Donnerstag, 30. Mai 2013

Tiefe


Tiefe hat  magische Kräfte. Es gab die Tiefe zwischen der ersten und der zweiten  Sandbank in Wasserbarmbek, den schmalen dunklen  Streifen  von undurchdringlicherem Blau, der uns gleichermaßen anzog und schaudern ließ, den wir mit unseren Augen absuchten nach möglichen Gefahren wie kalten Wasserwirbeln, Algensträngen, Feuerquallententakeln, Tintenfischarmen...
In den wir uns vorwagten, nie alleine, meistens  zu zweit, und manchmal sogar klopfenden Herzens mit hastigen langen Schwimmstößen und weit aus dem Wasser gereckten Kopf durchquerten, rüber zur rettenden zweiten Sandbank.
Zu Hause   die umkämpfte Tiefe in unserer kleinen Sitzbadewanne, in der wir immer zu zweit hockten, oft ein kleiner und ein großer, einer für die Tiefe und einer für das Flache, um die Wasserverdrängung auszugleichen. Selten gelang uns die Besetzung der Wanne aus jeweils aktuellen  Symathie - und Interessensgründen.  Der beliebte Teil der Wanne  war die Hälfte, in die das heiße Wasser aus dem riesigen Kupferkessel schoss, so dass wir aufpassen mussten, uns nicht zu verbrühen, wo wir  weit  untertauchen konnten, dass sogar unsere Schultern im warmen Badewasser dümpelten. Wir stritten, wer zuerst in die Tiefe durfte, und wer fröstelnd im Flachen hocken musste, auf der anderen Seite, wo die Sitzerhöhung war und das warme Wasser,  unserem Alter und unserer Körpergröße   entsprechend, entweder nur bis zur Hüfte oder höchstens bis zum Nabel reichte. Um die Tiefe haben wir immer erbittert gekämpft, bis sich  einer der  beiden Flügel  der grünen Schranktür , die das Badezimmer vom Durchgang zum Wohnzimmer trennte, lautlos öffnete und in dem schmalen Spalt entweder der Kopf von Don F. oder Erika  auftauchte, was  das Gezeter schlagartig verstummen ließ. 



Frühstücksbrief XIII



Gebet der Gummistiefel


Oh großer alter babylonischer Marduk,

erhalte uns die Wassermassen von oben, unten und von allen Seiten, den glänzenden Schimmer, den sie auf unser schwarz gummiertes Antlitz zaubern, den Starkregen, der frech jede Ankündigung eines  Hochdruck belasteten Tages Lügen straft. Zerschlage alle Hoffnungen der verwirrten menschlichen Füße auf Flip Flops, Brausedrops,Sandaletten, Füßleinketten, Pirouetten, Ballerinas, Jesuslatschen, Botten...
Bewahre  uns vor Strandradau, Kakadus und Himmelsblau!

Mittwoch, 29. Mai 2013

Noch mal "Gummistiefel"

"N Nassen" hatten wir eigentlich immer!
Und Gummistiefel haben davor nur selten geschützt. Mit diesen Dingern konnten wir dann ja "ins Tiefe", und ich seh´das Bild noch vor mir, wie das Wasser so ca. einen halben Zentimeter unterhalb des Stiefelrandes stand. 
Und irgentwann lief es ´rein, und dann war es sowieso egal.
Das dann angewärmte Wasser wurde irgendwann ausgekippt, meist war dann noch Schlamm mit hineingeraten, und die völlig verdreckten Strümpfe wurden noch einmal hochgezogen, bevor sie sich  als wüstes Knäuel in die Stiefelspitze verabschiedeten. Die  nackten Fersen quietschten beim Gehen, aber wen störte das schon.
"Rein" kamen wir dann mit den Worten: "Mutti, ich hab´``n Nassen!"
Die Stiefel wurden dann mit fürchterlichem Gezerre und saugendem Geräusch von den Füßen gezogen. Diese waren meist sauberer als der Rest der Beine darüber. Meist war ein scharfer Schmutzrand sichtbar, der  sich oft in den nächsten Tag hinüberrettete.  
Die Gummistiefel blieben dann liegen;
 zusammen mit dem Strümpfeknäuel in einer kleinen Schmutzwasserlache.

