Ganz klar der erste Herbsttag dieses Jahres. Schon beim Aufstehen habe ich es gespürt. Es war dunkler als an den anderen Tagen, und dicke Wassertropfen lagen auf der Fensterscheibe über dem Bett. Beim Öffnen der Terassentür erwartete ich Kälte. Aber es war warm und die Luft gefüllt mit Herbstgeruch.
Zu warm angezogen zog ich dann los in den Tag. Der Zug hatte, wie so oft leichte Verspätung und war sehr voll. In der Stadt rieselten die ersten feuchten Blätter von den Linden, aber sie wurden nicht mit Getöse weggeblasen. Ich glaube, diese Metode der Laubentsorgung ist hier mitlerweise verboten. Zu viele haben sich über den Lärm beschwert. Zu recht. Jetzt wird hoffentlich wieder geharkt.
Die Hauptstraße war für den Verkehr gesperrt. Es wurde mal wieder was aufgebaut, für irgendeines dieser Festivitäten, die mittlerweile im Zweiwochenrythmus über den Ort hereinbrechen. Warscheinlich "Oktoberfest", na hier jedenfalls nicht schon im September.
Der Tag hatte dann nichts weiter besonderes, außer, dass es weiter nach Herbst roch. Ein Laubgebläse habe ich dann auch noch gehört. Es war aber ein privates. Und im Regen bin ich nach hause gekommen.
Dienstag, 30. September 2014
Montag, 29. September 2014
Brief an einen kranken Freund
Hallo A......, ich habe gerade bei Euch
angerufen und mit B..... telefoniert. Dich wollte ich eigentlich
sprechen, aber Du kannst nicht. Du bist zu krank. Das tut mir sehr
leid. Ich würde Dir gerne etwas Mut machen, aber das wollen wohl
andere auch und es ist wohl auch nicht so einfach. Ich kann es nur so
gut es geht versuchen, indem ich Dir versichere, dass ich und auch
meine Familie hier, Dir jeden Tag die Daumen drücken, dass es ein
wenig besser geht. Die kleinen Schritte der Besserung sind manchmal
gar nicht zu merken, aber sie sind da, und Du hast wohl gerade die
schwersten Tage Deines Lebens. Ich wünsche Dir die Kraft, sie
durchzustehen. Du hast und hattest bestimmt Stunden, in denen Du gar
nicht mehr wußtest, wie Du das schaffen sollst, und jeglicher Mut
war dahin. Aber es gibt immer eine Tür, die Dir offen steht, sie ist
nur manchmal kaum zu sehen und schwer zu finden. Und manchmal ist es
auch ganz gut etwas abzugeben, und zu sagen: „Ich habe alles getan,
was ich konnte, den Rest mußt Du jetzt machen“.
Das Foto habe ich auf dem Bohnenwerder(
schönster Platz der Welt“) in Mecklenburg gemacht. Vielleicht hast
Du ja nächsten Sommer Bock mit mir dahin zu fahren. Dann nehmen wir
uns das mal vor und machen uns einen schönen Tag. Blumen geben immer
Zuversicht und nach einem dunklen Winter kommt immer auch ein neuer
Sommer, ganz bestimmt. Jetzt wünsche ich Dir erst einmal, dass Du
heute nacht gut schläfst, und dass es Dir morgen vielleicht ein
wenig besser geht, und wenn es nur ein klitzekleines bisschen ist.
Donnerstag, 25. September 2014
Halbes Herz
Heute morgen am Bahnhof, als ich den
Schlüssel fürs Fahrradschloss aus der Hosentasche zog, fiel es
heraus und lag dann da auf dem Boden. Das halbe Herz. Ein kleines Stück aus Holz, nur wenige Centimeter groß. Ich hob es auf
und steckte es wieder ein. Später merkte ich, dass ich ganz froh
darüber war, es bemerkt zu haben. Es hätte mich bekümmert, wäre
es verlorengegangen.
Vor ein paar Wochen fand ein polnischer
Mitarbeiter ein kleines rotes Holzherz in einem zu bearbeitenden
alten Möbelstück. Es war ein einfaches leichtes Herz, ohne Wert,
aus dünnem Sperrholz, mit Tusche rot bemalt, wohl mal als
Weihnachtsschmuck gedacht, oder als kleine Bastelei eines Kindes,
normalerweise etwas für den Mülleimer. Mein Arbeitskollege, mit dem
ich mich gut verstehe, aber sonst nicht viel zu tun habe, zu weit
sind wir in allem auseinander, nahm kurzerhand dies Holzherzchen,
schnitt es mit der Säge in zwei Teile und reichte die eine mir mit
den Worten: „Halbe Herz für gute Kollege“.
