Samstag, 21. November 2015

Hi Frank


Nochmal zurückgereist sind wir, in alte Zeit, wir beide, die wir uns solange nicht gesehen, über 40 Jahre volles Leben. Und dann war gleich die alte Vertrautheit wieder da. . Die Streiche, die wir ausgeheckt, und all die verbotenen Dinge. Fast Kinder waren wir damals noch und doch ist alles noch so vorne auf, wie gestern, auch wenn die Orte sich verändert haben, oder manchmal gar nicht mehr vorhanden, so konnten wir sie mühelos erzaubern in unserer gemeinsamen Erinnerung. Auf unseren Fahrrädern durch den Wald gesaust durch Matsch und tiefe Pfützen, voller Glück, wenn auf altbekannten Wegen. Etwas vorsichtiger vielleicht, dem Alter angepasst, doch immer noch die beiden Jungs von damals. So haben wir den Nachmittag verbracht, in unserer Kinderheimat, und viel erzählt, von heute und der langen Zeit dazwischen, von Familie, Schmerz und Freude, und sind noch lange nicht zu Ende.

Tanz des Sommers


Alles liegt jetzt dort im Dreck
Zwei Wochen Regen, Sturm, und immer wieder Regen
Zu Matsch gefahren liegt der Sommer mir zu Füßen
Der weihnachtliche Glanz soll ihn ersetzen

Allerheiligen war´s, vor ein paar Wochen
Auf einem meiner Wege fahre ich durch diese Alleen von Farbe
Erdfarben meist
Viel gelb
blasses grün
das Braun in allen seinen Möglichkeiten
Sonnenbestrahltes Rot ruft deutlich
Hier
Der dunkle Strich des Asphalts
durchschneidet dieses Farbenmeer
und bringt Kontrast

Bunte Blätterschwärme tanzen auf der Straße
Angetrieben vom Fahrtwind anderer Autos
In großem Schwall herabfallende gesellen sich dazu
Steigen nochmal auf voll Lebenslust
Ich treib´sie tüchtig an
Im Drüberfahren

Im Spiegel schau ich noch den letzten Tanz des Sommers
 

Herzensangelegenheit


Als ich so ungefähr acht oder neun Jahre alt war, saß auf meinem Weihnachtsplatz unter dem Tannenbaum eine nagelneue Puppe mit langem seidigen Haar und Augen, deren Lider zuklappten, wenn man sie hinlegte und wieder hochklappten, wenn man sie aufnahm. Ich liebte aber doch meine alte etwas heruntergekommene Babypuppe Hansi, die ich im Arm hielt, stand stocksteif und unfähig Hansi wegzulegen und die neue Puppe an mich zu nehmen  verloren im Zimmer. Ich spürte die Blicke von  Mutti und Vati, von Onkel Hans und Amma, die in freudiger Erwartung auf meine Begeisterung über die viel schönere und kostbarere  neue Puppe auf mich gerichtet waren.
Da lag auch eine kleine hellblaue neue Strickjacke mit Kapuze für meinen Hansi neben der neuen Schönheit. Ich kniete mich hin und kleidete Hansi ziemlich umständlich in die neue Jacke.
Die neue Puppe saß bis spät am Abend unangerührt unter dem Tannenbaum. Kurz vorm Insbettgehen tappte ich barfuß und im Schlafanzug leise die Treppe hinunter, im Dunkeln schlich ich in die Weihnachtsstube und nahm vorsichtig die neue Puppe auf den Schoß. Ich strich ihr über die langen Haare, wickelte ihre weichen Locken  um meinen Zeigefinger und ließ ihre Augenlider auf und zuklappen. So saßen wir da in der Nacht bis meine Füße eiskalt waren. Dann schlichen  wir gemeinsam die Treppe hoch und krochen zu Hansi ins Bett. 



Samstag, 7. November 2015

Frühstück


Unser Freund hatte sich für ein Gitarren Workshop auf Sylt angemeldet. Er  kam in den Frühstücksraum seiner Unterkunft und hinten in einer Ecke am Fenster war ein freier Tisch, auf den er zusteuerte. Auf halbem Wege dirigierte die Frau vom Frühstücksservice ihn an einen Tisch, wo eine Frau mit dunkel getönten Brillengläsern vor ihrem Gedeck saß. So kurz  nach dem Erwachen mit dieser Frau  an einem Tisch zu sitzen war ihm unmöglich. Alle anderen Tische waren besetzt oder reserviert und er stand eine Weile unschlüssig mitten im Raum, an seiner Seite die aufmunternd blickende Servicedame, dann machte er kehrt und verließ den Raum. An diesem Morgen frühstückte er gar nicht.
Am nächsten Morgen geht er eine gute Stunde später runter, in der Hoffnung, die Frau mit der Sonnenbrille  sei schon gegangen. Der Tisch ist unbesetzt aber da stehen zwei Gedecke auf dem Tischtuch. Er ist doch nur einer, da kommt wieder jemand dazu. Er braucht dringend  einen Platz für sich alleine, wo er auf dem Tisch seine Zeitung ausbreiten kann,  seine zu klein geratenen Hände mal neben dem Gedeck ablegen, unbehelligt seine vom Schlaf verquollenen Augen schweifen lassen kann.
Schweren Schrittes nimmt er an dem Tisch Platz. In einem unbeobachteten Moment breitet er seine Zeitung über dem zweiten Gedeck aus und legt seine Lesebrille oben drauf. Erst dann trinkt er  klopfenden Herzens den ersten Schluck Kaffee und schneidet sein Brötchen auf.


Dienstag, 3. November 2015

Anna


Heute hab ich an  Anna gedacht. Wir teilten uns ein Krankenhauszimmer in München. Spät abends bevor ich das kleine Leselicht an meinem Kopfende ausmachte, legte ich  mein Buch auf den Nachttisch neben mir und wandte  mein Gesicht  zu ihrem Bett, schaute rüber zu  ihr. Auf der Chromstange hinter ihrem Kopf mit dem hellen fransig  geschnittenen Bob hing ihr hellbraunes Handtuch, in der gleichen Farbe wie das Muster ihres Nachthemdes. Sie lag still unter dem über ihr herabhängenden Bettgalgen auf dem Rücken und atmete ruhig und kaum wahrnehmbar. Manchmal hielt sie einen weißen Becher Tee zwischen ihren kleinen Brüsten abgestellt. Die rechte Hand  berührte leicht den Henkel, Zeigefinger und Daumen der Linken  umfassten den Becherrand auf der anderen Seite. Ab und zu sackte sie in einen Sekundenschlaf und ich hörte ihr zartes Schnarchen. Der weiße Becher kippte nicht zur Seite, ihre Finger hielten ihn fest, er wurde mit ihren Atembewegungen ganz leicht angehoben und wieder abgesenkt. So lag sie oft fast eine Stunde.
Wenn sie las, setzte  sie sich kerzengerade auf den Stuhl am Tisch, den Rücken an die Lehne gedrückt, das aufgeschlagenen Buch auf der Tischplatte.