Sonntag, 26. Mai 2013

Gummistiefel

Gummistiefel sind eigentlich die besten Stiefel, die man sich nur vorstellen kann. Ganz flink kann man da reinfahren und genauso schnell wieder aussteigen. Sie sind absolut wasserdicht und das ist das wichtigste überhaupt an Stiefeln in  dieser Gegend hier, wo überall Wasser ist.
Nur einmal  hab ich eine Geschichte über jemanden gehört, dem  was richtig Schlimmes passiert ist mit seinen tollen schwarzen Gummistiefeln. Es war ein Saufgelage gewesen bei Blohm und Voss und denen passieren  beim Feiern schon mal so allerhand Sachen, die man sich kaum ausdenken kann. Dem armen Kerl mussten beide Unterschenkel amputiert werden nach einer durchzechten Nacht. Der Alte war sturzbetrunken gewesen und hatte nicht aufgepasst, wie zwei Kumpels im Suff nur so aus Spaß Bauschaum in seine hohen, fast bis zum Knie reichenden Gummistiefel gegossen hatten. Schön drumherum um seine Füße und Waden hatten sie das gegossen, die Deppen, und der Arme hatte stundenlang so gesessen, die ganze Nacht, völlig betrunken mit seinen Füßen und Waden zwischen Bauschaum und Gummistiefeln. Er war nicht mehr der Jüngste und das Gummi außen war fester und solider gewesen als sein olles Fleisch und hatte nicht nachgegeben. Stattdessen hatte sich der Schaum nach innen ausgedehnt und ihm die Beine zerquetscht.Erst als der alte Mann irgendwann mitten in der Nacht so komisch verdreht dagelegen hatte und seltsame Geräusche von sich gab, hatten die Kumpels versucht, seine Unterschenkel aus den prallen Gummistiefeln zu zerren.


Montag, 20. Mai 2013

Idyll



Ungefähr zeitgleich zu Rinaldo`s  Schwarz- Weiß- Auftritten in Marygold`s Herzchen  krümmten sich die Strohhalme auf dem Dach über Crow`s  Kammer zu dem Röhren von Eric Burdon`s  "When I was young"  zu Flitzebögen,  Baba Yaga sich   auf ihrem  Lager  unter dem Poster von Neil Diamond im braunen Schaukelstuhl  zu  "I am I said", nur   Lord  von der Daumenlage ließ  sich mal wieder von nichts und niemandem  beeindrucken und suchte hinterm Haus im hohen nassen Gras in Ruhe und konzentriert nach essbaren Regenwürmern. 



Freitag, 17. Mai 2013

Frühstücksbrief XII


Da wir nur eine Ewigkeit leben, sollten wir uns jetzt lieber an dem  Jelängerjelieber  satt sehen, der unsere Pfade umschlängelt, unsere Häupter umkränzt, die Äpfel unserer Augen erquicket mit seiner unbeabsichtigt bezaubernden Blütengirlande die Bienen nährt, mit seinem Duft die Nüstern der Geschöpfe  weitet und der Götter  Brüste mit Glück und Stolz erfüllet.    




Donnerstag, 16. Mai 2013

Platz zum Sterben

Das ist schon eine schwierige Geschichte.
Eigentlich ist es ja egal, aber irgendwie auch wieder nicht.
Sicher ist eine schöne Allee nicht die schlechteste Wahl, aber den Lieblingsplatz zum Sterben stelle ich mir doch noch etwas anders vor.
Es muß ein Ort sein,und eine Zeit, also ein RAUM, an dem ich mich durch und durch geborgen fühle, einfach festsitze und nicht mehr wegmöchte.
Ich kenne solche RÄUME, hab´sie  schon gefühlt, immer draußen, irgendwo unterwegs:
Im Zelt.
Bei Regen.
Bei Nebel.  Wenn es von den Bäümen tropft.

Eingerollt im Schlafsack.
Durch und durch zufrieden.
So könnte ich dann einschlafen, 
Endlich daddeldu!



