jetzt wieder da, wo es hingehört. In der linken vorderen Tasche meiner Arbeitshose. Ich werde besser darauf achten. Ich möchte es nicht verlieren.

Mittwoch, 24. September 2014

Mitten drin



Ganz egal, was mich beschäftigt. Erst steh ich noch etwas zögernd und unentschlossen abseits, manchmal brauche ich einen kleinen Schubs, dann mache ich einen Schritt nach vorn, stolpere tastend umher und dann bin ich mitten drin. Jetzt stecke ich bis über die Ohren in der Geschichte der Mathiszigs. Stammbaum, Ahnentafel, Geschichten, Überlieferungen...
Ich schreibe Namen und Daten, suche eine schöne alte Schrift aus, zeichne mit Bleistift Rahmen zurecht, schneide die kleinen Tafeln aus, suche ein System, schiebe umher, lege nebeneinander und übereinander, rücke zurecht, klebe auf.
Regina M. hat ein bisschen angeschoben, Martin M. hat mitgemacht und jetzt bin ich hier: Masuren am Mauersee, zwischen Kattenau und Gut Steinhof, zwischen 1529 und 1902 und dann weiter bis in den Norden Deutschlands von 2014. Eine Spielerei, ein Puzzle aus Vornamen und Daten, aus denen erst schemenhaft und dann immer deutlicher klare Gestalten aus dem Nebel vergangener Jahrhunderte entstehen. Ich geistere herum zwischen den Buchstaben ihrer Namen und der graphischen Anordnung ihrer Geburts- und Todesdaten bis  sie da vor mir stehen in ihren bodenlangen  Kleidern, ihren Tüchern, ihren Hosen und Jacken, Stock Hut und Mantel unterm Arm.  Ein Date mit gestern, heute und morgen.





Dienstag, 9. September 2014

Schön



Die Räder meines neuen Fahrrades sausten über den glatten Asphalt des Radweges, verursachten ein leises gleichmäßiges Surren. Ich sah kurz auf, rüber über die breite Straße und hinunter in die Senke und auf das Wasser des fast zu einem kleinen Fluß sich verbreiternden Baches neben der Straße. Zwischen zwei Büschen hindurch sah ich die Skulptur eines etwas übergroßen Reihers, der  auf einem ins Wasser ragenden Steg oder ähnlichem platziert war. Regungslos, die  dunklen Flügel still und weit ausgestreckt zu beiden Seiten über das Wasser gestreckt. Auch meinem zweiten kritischen  Blick durch die  nächsten vorbei fliegenden Büsche  bot sich der unveränderte Anblick eines zwar außergewöhnlich gelungenen, aber  eindeutig im Baumarkt oder im Gartencenter gekauften und dort in Szene gesetzten und montierten Plastikreihers.
Ich schaltete zwei Gänge hoch, entsprechend meiner aufkeimenden Empörung über dieses Enttäuschungsszenario,  nahm Geschwindigkeit auf, und war eigentlich schon vorbei. Da wollte ich mich nochmal vergewissern, mich endgültigund abschließend von seiner Unechtheit  überzeugen. Ich schaute über meine Schulter zurück, suchte die aufgerichtete reglose Kunststofffigur und sah  die atemberaubend lebendige, dreimal ruhig mit den Flügeln schlagende Gestalt eines Reihers abheben. Schön.


Sonntag, 7. September 2014

Heimfahrt

Lustspiel in einem Akt

Handelnde Personen
  1. Weiblicher Fahrgast, mittleren Alters
  2. Männlicher Fahrgast
  3. Zugbegleiter
  4. Stimme aus dem Lautsprecher
  5. Chor der Fahrgäste
Ester Akt
Erster und einziger Aufzug
Nahverkehrswagen der DB,   vereinzelte Fahrgäste

der Zug steht


Stimme
aus dem Lautsprecher:  Meine Damen und Herren, 
                                             wegen Bauarbeiten im Bahnhof
                                             Rahlstedt
                                             verzögert sich die Einfahrt  noch 
                                              um wenige Minuten........
Chor der Fahrgäste:       So geht das schon die ganze
                                              Woche.......... ja,...... die Bahn hat
                                             ....
Stimme
aus dem Lautsprecher:  Meine Damen und  Herren, ich bitte
                                             noch um etwas Geduld.
                                              gleich geht es weiter.....
                                               ............
                                              Ich bitte Sie noch um etwas Geduld.

                                              zu den den Bauarbeiten ist jetzt 
                                              noch eine
                                              eine Weichenstörung                                                    hinzugekommen.... über die Dauer                                                unserer                                            
                                             Fahrtunterbrechung kann ich leider                                               keine weiteren Angaben                                                      machen.........
                          
