Montag, 23. März 2015

Verlust


Wenn unser Freund unterwegs ist, überfällt ihn immer öfter das Gefühl, etwas ganz Wichtiges verloren zu haben. Als wäre er bepackter losgelaufen, beschwerter, mit einer Stofftasche mehr, einer zweiten Tüte, seinem Notizblock und dem Schirm. Hatte er nicht auch die rote Tasche von Heymann dabei? Wo ist sein neu gekauftes Buch und die Zeitung hatte er doch auch im Rucksack, oder? Das heute morgen geschriebene Gedicht? Er sucht nach etwas Unbestimmtem, nicht zu benennenden, aber das Gefühl, dass etwas fehlt, wird immer quälender, immer beunruhigender, schnürt ihm die Luft ab, bis er richtig in Panik gerät.
Als er gestern spät in seinem Stammlokal aufbrechen wollte, konnte er seinen blauen Stoffbeutel nicht finden. Er hatte keine Klarheit über den Inhalt des blauen Beutels, wußte nicht, was sich genau darin befand, aber er hatte ein richtiges Gewese darum veranstaltet. Alle Leute an den Tischen, die in der Nähe seines Platzes saßen, hat er aufgescheucht. Hat jemand von euch meinen blauen Beutel gesehen? Er muss hier sein. Entschuldige bitte, kannst du mal eben aufstehen? Darf ich mal eben  unter eurem Tisch nachsehen? Er konnte einfach nicht aufhören, danach zu suchen. Irgendwann fiel ihm ein, dass er am Nachmittag vorher bei uns gewesen war, und den blauen Beutel vielleicht dort vergessen haben könnte. Er hat in seiner Not nicht auf die Uhr geschaut, hat sich ein Handy von einem der Gäste ausgeliehen und bei uns angerufen, damit das angstvolle Gestöbere im Lokal endlich aufhörte. Wir  hatten schon tief geschlafen, es war ein Uhr nachts und wir fuhren erschreckt aus dem Schlaf hoch. Ein Anruf mitten in der Nacht, eine schlechte Nachricht. Ein Unfall in der Familie, etwas mit den Kindern, den Enkeln, irgendeine Tragödie, die sofort mitgeteilt werden musste, nicht bis zum Morgen warten konnte.
Ja, der Beutel war da, auf unserem grünen Ledersofa. Da war nur ein Schirm drin und zwei weitere leere Stoffbeutel. Er stammelte mit zittriger Stimme etwas von einem unerträglichen Gefühl des Verlustes und hat dann aufgelegt.



Freitag, 13. März 2015

Die die Zähne zeigt

Der rote Ziegelboden in diesem Atelier

voller Gipskleckse

wie oft habe ich dort gestanden

oft unerwünscht „Was willst Du?“

aber hin und wieder wurde ich hinzugezogen

von ihm

und um Meinung gefragt

ich war dann immer stolz

denn von meinem künstlerischen Verstand hielt er sonst nicht viel

ich wußte dann nicht viel zu sagen

und er hat mir dann seine Idee dazu erklärt



Beindruckt war ich immer

wenn ich ihn da wirtschaften sah

mit seinen hölzernen Tonspachteln

es war die Zeit der riesenhaften Betonskulpturen

deren Fertigstellung am Ende immer zum Kampf wurde



wenn dann gegossen wurde

und die riesigen Gipshohlformen zur Hälfte im Erdreich steckten

und dann mit Beton gefüllt

so schwer waren

dass sie drohten 
dort zu bleiben

oder bei der Bergung zu zerbrechen


aber der eigentlich viel zu kleine „Vierteltonner“

Flaschenzug hat es dann doch immer geschafft

Und Tobias war dann immer zur Stelle

und andere auch





Besonders beeindruckt hat mich

die Skulptur mit den großen Zähnen



Was für ein Kampf im Winter gegen den Frost

als sie

noch in Ton

mit feuchten Lappen umhüllt

drohte kaputtzufrieren.