Montag, 13. Mai 2013

Kuckuck im Raps



Auf der abendlichen Fahrt durch den  Osten, auf Alleen zwischen alten dicht stehenden Linden, hinter denen rot glühende Wolkenfetzen treiben, müssen wir  in einer langgezogenen Kurve  in der Dämmerung einer von Pferden gezogenen Hochzeitskutsche hinterherfahren. Der Schleier der Braut fällt über ihre schmalen Schultern, bauscht sich kurz auf der Rückenlehne der Sitzbank und flattert dann an der Schulter des Mannes  entlang. Als wir gratulierend überholen, bin ich richtig enttäuscht, wie ich in die beiden nichts sagenden Gesichter blicke, wie sie so mit diesen einfachen Würstchenbudenmienen  unter Hut und Schleier vornehm dahinkutschieren, begleitet von dem unentwegten Kuckucksrufen aus den Baumgruppen der Umgebung.
Die Alleen sind eng, das tief von der Seite einfallende letzte Sonnenlicht wird in schnellem Wechsel von den Stämmen der Linden verschluckt und wieder freigegeben. Rhythmisch verdunkelt sich das Wageninnere,  wie auch die vorbeifliegende Straße, die Rapsfelder, die Dachflächen einer Siedlung, einer verfallenen Scheune.
Wir fahren an  kleinen Holzkreuzen vorbei, an aufgestellten Warnschildern mit der Aufschrift KEIN ORT ZUM STERBEN und ich denke darüber nach, welcher Ort denn zum Sterben so richtig gut taugen würde.  

                     
               

Sonntag, 12. Mai 2013

Heute abend

Bis zum Dunkelwerden war ich draußen, habe in Erde gegraben,und es genossen.
Als es dunkel wurde habe ich mir einen Gartenstuhl genommen und hinten am Teich ein wenig gesessen. 
Es ist jetzt ganz dunkel dort, der schon belaubte Knick im Rücken, und dahinter das blühende Rapsfeld. 
Alles geht jetzt schlafen. 
An den Bienenstöcken stehen die Wächter vereinzelt auf den Flugbrettern, nur ein leichtes Summen sagt; dass drinnen gearbeitet wird. Es war ein erfolgreicher Tag . Der Honigduft liegt schwer in der Luft.
Ein wenig Unruhe ist noch im Hühnerstall, wo jetzt die Schlafplätze verteilt werden. Gleich wird auch dort Ruhe sein. 
Ich geh´dann auch mal.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Dienstag, 7. Mai 2013

Inzwischen








                                ..... ist nur noch die Tür blau.

                                         

Ge - wichtig - keiten


Ich bin auch beim alten Glaser  vorbeigefahren, am Freitag, hatte extra die Kamera mitgenommen, um  ein Foto zu machen von der unterirdischen Tür unter dem Nesseldach. Ich hatte schon in der Kurve abgebremst  um anzuhalten, bin dann sofort weitergefahren, vorbei  an der nun kahlen, eingeebneten und geglätteten Ecke am äußersten Ende vom Grundstück. Alles weg, die paar nach unten führenden Steinstufen zum Eingang von Ahrens Werkstatt,  der betonierte winzige Vorplatz, die kleine schmale Tür links, halb verborgen unter  dem  bewachsenen Hügel. 
Wenn ich  auf der drittuntersten Stufe stand, war ich groß genug, um mit dem Finger in der Erde über dem Dach zu stochern, einen Erdklumpen heraus zu schieben oder einen Stein zu lockern; einen Tausendfüßler aufspüren, Käferlarven und Raupen. Mit Glück ein noch gut erhaltenes Knochenstück eines Mause - oder Vogelschädels. Es kam auch vor, dass mit der gelockerten Erde ein paar Asseln auf den Betonboden vor Ahrens Tür rieselten.
Die Asseln waren federleicht, hatten kaum Gewicht, aber mit den Füßen musste man aufpassen, unter den schon damals maroden Betonplatten des unterirdischen Daches weg!
Damals wurde mir bewusst, dass alle Dinge Gewicht haben. Zuweilen unvorhersehbares Gewicht, was sie plötzlich, nur durch eine  kleine, sie aus ihrer Achse und Lagerung bringende Berührung polternd auf einen herab knallen, sie in überraschender  Geschwindigkeit und in unerwartete Richtungen vor einem zu Boden stürzen lässt. Wie die große kürbisförmige Blechvase, an deren Rand der  Glasermeister eine Lampe montiert hatte, das Aussehen eines bestimmten, einschätzbaren Gewichtes hatte. Aber dann hatte ich sie nur einmal berühren wollen, fast hatte ich es gar nicht wirklich getan, als hätten meine Fingerspitzen das metallglatte  Funkeln der Oberfläche gar nicht wirklich gespürt.
Alles war auf mich nieder gegangen. Die ganze Konstruktion  war  plötzlich nach hinten verrutscht, nach vorne und zur Seite weg. Manchmal passiert es haargenau so mit Dingen, die einem wichtig sind im Leben, wie einer alten verrotteten Eingangstür zu einer ehemaligen Glaserwerkstatt, einem seit Jahrzehnten verfallenen Kellerloch unter Taubnesseln. 