Wir lachten beide und steckten jeder
unsere Hälfte in die Hosentasche, und hin und wieder, wenn es
Streit gibt, oder oftmals einfach so, greift dann der eine in die Tasche, holt seine Hälfte hervor, und wenn dann der
andere hastig die seinige hervorgenestelt hat, und sie triumpfierend
in die Höhe hält, wird herzlich gelacht, und alles ist gut.
Ein
albernes kleines Spiel.
Doch als die meinige Hälfte heute am Bahnhof
auf dem Boden lag, war mir auf einmal klar, wie wertvoll mir diese
kleine Holzstück ist.
Es ist jetzt wieder da, wo es hingehört. In
der linken vorderen Tasche meiner Arbeitshose. Ich werde besser darauf achten. Ich möchte es nicht verlieren.
Mittwoch, 24. September 2014
Mitten drin
Ganz egal, was mich beschäftigt.
Erst steh ich noch etwas zögernd und unentschlossen abseits, manchmal brauche
ich einen kleinen Schubs, dann mache ich einen Schritt nach vorn, stolpere
tastend umher und dann bin ich mitten drin. Jetzt stecke ich bis über die Ohren
in der Geschichte der Mathiszigs. Stammbaum, Ahnentafel, Geschichten,
Überlieferungen...
Ich schreibe Namen und Daten,
suche eine schöne alte Schrift aus, zeichne mit Bleistift Rahmen zurecht,
schneide die kleinen Tafeln aus, suche ein System, schiebe umher, lege
nebeneinander und übereinander, rücke zurecht, klebe auf.
Regina M. hat ein bisschen
angeschoben, Martin M. hat mitgemacht und jetzt bin ich hier: Masuren am
Mauersee, zwischen Kattenau und Gut Steinhof, zwischen 1529 und 1902 und dann
weiter bis in den Norden Deutschlands von 2014. Eine Spielerei, ein Puzzle aus
Vornamen und Daten, aus denen erst schemenhaft und dann immer deutlicher klare Gestalten
aus dem Nebel vergangener Jahrhunderte entstehen. Ich geistere herum
zwischen den Buchstaben ihrer Namen und der graphischen Anordnung ihrer Geburts-
und Todesdaten bis sie da vor mir stehen in ihren bodenlangen Kleidern, ihren Tüchern, ihren Hosen und Jacken, Stock Hut und Mantel unterm Arm. Ein
Date mit gestern, heute und morgen.
Dienstag, 9. September 2014
Schön
Die Räder meines neuen Fahrrades
sausten über den glatten Asphalt des Radweges, verursachten ein leises
gleichmäßiges Surren. Ich sah kurz auf, rüber über die breite Straße und hinunter
in die Senke und auf das Wasser des fast zu einem kleinen Fluß sich
verbreiternden Baches neben der Straße. Zwischen zwei Büschen hindurch sah ich
die Skulptur eines etwas übergroßen Reihers, der auf einem ins Wasser ragenden Steg oder
ähnlichem platziert war. Regungslos, die
dunklen Flügel still und weit ausgestreckt zu beiden Seiten über das
Wasser gestreckt. Auch meinem zweiten kritischen Blick durch die nächsten vorbei fliegenden
Büsche bot sich der unveränderte Anblick
eines zwar außergewöhnlich gelungenen, aber eindeutig im Baumarkt oder im
Gartencenter gekauften und dort in Szene gesetzten und montierten
Plastikreihers.
Ich schaltete zwei Gänge hoch, entsprechend
meiner aufkeimenden Empörung über dieses Enttäuschungsszenario, nahm Geschwindigkeit auf, und war eigentlich schon
vorbei. Da wollte ich mich nochmal vergewissern, mich endgültigund abschließend
von seiner Unechtheit überzeugen. Ich schaute
über meine Schulter zurück, suchte die aufgerichtete reglose Kunststofffigur
und sah die atemberaubend lebendige,
dreimal ruhig mit den Flügeln schlagende Gestalt eines Reihers abheben. Schön.
Sonntag, 7. September 2014
Heimfahrt
Lustspiel in einem Akt
Handelnde Personen
- Weiblicher Fahrgast, mittleren Alters
- Männlicher Fahrgast
- Zugbegleiter
- Stimme aus dem Lautsprecher
- Chor der Fahrgäste
Ester Akt
Erster und einziger Aufzug
Nahverkehrswagen der DB, vereinzelte
Fahrgäste
der Zug steht
Stimme
aus dem Lautsprecher: Meine Damen und
Herren,
wegen Bauarbeiten im Bahnhof
Rahlstedt
verzögert sich die Einfahrt noch
um wenige Minuten........
Chor der Fahrgäste: So geht das
schon die ganze
Woche.......... ja,...... die Bahn hat
....
Stimme
aus dem Lautsprecher: Meine Damen und Herren, ich bitte
noch um etwas Geduld.
gleich geht es weiter.....
