Samstag, 23. November 2013

Lackschuhe



Ja, sie hieß Gelilein,  hatte feines helles Haar und war ein durchsichtig zartes Pflänzchen. Gelilein trug zierliche kleine schwarze Lachschuhe und Kleider mit weißen Schürzen, die in  der Taille gebunden von ihrem Bäuchlein abstanden. Trotz meiner damaligen kleinkindhaften Unkenntnis in Sachen Attraktivität, war ich mir neben ihr doch meiner ungeschlachten Gestalt bewusst, eher einer norddeutschen Kartoffel ähnlich, wenn ich manchmal neben ihr in dem  Zimmer auf der Küchenbank vorm Fenster kniete und  im Sommer nach draußen auf den Quarkwindelbeutel schaute, aus dem es milchig trübe vom Ast des Pflaumenbaumes auf den Rasen tropfte oder im Winter auf die Eiszapfen, an deren scharfen langen Spitzen sich klare bläulich durchsichtige Tropfen bildeten, sich dickbäuchig vergrößerten, bis sie an dem zusammengeschrumften Rest der kristallenen Ornamente getauter Eisblumen in der unteren rechten Ecke des Fensters vorbei in die schmale Rinne vor der Hauswand ploppten.
Es hatte ziemlich lange gedauert, bis ich meine Sehnsucht nach Lackschuhen aufgab. Magret Seehase hatte auch welche an. Ich glaube, Marigold war es ähnlich ergangen, obwohl sie Gelileins Lackschuhe ja nur als Baby wahrgenommen haben konnte.
 Ohne Lackschuhe sah eher so aus:


Freitag, 22. November 2013

Kindermädchen

Dieses Bild habe ich ganz deutlich:

Vati und Herbert standen sich im Flur gegenüber
und brüllten sich an. 
In der halb geöffneten Tür dahinter stand Grete
und schrie ebenfalls.


Herbert war groß mit vollen Haar und immer grau 
gekleidet, Grete, kleiner, brünett, mit wirren Haaren, etwas 
ungepflegt. Herbert und Grete wohnten in dem kleinen
Zimmer zwischen unserer Diele und dem Atelier, welches
später dann Muttis Zimmer wurde. Ich habe dieses
damalige Zimmer nicht mehr recht vor Augen, weiß auch
nicht, wie es darin aussah, und auch die Tür, in der sich die
beiden Männer anbrüllten, sehe ich an einer anderen Stelle,
als sie eigentlich sein müßte. Ich war wohl noch recht klein, 
und ich hatte Angst vor ihnen und diesen immer 
wiederkehrenden Krach. Vielleicht wurde später auch 
umgebaut.

Herbert und Grete hausten hier in diesem einen Zimmer
mit  ihrer kleinen Tochter, deren Namen ich vergessen
habe, "Gelilein" ist möglich. Statt Miete zu zahlen sollte
Grete im Haushalt helfen, denn Mutti mußte zur Schule und
Vati arbeitete im Atelier an seinen Plastiken.

Diese Abmachung wurde aber von Grete nicht eingehalten
Sie machte gar nichts, und es gab natürlich Streit. Immer
wenn Herbert nach hause kam, er war Zugfahrer bei der
Hochbahn, gab es diese furchtbaren Auseinandersetzungen.
Ob es auch zu Handgreiflichkeiten kam, weiß ich nicht
mehr.

Grete habe ich nur als zerzauste etwas schmuddelige 
keifende Ziege vor Augen, an deren Rockzipfeln immer ihre
Tochter hing. Sie schimpfte aus ihrer Tür und knallte diese 
dann irgendwann zu, und dann kam Herbert 
nach hause, und am Ende knallte auch er die Tür.

Mit "Gelilein" haben wir nur wenig, und wenn, nur in der 
ersten Zeit gespielt. Sie war anders, und später ging das 
sowieso nicht mehr.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange dieser Zustand 
anhielt. Es ging wohl über Monate, und es war eine große
Erleichterung, als sie endlich auszogen, und wir haben nie
wieder etwas von ihnen gehört oder gesehen.

Grete war unser zweites Kindermädchen. Vor ihr war 
Helga da. Von ihr gibt es keine greifbaren Bilder in der 
Erinnerung. Ich glaube sie war blond und ein Engel.