Das Haus am Teich


Ein kleiner Junge  spielt am Teich.
Das gemähte Grasland fällt sanft ab zum flachen Wasser.  Im Wasser lauert das Krokodil: Ein abgesägter  Ast, der aus dem Wasser ragt. Die Sägefläche ist gespalten:  Das Maul.
Der kleine Junge füttert das Krokodil mit Steinen, die er ins Wasser wirft.
Er fällt hin und rollt den Abhang hinab ins Wasser.

Das Haus am Teich hat hellblaue Fensterrahmen.
 

Frühstücksbrief XI



Meine lieben Blubberbirnen und Birninnen!

 Blubb,  Beung, boyeng, boin, Bon, Bonik, B - oysen, Beule,  Boiler, boioioioioiäng, BOIENG, BOIENG, BOIENG, BOIENG, BOIENG...
Blopp, Bloink, gebongt, Bingooooooo!
Bing Bong, Bing Bong, Bing Bong, Bing Bong, Bing. Bong, Bing Bong, Bing Bong, DONG DONG.
Boing Jour! Have a blopp good  Break - boing - fast with nice boing - blupp!

Freitag, 3. Mai 2013

Rock `n roll


Wenn wir  einfach so los fuhren, mit dem Fahrrad, dem  Roller. Wenn ich allein war und ich keine Kopfsteinpflasterstraßen  fahren wollte, auch auf meinen  Rollschuhen. Wenn ich meine Rollschuhe anzog, kam manchmal dann schon Marygold  mit auf ihren kleinen Dingerchen. Wo Konsti eigentlich immer abblieb, weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht gefiel ihm das nicht. Oder uns gefiel das nicht, weil er langsamer war als wir. Er konnte und wollte beim Fahrradfahren und Rollern einfach nicht mithalten. Wir hatten so unsere  zwei drei Plätze, wo wir  hin rollerten oder fuhren. Beim Kohlenhändler konnten wir unsere Räder und Roller  an die dicke Eiche lehnen, vorn im Hof, und mit dem Rücken am Stamm die dunklen Kegel aus Eierkohlen, Koks und Briketts ansehen,  Laster und ihre Ladeflächen, auf denen Männer mit schmutzigen Gesichtern  schwere Säcke auf- und abluden. Sie benutzten Tragetücher mit Kapuzen, in denen sie die Kohlensäcke auf ihre Rücken wuchteten. Mir gefielen Menschen, die mit etwas beschäftigt waren, die sich bewegten. Oder die Werkstatt vom Glasermeister oder dem Puppendoktor.
Der Eingang zum Glasermeister lag versteckt einige Treppenstufen hinunter, so dass sich die obere Kante des Türrahmens unter der Grasnarbe befand und über der unterirdischen Betondecke ein dichter Teppich aus gelben Taubnesseln. Beim Puppendoktor war es still, kühl und dunkel. Langhaarige Puppen mit Kleidern wie Aka sie anhatte, saßen auf den Wandbrettern und hatten richtige kleine Schuhe an  mit Schnürsenkeln und schwarzen Sohlen, die sie geradeaus über die Brettkante hielten.

Tod im Frühjahr





Und wenn wir an solchen Frühlingsmorgenden dann nach draußen liefen, meist barfuß, weil man das endlich wieder konnte, dann andächtig vor einem solchen Unglückswurm standen, der , meist nach Regennächten, aus dem behaglichen Spatzennest im ramponierten Reetdach gefallen war, dann war es für einige Sekunden still.
Ein kleines Leben hatte es nicht geschafft.
Sie waren meist noch nackt, mit breiten Schnäbeln, riesigen blauen Bäuchen und noch geschlossenen großen Augen. 
Die ersten wurden noch begraben, die späteren dann nur noch beiseite geräumt.

Frühstücksbrief X


Söhne und Töchter  des Apollon,

Schwächeanfälle hab ich  schon genug...! Putzt eure Schnäbelchen, Reisigbesen  und Blütenblätter und blogt, was das Zeug hält. Auf Erden ist es schön. Sonst verwandle ich euch in schwarze und grüne Oliven und spuck euch in den Zypressenwald!