Freitag, 22. Juli 2016

Neunjährig


 
Ich habe, abgesehen von ein Paar Kronen über einigen Backenzähnen, noch die selben  Zähne  im Mund wie als Neunjährige. Zu behaupten, ich schwadronierte mit ähnlich neunjährigen Augen durch die Zeit, mit ähnlicher Wahrnehmung durch meine Tage, wäre sicherlich vermessen, doch ein beträchtlicher Teil meiner Wahrnehmung ist in letzter Zeit wieder der einer Neunjährigen geworden. Beim Erwachen morgens, während mein erwachsener Geist noch schläfrig und lustlos in den Nebeln des Halbschlafes dümpelt,  steht mein Kinderblick neben den gespitzten Ohren schon wach und aufmerksam da, fallen mir Licht und Schatten auf, feine Nuancen von hell und dunkel, Ornamente, die das einfallende Sonnenlicht auf die helle Wand malt, Ellipsen, Kreise, sich verjüngende, spitz zulaufende, pfeilartige wabernde Gebilde. Meine neunjährigen Ohren hören Geräusche, lauschen auf Laute, die von draußen durchs offene Fenster dringen. Wind, Regen ein einzelner  Vogelruf, in der Ferne  eine  Stimme aus den benachbarten Gärten. Durch mein fest aufs Kissen gepresstes Ohr wummert  der Schlag meines Herzens begleitet von einem leisen Schaben draußen an der Hausmauer. Beim langsamen wieder Wegdämmern denke ich eine kleine Weile über das Gewicht meines rechten Beines auf dem Laken nach und daran, was Neunjährige so alles beschäftigt.



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