Später kam einmal in der Woche eine Reinmachefrau. Frau
Höppner, genannt "Höppi". Sie war nicht blond und auch
kein Engel. Sie war dick und laut, und oft mit dem Schrubber hinter uns her, hat es aber nie wirklich böse gemeint. Sie sollte uns lange begleiten.


Mittwoch, 20. November 2013

November oder "Zeit zu gehen"


Wenn der Tag nicht zu beginnen scheint.

Wenn die Luft einfach nur naß ist.
Wenn die Sonne mittags nur mit Mühe das Grau durchdringt.
Wenn das abgefallene Laub nun als brauner Haufen fault.
Wenn die Dunkelheit dann schnell so einen Tag erlöst.
und der Vollmond nur schemenhaft durch die Wolken starrt.
Wenn nicht mehr Herbst und noch nicht Winter ist.

Dann geht hier auch der letzte Igel schlafen.

Dienstag, 12. November 2013

Zauber( berg) bett





Ich lag einige  Tage im Bett wegen einer heftigen Mandelentzündung. Das  ungewohnte, durch ein nicht zu bekämpfendes Schwächegefühl erzwungene Darniederliegen hat mir nach dem Überstehen des anfänglichen  extremen Elendsgefühls ausnehmend  gut gefallen.
Der Genuss des Rückzuges aus der Welt mit all ihren Anforderungen war überwältigend. Zwischen Matratze, aufgestelltem Kopfkissen und dem winterlichen Federbett, neben dem Tablett voller Taschentücher, Kopfschmerztabletten und Gurgellösung und den nur kurzen notwendigen Ausflügen zum Klo oder in die Küche eröffnete sich mir eine überraschend verführerische Welt. Nach den ersten zwei Tagen, die ich abwechselnd schlafend und elend im abgedunkelten Zimmer verdämmerte, entwickelten  sich die Tage der Rekonvaleszenz unter diesen Bedingungen  fast zur wünschenswerten  Zukunftaussicht. Ich hätte glatt so weiter machen können. Etappen wohligen Wegdämmerns unterbrochen von kurzen Wachphasen, die ich wahlweise mit einem Buch  schräg gegen meine  aufgestellten Knie oder mit dem Lapptop on the top of my lap verbrachte, um mich nach kurzer Zeit der Konzentration wieder auf die Seite zu drehen, die Augen zu schließen und mich erneut abzumelden aus der Welt wichtigen Tuns, dauernder Präsens  und ständiger Bereitschaft für die Belange des Lebens.
Und es war ein bisschen wie Masern haben, wie ich damals in meinem Alkoven im Kinderzimmer unterm Reetdach lag am hellichten Tag,  dem Rumoren  unten in der Diele zuhörte, vereinzelte  Rufe aus dem Garten zu mir herauf drangen, bevor  ich hin- und her gerissen zwischen dem Wunsch die Treppe runter durch die Diele in den Garten zu laufen und  meiner seligen Müdigkeit   wieder  einschlief.





Montag, 4. November 2013

Kilroy was here






Um diesen Tisch war immer Bewegung. Auf dem Tisch, unter dem Tisch, über dem Tisch, am Tisch, mit dem Tisch um den Tisch herum. Bewegungen haben mich schon immer interessiert. Ich beobachtete gerne Menschen, die mit etwas beschäftigt waren. Je mehr zu sehen war von den Bewegungen, um so schöner sah es aus. Am Schönsten  war es, wenn  gleich unter dem Stoff die Körperformen zu sehen waren. Dann konnte ich eigentlich erst so richtig etwas erkennen.
Nur aus diesem Grund lag ich damals in den Hecken versteckt und beobachtete den Kanalarbeiter Egon aus dem Verborgenen heraus. Egon  war auch immer in Bewegung, hatte im Sommer nur ein blaues Unterhemd an  über der lose mit einem braunen Gürtel zusammengehaltenen Manchesterhose.
Ich hätte einiges dafür gegeben, ihn auf diesem Tisch sitzen zu sehen, wie er sich mit seinem Zollstock den Dreck und Lehmmatsch von seinen Gummistiefeln kratzt, mit dem Ende vom Zollstock Strichmännchen, Pimmel und Gebilde, die das Aussehen von Muscheln oder Pflaumen haben, in die Bohnerwachsschicht der Bretter ritzt, oder zwei Augen neben einer großen langen  Nase, die zwischen  je drei Fingern links und rechts über einen Strich starren.  Zuweilen aber auch nur verträumt und absichtslos ineinander fließende Kreise und Ornamente.