Freitag, 22. Juli 2016

Neunjährig


 
Ich habe, abgesehen von ein Paar Kronen über einigen Backenzähnen, noch die selben  Zähne  im Mund wie als Neunjährige. Zu behaupten, ich schwadronierte mit ähnlich neunjährigen Augen durch die Zeit, mit ähnlicher Wahrnehmung durch meine Tage, wäre sicherlich vermessen, doch ein beträchtlicher Teil meiner Wahrnehmung ist in letzter Zeit wieder der einer Neunjährigen geworden. Beim Erwachen morgens, während mein erwachsener Geist noch schläfrig und lustlos in den Nebeln des Halbschlafes dümpelt,  steht mein Kinderblick neben den gespitzten Ohren schon wach und aufmerksam da, fallen mir Licht und Schatten auf, feine Nuancen von hell und dunkel, Ornamente, die das einfallende Sonnenlicht auf die helle Wand malt, Ellipsen, Kreise, sich verjüngende, spitz zulaufende, pfeilartige wabernde Gebilde. Meine neunjährigen Ohren hören Geräusche, lauschen auf Laute, die von draußen durchs offene Fenster dringen. Wind, Regen ein einzelner  Vogelruf, in der Ferne  eine  Stimme aus den benachbarten Gärten. Durch mein fest aufs Kissen gepresstes Ohr wummert  der Schlag meines Herzens begleitet von einem leisen Schaben draußen an der Hausmauer. Beim langsamen wieder Wegdämmern denke ich eine kleine Weile über das Gewicht meines rechten Beines auf dem Laken nach und daran, was Neunjährige so alles beschäftigt.



Mittwoch, 20. Juli 2016

Ins Schwarze



Sssst-Plop! Ein Pfeil  saust über das hochstehende Gras  und fällt in das Beet unter der Akazie. Gekleidet in meinen dunkelbraunen Kunstfellmantel, den Bogen in der linken  und mit lässig an der Hüfte baumelndem Köcher erscheint unser elfjähriger Enkel um die Hausecke und nähert sich unserem Tisch.
Mein Bruder ist zu Besuch. Wir sitzen zu dritt um den großen Tisch draußen auf der Terasse. Das  Gespräch kreist um unseren siebzehnjährigen Neffen. Der Wind bläht das über den Platz  gespannte Segeltuch und lässt die Teleskopstangen tanzen.
„ Er lässt nichts an sich ran. Über nichts kann ich mit ihm sprechen. Nicht mal ansprechen, lässt er sich von mir.“
Mein Bruder greift nach seinem Weinglas, bevor er fortfährt.
„ Nichts darf ich fragen, mich nach nichts erkundigen, ohne dass er aufbraust und ausfallend wird.“
Die Augen des Elfjährigen huschen aufmerksam unter den dunklen langen Ponyfransen umher, von meinem Bruder zu uns und wieder zurück, bevor er sich mit ernster Miene meinem Bruder zuwendet.
„ Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden: Ein kleinerer Junge.“
Er setzt einen Pfeil an den Bogen, dreht den Körper seitwärts, spannt die Sehne und schießt.



Samstag, 16. Juli 2016

Die Wand

Und dann bin ich wieder einmal gegen so eine unsichtbare Wand gelaufen,
eine dieser Wände, die sich plötzlich aufbauen, ohne dass man vorher etwas ahnt.
Sie war dann einfach da,
und ich war völlig ahnungslos, nicht vorbereitet,
saß dann mit blutiger Nase da und mußte erstmal wach werden.
Verstand es einfach nicht.
Ich muß da noch was lernen,
doch wirklich wollen tu ich´s nicht.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Still halten



Ein Traum der letzten Nacht. Eine Szene in einer mir fremden Umgebung, ein Gebäude, ein  Haus.

Ich bin mit hohem Tempo auf meinem Segway in einen engen Schacht gestürzt, eine Art steile Kellertreppe hinuntergepoltert, schaffe es aber durch heftiges Zurücklehnen meines Oberkörpers, mich samt Segway wieder nach oben schnellen zu lassen. Nun schaue ich gemeinsam mit der Hausbesitzerin und einigen anderen Menschen runter in den engen Schacht und sehe meinen älteren Bruder dort unten. Vielleicht wollte er mir helfen, ist hinterher gesprungen. Mein Bruder hält seinen Kopf eigentümlich starr und unbeweglich und jetzt sehe ich auch warum: Nur wenige Zentimeter neben seinem Gesicht erkenne ich in ähnlich starrer Haltung den riesigen Kopf eines Zähne fletschenden Höllenhundes.  Die Lefzen sind hoch gezogen und allen ist klar: Bei der kleinsten Regung meines Bruders wird er sein Gesicht zerfleischen, sich in seinem Genick, seiner Kehle festbeißen.

Immer noch hält mein Bruder seinen Kopf in dieser Bewegungslosigkeit aber lange wird er es nicht mehr aushalten, der Kopf wird zu schwer werden, wird nach vorne kippen oder zur Seite weg. Die Herrin des Hundes schaut konzentriert hinunter, dann im Raum umher und ihr Blick bleibt an ihrer Jacke hängen, die über einer Stuhllehne hängt.

Sie reißt die Jacke vom Stuhl und wirft sie geschickt auf die erstarrte Szene unten im Schacht, sodass die Jacke meinen Bruder einhüllt, seine Schultern, Arme und seinen Kopf bedeckt.

Das Tier entspannt sich, schnuppert an den von der Jacke bedeckten Armen, der Schulter und dem Gesicht meines Bruders, wendet sich ab  und verschwindet ruhig in der Dunkelheit der Tiefe. 
Wo ist eigentlich meine Jacke?