Fertig in Beton stand sie dann vorne vorm Haus

auf einem Betonsockel

und bleckte die Zähne

zur Strasse hin



Es war Sommer

Ich kam aus der Schule

er war mit einem Vorschlaghammer dabei

sie zu zerschlagen

Die Teile wurden dann vergraben



Jahrzehnte später wurden sie wieder ausgegraben

von anderen Menschen

die jetzt in dem Haus wohnten

sie haben den Kopf wieder aufgestellt



Donnerstag, 12. März 2015

Signum



In meinem Zimmer hängt ein großes Bild meines Vaters aus dem Jahr 1963: Öl auf Leinwand, Hochformat, eins zwanzig mal siebzig. Umbra farbener Hintergrund, links ein weiblicher Akt in einem warmen Weißgelb auf einem roten Schemel sitzend, daneben ein angedeutestes Fensterkreuz mit rostrotem Vorhang. Eines der wenigen Bilder, die er signiert und mit Datum versehen hatte. Ich war sieben Jahre alt, als ich barfuß auf dem nackten Steinboden neben meinem Vater im Atelier vor diesem  Bild stand und ihm zuhörte, wie er zu mir über dieses Bild  sprach. Dann  erklärte er mir sein gerade eben erfundenes Signum. Er malte mit einem feinen Pinsel in die rechte untere Ecke ein ziegelrotes X, dessen oberes offenes Dreieck er durch zwei seitlich angesetzte Senkrechten zum Anfangsbuchstaben seines Namens verwandelte. Das M. Dann umfasste er mit Daumen und Mittelfinger seiner zerschossenen Hand den Pinsel mittig, die Pinselspitze nach rechts, legte ihn quer in eine horizontale Linie zwischen die Schenkel des unteren Dreiecks und deutete  ein A an. Langsam bewegte er nun die haarige Pinselspitze so weit nach unten, bis die angedeutete Mittellinie des As nun im rechten Winkel zu dem linken unteren Dreiecksschenkel und parallel zum rechten lag. Ein etwas nach rechts kippelndes wackeliges F war entstanden. Meine Füße waren inzwischen eiskalt geworden, aber ich stand still neben ihm und schaute unverwandt auf die rechte untere Bildecke. Nachdem er sich zu mir gewandt, mir ins Gesicht gesehen und sich vergewissert hatte, dass ich verstand und hinsah, nahm er den Pinsel wieder richtig in die Hand, die angedeutete F Linie verschwand, er tunkte die Pinselspitze in die ziegelrote Farbe und zog sie dann endgültig mit Farbe nach. Das  Ganze wurde noch großzügig mit locker lässigem Schwung durch ein schwarzes etwas schiefes zittriges Rechteck eingerahmt. Dann setzte er noch locker das Jahr 63  darunter. Ich war ein kleines Mädchen, hatte gerade lesen und schreiben gelernt. Dass mein Vater mich an der  Magie seines  Bildes wie auch seines  Zeichens teilhaben ließ, an seiner Freude, dass er mich ansah und mit mir sprach wie mit einer Ebenbürtigen, bedeutet mir unbeschreiblich viel. Mein Zeichen  sah dann so aus:




Mittwoch, 4. März 2015

"Beachy Head"


Ja, was für ein komischer Tag, dort am „Beachy Head“. Das Wetter war grauenvoll, aber wir kämpften uns da durch. Du bliebst immer ein wenig hinter uns, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass da etwas Ungutes zwischen uns war. Ich erinnere mich, dass Du mehrfach stehenbliebst, ich auch noch ein oder zweimal zurückkam, um Dich aufzumuntern, aber irgendetwas noch anderes, als das Wetter war nicht so wirklich gut. Es war klar, dass Du eigentlich nicht wolltest, dorthin, zu dem Selbstmörderplatz, wo sie sich in den Abgrund „schleudern“, wie Lucie es ausdrückte, den man auch nur schwer erkannte, und dann plötzlich an diesem Abgrund stand. Vorher entdeckten wir noch eine kleine Tafel, schräg eingelassen in den Boden, fast, wie eine kleine Grabplatte. Darauf stand eine biblische Weisheit. 




Na „Prost“!
Aber vielleicht hilft es ja, noch ganz zum Schluß. Am Abgrund selbst war keine Absperrung. Die Grasskannte hörte einfach auf. Nachher fanden wir Euch zwei im Auto, Du etwas angefressen. Ich dachte, es lag am Wetter, aber das war´s wohl nicht allein. Der Tag wurde dann aber doch noch  schön, in Brighten, auf der Seebrücke, die nur noch ein Vergnünguspark ist.

