Donnerstag, 26. Mai 2016

Es gefällt mir hier



Meine einstige Welt verkleinert sich Tag für Tag, mein Handlungsspielraum verengt sich. Die Dimensionen verändern sich, das Haus,  die Abmessungen des Gartens, selbst die Höhe der Akazien hinten am Zaun zum Nachbarn wirkt absurderweise seltsam verändert. Eine alles umfassende Enge, eine erst einmal  geschrumpfte Existenz.
Gestern Nacht staunte ich über eine überraschende Weite, die meine neue enge Welt in sich  barg. Aus praktischen Gründen  habe ich  die Bettseite gewechselt, bin mit meinem Lager nur einen guten Meter weiter nach links gerückt  und doch war es ein Umzug mit neuer Perspektive und neuem Ausblick. Das Licht fiel in anderem Winkel in den Raum, die Wände weiteten sich nach außen, gaben den Blick frei auf bisher verborgene Ecken, veränderte Farben, nie wahrgenommenes Licht und Schatten.
Mein erster Impuls war, den übervollen Aschenbecher, der  auf meinem frisch eroberten, nun geräumigen Nachttisch zwischen Stapeln von Papieren stand, zu leeren.
Dann habe ich die Zeitschriften auf den viel kleineren runden Nachttisch auf meiner ehemaligen Seite gestapelt. Da blieb nicht mehr viel übrig von der Tischfläche, alles hing über den Rand hinaus. Die vielen Taschentücher packte ich obendrauf. Die Lampen ausgetauscht und die Taschentücher obendrauf auf den riesigen Stapel. Es hat mir außerordentliches Vergnügen bereitet dieser Umzug,  Ich zog den bisher unten zu einem dicken Knoten verschnürten weißen Leinenvorhang vor das kleine rechteckige Fenster auf meiner neuen Seite zu, so dass er auch das schäbige schmuddelige Stück Wand darunter verdeckte. Ich kann jetzt durch die offene Tür in die Küche schauen, die Außentür zum Garten nur eine gute Armlänge von mir. Es gefällt mir hier.