Dienstag, 7. Mai 2013

Ge - wichtig - keiten


Ich bin auch beim alten Glaser  vorbeigefahren, am Freitag, hatte extra die Kamera mitgenommen, um  ein Foto zu machen von der unterirdischen Tür unter dem Nesseldach. Ich hatte schon in der Kurve abgebremst  um anzuhalten, bin dann sofort weitergefahren, vorbei  an der nun kahlen, eingeebneten und geglätteten Ecke am äußersten Ende vom Grundstück. Alles weg, die paar nach unten führenden Steinstufen zum Eingang von Ahrens Werkstatt,  der betonierte winzige Vorplatz, die kleine schmale Tür links, halb verborgen unter  dem  bewachsenen Hügel. 
Wenn ich  auf der drittuntersten Stufe stand, war ich groß genug, um mit dem Finger in der Erde über dem Dach zu stochern, einen Erdklumpen heraus zu schieben oder einen Stein zu lockern; einen Tausendfüßler aufspüren, Käferlarven und Raupen. Mit Glück ein noch gut erhaltenes Knochenstück eines Mause - oder Vogelschädels. Es kam auch vor, dass mit der gelockerten Erde ein paar Asseln auf den Betonboden vor Ahrens Tür rieselten.
Die Asseln waren federleicht, hatten kaum Gewicht, aber mit den Füßen musste man aufpassen, unter den schon damals maroden Betonplatten des unterirdischen Daches weg!
Damals wurde mir bewusst, dass alle Dinge Gewicht haben. Zuweilen unvorhersehbares Gewicht, was sie plötzlich, nur durch eine  kleine, sie aus ihrer Achse und Lagerung bringende Berührung polternd auf einen herab knallen, sie in überraschender  Geschwindigkeit und in unerwartete Richtungen vor einem zu Boden stürzen lässt. Wie die große kürbisförmige Blechvase, an deren Rand der  Glasermeister eine Lampe montiert hatte, das Aussehen eines bestimmten, einschätzbaren Gewichtes hatte. Aber dann hatte ich sie nur einmal berühren wollen, fast hatte ich es gar nicht wirklich getan, als hätten meine Fingerspitzen das metallglatte  Funkeln der Oberfläche gar nicht wirklich gespürt.
Alles war auf mich nieder gegangen. Die ganze Konstruktion  war  plötzlich nach hinten verrutscht, nach vorne und zur Seite weg. Manchmal passiert es haargenau so mit Dingen, die einem wichtig sind im Leben, wie einer alten verrotteten Eingangstür zu einer ehemaligen Glaserwerkstatt, einem seit Jahrzehnten verfallenen Kellerloch unter Taubnesseln. 

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