Manchmal weiß man nicht, woher die Bilder kommen. Ob es sich bei den Bildern im Kopf um das Erinnern einer wirklichen, oder nur vorgestellten Szene handelt. Unsere Mutter hat ihr Weinglas erhoben, hält es mit zur Seite geneigtem Kopf etwas schief in die Luft über dem
Tisch zwischen uns, so dass der Rest Wein im Glas nur die eine Seite füllt. Nur
unsere Mutter hat ein Glas in der Hand. So war das bei ihr. Abends trank sie Weißwein. Morgens Kaffee. Meistens stand eine Kerze auf dem Tisch. Nur im Sommer nicht. Ich weiß nicht mal
mehr, was unser Vater abends getrunken hat. Kein Bier, kein Wein. Ganz selten mal einen Pflaumenschnaps. keine Kerzen. Tee? Tee hatte
er tagsüber viel getrunken. Starken, dunklen, leicht bitteren öligen Tee mit
Zucker. Meine Geschwister und ich tranken den gleichen Tee. Morgends, nachmittags
und zum Abendbrot. Er kümmerte sich morgens allein um uns, brachte
uns schnell dazu, bittersüßen heißen Tee
zu trinken und Schwarzbrot mit Speck und Pfeffer zum Frühstück zu essen. Das hatte
er von Anfang an vorbereitet. Kaum waren wir einige Wochen alt, schnitt er ein
großes Loch in unsere Nuckelflaschen, füllte diese mit zähflüssigem aber nahrhaften Haferschleim,
musste uns nicht so oft füttern und die Sache ging auch viel schneller und wie
am Schnürchen. Ganz schnell waren wir auf diese Art dem Säuglingsalter
entwachsen, aßen und tranken als Einjährige, wie jeder normale Mensch. Nur
keinen Wein oder Slivowitz.
Freitag, 14. November 2014
Sonntag, 2. November 2014
Flügel
Als ich klein war, näherte ich
mich jeder Karre, jedem Bollerwagen, jeder Schubkarre mit großer Bewunderung,
sehnte mich aufzusteigen, getragen zu werden von den mit Luft
gefüllten federnden Gummireifen unter
den jeweiligen Brettergestellen. Ich schaute neidisch auf die älteren Kinder
mit ihren Rollern und Fahrrädern, Wunderwerke aus gerade und gebogenen, dicken
und dünnen Metallstangen, die zwei Räder verbanden. Kaum hatten sie sich hinaufgeschwungen, schossen ihnen unsichtbare
Flügel aus den Schultern, so dass sie, den Kopf mit wehenden Haaren in den
Nacken gelegt, die Augen himmelwärts gerichtet, manchmal sogar den Lenker
losließen und die Arme links und rechts weit ausgestreckt, an mir vorbeiflogen.
So wie dem Leben überhaupt
dann Stück um Stück sein Wundersames
verlorenging und der Selbstverständlichkeit Platz machte, mir für Jahrzehnte
diese Wunderwerke auf Rollen keinen müden Blick mehr wert waren, so kehrt mein
Kinderblick zurück. Langsam, unaufdringlich, stetig, Stück für Stück.
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