In sechs Wochen ist es dann wieder soweit.


Montag, 2. März 2015

Abknicker



Mein Bruder kam vor einigen Tagen auf eine kleine, etwa ein Jahr zurück liegende Szene zu sprechen. „Warum bist Du damals eigentlich auch umgekehrt auf unserem Weg zum Beachy Head?“ fragte er. „ Ich hab mich  öfter gefragt, ob nicht der eigentliche Grund  für deine Umkehr ein anderer gewesen war, als das Tosen der Gewalten.“
Ein wilder stürmischer Tag an der südenglischen Steilküste. Wie jedes Frühjahr Ende  April waren wir zu viert unterwegs gewesen. Trotz extremer Wetterlage hatten wir uns nach  dem Frühstück im Hotel aufgemacht zum Beachy Head, dem höchsten Punkt der Küste nahe Eastbourne. Auf dem Weg dorthin bemerkten wir einen Kleinbus, der die Strecke zum Beachy Head in verlangsamtem Tempo mehrmals hin und wieder zurück abzuckelte, während Beifahrer wie Fahrer aufmerksam die wenigen geduckten Gestalten beobachteten, die sich  in dichtem Nebel durch  von heftigen Böen gepeitschten Regen  in Richtung der Steilküste voran kämpften. Ausgebildete Teams hielten nach Suizid Verdächtigen Ausschau,  sprachen sie an,  versuchten sie davon abzubringen, sich  von den 162 Meter hohen Klippen zu stürzen. Die Lebensretter  sind besonders ausgebildet, achten vor allem auf die Einzelgänger, auf ihre Körperhaltung und  auf ihren Gang. Nachdem wir oben auf dem Parkplatz das Auto abgestellt hatten, zogen wir unsere Anoraks über die dicken Pullis, stopften unsere Mützen unter die Kapuzen und begannen unseren Marsch durch den Sturm durchtosten Nebel auf  einem nur wage erkennbaren Pfad  zum Beachy Head.
Unser jüngster Bruder machte schon nach einigen Schritten kehrt. „ Ich warte im Auto!“ Wir drei Verbliebenen wechselten  Blicke und stemmten uns weiter  dem Sturm entgegen. Ich blieb ein paar Schritte zurück. Die Regenwand fiel so dicht, der Nebel war so undurchdringlich, dass ich nur schemenhaft eure beiden schwankenden Gestalten, vielleicht vier, fünf  Schritte vor mir her gehend, ausmachen konnte. Ihr zwei gingt  eingehakt, eure Köpfe hieltet ihr dicht beieinander, eure Schultern berührten sich, taumelten wieder auseinander. Im Nebel schwanktet ihr da vor mir her. Zwei undeutliche schemenhafte Silhouetten, die sich gemeinsam diesen Gewalten  stellten. Nicht aufgeben, weiter!
Ich war schon damals auf längeren Strecken nicht wirklich gut zu Fuß. Nicht bei diesen Sichtverhältnissen in unebenem Gelände. Ich fiel weiter zurück, konnte kaum noch die Mienen eurer sich nach einiger Zeit zu mir umwendenden Gesichter erkennen. Obwohl ihr keine zwanzig Meter vor mir wart, fühlte ich mich plötzlich alleine. Meine Stimmung schlug um.
„ Ich kehr` um,“ brüllte ich  gegen das Geheule des Sturmes  an . " Das ist mir zuviel!“
Ich taumelte unsicher durch die gepeitschte Küstenlandschaft zurück zum Parkplatz, achtete auf meine Körperhaltung und bemühte mich um einen strammen festen Schritt, hielt den Kopf so weit wie möglich aufrecht  und hoffte, nicht von dem Patrouille fahrenden Kleinbus und seinen  ausgebildeten Spähern entdeckt und aufs Korn genommen zu werden. Im Auto auf dem Rücksitz döste unser Abknicker. Erst wollte ich auch nach hinten kriechen, aber dann  ließ ich mich vorne auf den Beifahrersitz plumpsen.