Mein Bruder kam vor einigen Tagen auf eine kleine,
etwa ein Jahr zurück liegende Szene zu sprechen. „Warum bist Du damals
eigentlich auch umgekehrt auf unserem Weg zum Beachy Head?“ fragte er. „ Ich
hab mich öfter gefragt, ob nicht der eigentliche Grund für deine
Umkehr ein anderer gewesen war, als das Tosen der Gewalten.“
Ein wilder stürmischer Tag an der südenglischen
Steilküste. Wie jedes Frühjahr Ende April waren wir zu viert unterwegs
gewesen. Trotz extremer Wetterlage hatten wir uns nach dem Frühstück im
Hotel aufgemacht zum Beachy Head, dem höchsten Punkt der Küste nahe Eastbourne.
Auf dem Weg dorthin bemerkten wir einen Kleinbus, der die Strecke zum Beachy
Head in verlangsamtem Tempo mehrmals hin und wieder zurück abzuckelte, während
Beifahrer wie Fahrer aufmerksam die wenigen geduckten Gestalten beobachteten,
die sich in dichtem Nebel durch von heftigen Böen gepeitschten
Regen in Richtung der Steilküste voran kämpften. Ausgebildete Teams hielten nach Suizid Verdächtigen Ausschau, sprachen sie an, versuchten sie davon abzubringen, sich von den 162
Meter hohen Klippen zu stürzen. Die Lebensretter sind besonders ausgebildet, achten vor
allem auf die Einzelgänger, auf ihre Körperhaltung und auf ihren Gang. Nachdem wir
oben auf dem Parkplatz das Auto abgestellt hatten, zogen wir unsere Anoraks
über die dicken Pullis, stopften unsere Mützen unter die Kapuzen und begannen
unseren Marsch durch den Sturm durchtosten Nebel auf einem nur wage
erkennbaren Pfad zum Beachy Head.
Unser jüngster Bruder machte schon nach einigen
Schritten kehrt. „ Ich warte im Auto!“ Wir drei Verbliebenen wechselten Blicke und stemmten uns weiter dem Sturm entgegen. Ich blieb ein paar Schritte zurück. Die Regenwand
fiel so dicht, der Nebel war so undurchdringlich, dass ich nur schemenhaft eure
beiden schwankenden Gestalten, vielleicht vier, fünf Schritte vor mir her
gehend, ausmachen konnte. Ihr zwei gingt eingehakt, eure Köpfe hieltet
ihr dicht beieinander, eure Schultern berührten sich, taumelten wieder
auseinander. Im Nebel schwanktet ihr da vor mir her. Zwei undeutliche schemenhafte Silhouetten, die sich gemeinsam diesen Gewalten stellten. Nicht aufgeben, weiter!
Ich war schon damals auf längeren Strecken nicht wirklich gut zu Fuß. Nicht
bei diesen Sichtverhältnissen in unebenem Gelände. Ich fiel weiter zurück, konnte kaum noch
die Mienen eurer sich nach einiger Zeit zu mir umwendenden Gesichter erkennen. Obwohl
ihr keine zwanzig Meter vor mir wart, fühlte ich mich plötzlich alleine. Meine
Stimmung schlug um.
„ Ich kehr` um,“ brüllte ich gegen das Geheule des Sturmes an . " Das ist
mir zuviel!“
Ich taumelte unsicher durch die gepeitschte Küstenlandschaft zurück zum Parkplatz,
achtete auf meine Körperhaltung und bemühte mich um einen strammen festen
Schritt, hielt den Kopf so weit wie möglich aufrecht und hoffte, nicht von dem Patrouille fahrenden
Kleinbus und seinen ausgebildeten Spähern entdeckt und aufs Korn genommen
zu werden. Im Auto auf dem Rücksitz döste unser Abknicker. Erst wollte ich auch nach hinten kriechen, aber dann ließ ich mich vorne auf den Beifahrersitz plumpsen.

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