Ich habe, abgesehen von ein Paar Kronen über einigen Backenzähnen, noch die selben Zähne im Mund wie als Neunjährige. Zu behaupten, ich schwadronierte mit ähnlich neunjährigen Augen durch die Zeit, mit ähnlicher Wahrnehmung durch meine Tage, wäre sicherlich vermessen, doch ein beträchtlicher Teil meiner Wahrnehmung ist in letzter Zeit wieder der einer Neunjährigen geworden. Beim Erwachen morgens, während mein erwachsener Geist noch schläfrig und lustlos in den Nebeln des Halbschlafes dümpelt, steht mein Kinderblick neben den gespitzten Ohren schon wach und aufmerksam da, fallen mir Licht und Schatten auf, feine Nuancen von hell und dunkel, Ornamente, die das einfallende Sonnenlicht auf die helle Wand malt, Ellipsen, Kreise, sich verjüngende, spitz zulaufende, pfeilartige wabernde Gebilde. Meine neunjährigen Ohren hören Geräusche, lauschen auf Laute, die von draußen durchs offene Fenster dringen. Wind, Regen ein einzelner Vogelruf, in der Ferne eine Stimme aus den benachbarten Gärten. Durch mein fest aufs Kissen gepresstes Ohr wummert der Schlag meines Herzens begleitet von einem leisen Schaben draußen an der Hausmauer. Beim langsamen wieder Wegdämmern denke ich eine kleine Weile über das Gewicht meines rechten Beines auf dem Laken nach und daran, was Neunjährige so alles beschäftigt.
Freitag, 22. Juli 2016
Neunjährig
Ich habe, abgesehen von ein Paar Kronen über einigen Backenzähnen, noch die selben Zähne im Mund wie als Neunjährige. Zu behaupten, ich schwadronierte mit ähnlich neunjährigen Augen durch die Zeit, mit ähnlicher Wahrnehmung durch meine Tage, wäre sicherlich vermessen, doch ein beträchtlicher Teil meiner Wahrnehmung ist in letzter Zeit wieder der einer Neunjährigen geworden. Beim Erwachen morgens, während mein erwachsener Geist noch schläfrig und lustlos in den Nebeln des Halbschlafes dümpelt, steht mein Kinderblick neben den gespitzten Ohren schon wach und aufmerksam da, fallen mir Licht und Schatten auf, feine Nuancen von hell und dunkel, Ornamente, die das einfallende Sonnenlicht auf die helle Wand malt, Ellipsen, Kreise, sich verjüngende, spitz zulaufende, pfeilartige wabernde Gebilde. Meine neunjährigen Ohren hören Geräusche, lauschen auf Laute, die von draußen durchs offene Fenster dringen. Wind, Regen ein einzelner Vogelruf, in der Ferne eine Stimme aus den benachbarten Gärten. Durch mein fest aufs Kissen gepresstes Ohr wummert der Schlag meines Herzens begleitet von einem leisen Schaben draußen an der Hausmauer. Beim langsamen wieder Wegdämmern denke ich eine kleine Weile über das Gewicht meines rechten Beines auf dem Laken nach und daran, was Neunjährige so alles beschäftigt.
Mittwoch, 20. Juli 2016
Ins Schwarze
Sssst-Plop! Ein Pfeil saust über das hochstehende Gras und fällt in das Beet unter der Akazie.
Gekleidet in meinen dunkelbraunen Kunstfellmantel, den Bogen in der linken und mit lässig an der Hüfte baumelndem Köcher
erscheint unser elfjähriger Enkel um die Hausecke und nähert sich unserem Tisch.
Mein Bruder ist zu Besuch. Wir sitzen zu dritt um
den großen Tisch draußen auf der Terasse. Das
Gespräch kreist um unseren siebzehnjährigen Neffen. Der Wind bläht das
über den Platz gespannte Segeltuch und lässt
die Teleskopstangen tanzen.
„ Er lässt nichts an sich ran. Über nichts kann ich
mit ihm sprechen. Nicht mal ansprechen, lässt er sich von mir.“
Mein Bruder greift nach seinem Weinglas, bevor er
fortfährt.
„ Nichts darf ich fragen, mich nach nichts
erkundigen, ohne dass er aufbraust und ausfallend wird.“
Die Augen des Elfjährigen huschen aufmerksam unter
den dunklen langen Ponyfransen umher, von meinem Bruder zu uns und wieder
zurück, bevor er sich mit ernster Miene meinem Bruder zuwendet.
„ Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden: Ein
kleinerer Junge.“
Er setzt einen Pfeil an den Bogen, dreht den Körper
seitwärts, spannt die Sehne und schießt.
Samstag, 16. Juli 2016
Die Wand
Und dann bin ich wieder einmal gegen so
eine unsichtbare Wand gelaufen,
eine dieser Wände, die sich plötzlich
aufbauen, ohne dass man vorher etwas ahnt.
Sie war dann einfach da,
und ich war völlig ahnungslos, nicht
vorbereitet,
saß dann mit blutiger Nase da und
mußte erstmal wach werden.
Verstand es einfach nicht.
Ich muß da noch was lernen,
doch wirklich wollen tu ich´s nicht.
Mittwoch, 13. Juli 2016
Still halten
Ein Traum der letzten Nacht. Eine
Szene in einer mir fremden Umgebung, ein Gebäude, ein Haus.
Ich
bin mit hohem Tempo auf meinem Segway in einen engen Schacht gestürzt, eine Art
steile Kellertreppe hinuntergepoltert, schaffe es aber durch heftiges
Zurücklehnen meines Oberkörpers, mich samt Segway wieder nach oben schnellen zu
lassen. Nun schaue ich gemeinsam mit der Hausbesitzerin und einigen anderen
Menschen runter in den engen Schacht und sehe meinen älteren Bruder dort unten.
Vielleicht wollte er mir helfen, ist hinterher gesprungen. Mein Bruder hält
seinen Kopf eigentümlich starr und unbeweglich und jetzt sehe ich auch warum:
Nur wenige Zentimeter neben seinem Gesicht erkenne ich in ähnlich starrer
Haltung den riesigen Kopf eines Zähne fletschenden Höllenhundes. Die Lefzen sind hoch gezogen und allen ist
klar: Bei der kleinsten Regung meines Bruders wird er sein Gesicht zerfleischen,
sich in seinem Genick, seiner Kehle festbeißen.
Immer
noch hält mein Bruder seinen Kopf in dieser Bewegungslosigkeit aber lange wird
er es nicht mehr aushalten, der Kopf wird zu schwer werden, wird nach vorne
kippen oder zur Seite weg. Die Herrin des Hundes schaut konzentriert hinunter,
dann im Raum umher und ihr Blick bleibt an ihrer Jacke hängen, die über einer
Stuhllehne hängt.
Sie
reißt die Jacke vom Stuhl und wirft sie geschickt auf die erstarrte Szene unten
im Schacht, sodass die Jacke meinen Bruder einhüllt, seine Schultern, Arme und
seinen Kopf bedeckt.
Das
Tier entspannt sich, schnuppert an den von der Jacke bedeckten Armen, der
Schulter und dem Gesicht meines Bruders, wendet sich ab und verschwindet ruhig in der Dunkelheit der
Tiefe.
Wo ist eigentlich meine Jacke?
Wo ist eigentlich meine Jacke?
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