Montag, 2. März 2015

Abknicker



Mein Bruder kam vor einigen Tagen auf eine kleine, etwa ein Jahr zurück liegende Szene zu sprechen. „Warum bist Du damals eigentlich auch umgekehrt auf unserem Weg zum Beachy Head?“ fragte er. „ Ich hab mich  öfter gefragt, ob nicht der eigentliche Grund  für deine Umkehr ein anderer gewesen war, als das Tosen der Gewalten.“
Ein wilder stürmischer Tag an der südenglischen Steilküste. Wie jedes Frühjahr Ende  April waren wir zu viert unterwegs gewesen. Trotz extremer Wetterlage hatten wir uns nach  dem Frühstück im Hotel aufgemacht zum Beachy Head, dem höchsten Punkt der Küste nahe Eastbourne. Auf dem Weg dorthin bemerkten wir einen Kleinbus, der die Strecke zum Beachy Head in verlangsamtem Tempo mehrmals hin und wieder zurück abzuckelte, während Beifahrer wie Fahrer aufmerksam die wenigen geduckten Gestalten beobachteten, die sich  in dichtem Nebel durch  von heftigen Böen gepeitschten Regen  in Richtung der Steilküste voran kämpften. Ausgebildete Teams hielten nach Suizid Verdächtigen Ausschau,  sprachen sie an,  versuchten sie davon abzubringen, sich  von den 162 Meter hohen Klippen zu stürzen. Die Lebensretter  sind besonders ausgebildet, achten vor allem auf die Einzelgänger, auf ihre Körperhaltung und  auf ihren Gang. Nachdem wir oben auf dem Parkplatz das Auto abgestellt hatten, zogen wir unsere Anoraks über die dicken Pullis, stopften unsere Mützen unter die Kapuzen und begannen unseren Marsch durch den Sturm durchtosten Nebel auf  einem nur wage erkennbaren Pfad  zum Beachy Head.
Unser jüngster Bruder machte schon nach einigen Schritten kehrt. „ Ich warte im Auto!“ Wir drei Verbliebenen wechselten  Blicke und stemmten uns weiter  dem Sturm entgegen. Ich blieb ein paar Schritte zurück. Die Regenwand fiel so dicht, der Nebel war so undurchdringlich, dass ich nur schemenhaft eure beiden schwankenden Gestalten, vielleicht vier, fünf  Schritte vor mir her gehend, ausmachen konnte. Ihr zwei gingt  eingehakt, eure Köpfe hieltet ihr dicht beieinander, eure Schultern berührten sich, taumelten wieder auseinander. Im Nebel schwanktet ihr da vor mir her. Zwei undeutliche schemenhafte Silhouetten, die sich gemeinsam diesen Gewalten  stellten. Nicht aufgeben, weiter!
Ich war schon damals auf längeren Strecken nicht wirklich gut zu Fuß. Nicht bei diesen Sichtverhältnissen in unebenem Gelände. Ich fiel weiter zurück, konnte kaum noch die Mienen eurer sich nach einiger Zeit zu mir umwendenden Gesichter erkennen. Obwohl ihr keine zwanzig Meter vor mir wart, fühlte ich mich plötzlich alleine. Meine Stimmung schlug um.
„ Ich kehr` um,“ brüllte ich  gegen das Geheule des Sturmes  an . " Das ist mir zuviel!“
Ich taumelte unsicher durch die gepeitschte Küstenlandschaft zurück zum Parkplatz, achtete auf meine Körperhaltung und bemühte mich um einen strammen festen Schritt, hielt den Kopf so weit wie möglich aufrecht  und hoffte, nicht von dem Patrouille fahrenden Kleinbus und seinen  ausgebildeten Spähern entdeckt und aufs Korn genommen zu werden. Im Auto auf dem Rücksitz döste unser Abknicker. Erst wollte ich auch nach hinten kriechen, aber dann  ließ ich mich vorne auf den Beifahrersitz plumpsen. 



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