Freitag, 14. November 2014

Getränke


Manchmal weiß man nicht, woher die Bilder kommen. Ob es sich bei den Bildern im Kopf um  das Erinnern  einer wirklichen, oder nur vorgestellten  Szene handelt. Unsere  Mutter hat ihr Weinglas erhoben, hält es mit zur Seite  geneigtem Kopf  etwas schief in die Luft über dem Tisch zwischen uns, so dass der Rest Wein im Glas nur die eine Seite füllt. Nur unsere Mutter hat ein Glas in der Hand. So war das bei ihr. Abends trank sie Weißwein. Morgens Kaffee. Meistens stand eine Kerze auf dem Tisch. Nur im Sommer nicht. Ich weiß nicht mal mehr, was unser Vater abends getrunken hat. Kein Bier, kein Wein. Ganz selten mal einen Pflaumenschnaps. keine Kerzen. Tee? Tee hatte er tagsüber viel getrunken. Starken, dunklen, leicht bitteren öligen Tee mit Zucker. Meine Geschwister  und ich tranken den gleichen Tee. Morgends, nachmittags und zum Abendbrot. Er  kümmerte sich morgens allein um uns,  brachte uns schnell dazu, bittersüßen heißen  Tee zu trinken und Schwarzbrot mit Speck und Pfeffer zum Frühstück zu essen. Das hatte er von Anfang an vorbereitet. Kaum waren wir einige Wochen alt, schnitt er ein großes Loch in unsere Nuckelflaschen, füllte diese mit zähflüssigem aber nahrhaften Haferschleim, musste uns nicht so oft füttern und die Sache ging auch viel schneller und wie am Schnürchen. Ganz schnell waren wir auf diese Art dem Säuglingsalter entwachsen, aßen und tranken als Einjährige, wie jeder normale Mensch. Nur keinen Wein oder Slivowitz.

Sonntag, 2. November 2014

Flügel


Als ich klein war, näherte ich mich jeder Karre, jedem Bollerwagen, jeder Schubkarre mit großer Bewunderung, sehnte mich aufzusteigen, getragen zu werden von den mit Luft gefüllten  federnden Gummireifen unter den jeweiligen Brettergestellen. Ich schaute neidisch auf die älteren Kinder mit ihren Rollern und Fahrrädern, Wunderwerke aus gerade und gebogenen, dicken und dünnen Metallstangen, die zwei Räder verbanden. Kaum hatten sie sich hinaufgeschwungen, schossen ihnen unsichtbare Flügel aus den Schultern, so dass sie, den Kopf mit wehenden Haaren in den Nacken gelegt, die Augen himmelwärts gerichtet, manchmal sogar den Lenker losließen und die Arme links und rechts weit ausgestreckt,  an mir vorbeiflogen.
So wie dem Leben überhaupt dann  Stück um Stück sein Wundersames verlorenging und der Selbstverständlichkeit Platz machte, mir für Jahrzehnte diese Wunderwerke auf Rollen keinen müden Blick mehr wert waren, so kehrt mein Kinderblick zurück. Langsam, unaufdringlich, stetig, Stück für Stück.