............
Ich bitte Sie noch um etwas Geduld.
zu den den Bauarbeiten ist jetzt
noch eine
eine Weichenstörung hinzugekommen.... über die Dauer unserer
Fahrtunterbrechung kann ich leider keine weiteren Angaben machen.........
Chor der Fahrgäste: Wenn wir
schieben sollen, sagen Sie bescheid!
Stimme
aus dem Lautsprecher: ..... wir
lassen jetzt noch einen
Gegenzug passieren,.... dann geht
es gleich weiter.......
Chor der Fahrgäste: Vielleicht
gibt´s jetzt noch ´n Böschungsbrand.......
der Zug fährt wieder
Stimme
aus dem Lautsprecher: Wegen des unplanmäßigen
Aufenthaltes haben wir eine
momentane Verspätung von
23 Minuten. Wir biten das zu
entschuldigen
ein Zugbegleiter betritt den Wagen
Zugbegleiter: Die
Fahrausweise bitte!
Danke.......Danke...........
Männlicher Fahrgast: Ich habe eine
Tageskarte. Kann ich damit auch zurückfahren?
Zugbegleiter:
Selbstverständlich......
......Danke......Danke
Weiblicher Fahrgast: Ich möchte
gerne ein Schleswig Holstein Ticket.
Zugbegleiter: Wo
möchten Sie denn hin?
Weiblicher Fahrgast: Nach
Travemünde Strand.
Zugbegleiter: Das kann
ich Ihnen billiger machen. Nehmen Sie eine Tageskarte.
Wo sind Sie denn eingestiegen?
Weiblicher Fahrgast: Na...
eben... hier....
Zugbegleiter: In
Ahrensburg....
Weiblicher Fahrgast: Ja.....
Nein .... in Tonndorf....
Zugbegleiter:
Tageskarte von hier....
Weiblicher Fahrgast: Nein
Tonndorf....
Zugbegleiter :
Mein ich ja.... nach Travemünde...
Weiblicher Fahrgast: Ich muß aber nach Travemünde Strand.....Ich treff mich da mit......
Zugbegleiter:
Das ist das gleiche.......! Das macht dann 9,20 EUR.....
das Schleswig Holstei Ticket kostet 27,00EUR.....
....ist das recht?
Weiblicher Fahrgast: Aber
bestimmt bis Travemünde Strand......... und kann ich damit auch
zurückfahren?
Zugbegleiter:
Selbstverständlich.......
Weiblicher Fahrgast: Ich
muß aber wieder bis Tonndorf.....
Stimme
aus dem Lautsprecher: Meine
Damen und Herren......eine Zuginformation..... diese Regional
bahn fährt wegen der großen Verspätung nur bis
Bargteheide.... wir
bitten alle Fahrgäste dort auszusteigen.... Herzlichen Dank.
Weiblicher Fahrgast: Und
wie komme ich jetzt nach Travemünde Strand?....... ich treff mich
da mit........
Chor der Fahrgäste: Mit
der Bahn.......
Dienstag, 2. September 2014
Triathlon
Ich war zum ersten mal nach dreißig Jahren mit dem Rad in der Bahn unterwegs. Hier am Kiekut Bahnhof flott das Fahrrad die Treppen runter getragen, rein in die Bahn, in Volksdorf wieder Treppen runter, auf der anderen Seite den Fahrstuhl nehmen. Ein alter Herr mit Gehwagen hielt mir noch die Tür auf und so klemmte ich mich und mein Rad neben ihn in die kleine Kabine. Das Fahrrad war zu lang, das Hinterrad ragte um einige Zentimeter aus der Tür raus. Die Tür weigerte sich zu schließen, es rührte sich nichts. Auch mehrmaliges abwechselndes Knopfdrücken von uns beiden brachte keine Reaktion. Die beste Idee war, das Fahrrad zu verkürzen, indem ich es etwas in die Vertikale bzw. Diagonale anhob. Die Tür schloss sich lautlos, wir lächelten uns an und rauschten abwärts. Der Lautsprecher verkündete die Landung auf Gleis I und die Tür gab den Weg auf den Bahnsteig frei. Der Herr rüttelte an seinem Gehwagen, der mit meinem Lenker in innigster Umarmung festhielt, mein Rad hatte sich zwischen der linken Ecke, dem Gehwagen und der Fahrstuhltür verheddert, klemmte mit erhobenem Hinterrad und gesenkter Schnauze fest. Die Automatik tutete und erst das bereitwillige Eingreifen zweier oben auf den Fahrstuhl wartender Radler mit Nummern hinten am Sattel und in T- Shirts mit der Aufschrift:
konnten unsere unselige Aneinanderkettung lösen...
Ich muss mein süßes kleines kurzes Fahrrad wohl doch die Treppen hochtragen...
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