Chor der Fahrgäste:        Wenn wir schieben sollen, sagen Sie                                               bescheid!
Stimme
aus dem Lautsprecher:     ..... wir lassen jetzt noch einen
                                                Gegenzug passieren,.... dann geht 
                                                es gleich weiter.......                               
                                        
Chor der Fahrgäste:          Vielleicht gibt´s jetzt noch ´n                                                          Böschungsbrand.......

der Zug fährt wieder

Stimme
aus dem Lautsprecher: Wegen des unplanmäßigen 
                                             Aufenthaltes haben wir eine
                                             momentane Verspätung von
                                             23 Minuten. Wir biten das zu 
                                              entschuldigen
                                                                                                                          


ein Zugbegleiter betritt den Wagen 

Zugbegleiter:                       Die Fahrausweise bitte!
                                             Danke.......Danke...........
Männlicher Fahrgast:           Ich habe eine Tageskarte. Kann ich damit auch zurückfahren?

Zugbegleiter:                        Selbstverständlich......
                                              ......Danke......Danke

Weiblicher Fahrgast:            Ich möchte gerne ein Schleswig    Holstein Ticket.

Zugbegleiter:                        Wo möchten Sie denn hin?

Weiblicher Fahrgast:            Nach Travemünde Strand.

Zugbegleiter:                        Das kann ich Ihnen billiger machen. Nehmen Sie eine Tageskarte. 
Wo sind Sie denn eingestiegen?
 

Weiblicher Fahrgast:             Na... eben... hier....

Zugbegleiter:                        In Ahrensburg....

Weiblicher Fahrgast:            Ja..... Nein .... in Tonndorf....

Zugbegleiter:                       Tageskarte von hier....

Weiblicher Fahrgast:            Nein Tonndorf....

Zugbegleiter :                       Mein ich ja.... nach Travemünde...

Weiblicher Fahrgast:            Ich muß aber nach Travemünde Strand.....Ich treff mich da mit......

Zugbegleiter:                        Das ist das gleiche.......! Das macht dann 9,20 EUR.....
                                             das Schleswig Holstei Ticket kostet 27,00EUR.....
                                             ....ist das recht?

Weiblicher Fahrgast:             Aber bestimmt bis Travemünde Strand......... und kann ich damit auch
                                              zurückfahren?

Zugbegleiter:                        Selbstverständlich.......

Weiblicher Fahrgast:            Ich muß aber wieder bis Tonndorf.....

Stimme
aus dem Lautsprecher:          Meine Damen und Herren......eine Zuginformation..... diese Regional
                                              bahn fährt wegen der großen Verspätung nur bis Bargteheide.... wir
                                              bitten alle Fahrgäste dort auszusteigen.... Herzlichen Dank.

Weiblicher Fahrgast:             Und wie komme ich jetzt nach Travemünde Strand?....... ich treff mich
                                              da mit........

Chor der Fahrgäste:              Mit der Bahn.......

Dienstag, 2. September 2014

Triathlon




Ich war zum ersten mal nach dreißig Jahren mit dem Rad in der Bahn unterwegs. Hier am Kiekut Bahnhof flott das Fahrrad die Treppen runter getragen, rein in die Bahn, in  Volksdorf wieder Treppen runter, auf der anderen Seite den Fahrstuhl nehmen.  Ein alter Herr mit Gehwagen hielt mir noch die Tür auf und so klemmte ich mich und mein Rad neben ihn in die kleine Kabine. Das Fahrrad war zu lang, das Hinterrad ragte um einige Zentimeter aus der Tür raus. Die Tür weigerte sich zu schließen, es rührte sich nichts. Auch mehrmaliges  abwechselndes Knopfdrücken von uns beiden brachte keine Reaktion. Die beste Idee war, das Fahrrad zu verkürzen, indem ich es etwas in die Vertikale bzw. Diagonale anhob. Die Tür schloss sich lautlos, wir lächelten uns an und rauschten abwärts. Der Lautsprecher verkündete die Landung auf Gleis I und die Tür gab den Weg auf den Bahnsteig frei. Der Herr rüttelte an seinem Gehwagen, der mit meinem Lenker in innigster Umarmung festhielt, mein Rad hatte sich zwischen der linken Ecke, dem Gehwagen  und der Fahrstuhltür verheddert, klemmte mit erhobenem Hinterrad und gesenkter Schnauze fest. Die Automatik tutete und erst das bereitwillige Eingreifen zweier oben auf den Fahrstuhl wartender Radler mit Nummern hinten am Sattel und in T- Shirts mit der Aufschrift:   


konnten unsere unselige Aneinanderkettung lösen...


Ich muss mein süßes kleines kurzes Fahrrad wohl doch die Treppen hochtragen...