Sonntag, 2. November 2014

Flügel


Als ich klein war, näherte ich mich jeder Karre, jedem Bollerwagen, jeder Schubkarre mit großer Bewunderung, sehnte mich aufzusteigen, getragen zu werden von den mit Luft gefüllten  federnden Gummireifen unter den jeweiligen Brettergestellen. Ich schaute neidisch auf die älteren Kinder mit ihren Rollern und Fahrrädern, Wunderwerke aus gerade und gebogenen, dicken und dünnen Metallstangen, die zwei Räder verbanden. Kaum hatten sie sich hinaufgeschwungen, schossen ihnen unsichtbare Flügel aus den Schultern, so dass sie, den Kopf mit wehenden Haaren in den Nacken gelegt, die Augen himmelwärts gerichtet, manchmal sogar den Lenker losließen und die Arme links und rechts weit ausgestreckt,  an mir vorbeiflogen.
So wie dem Leben überhaupt dann  Stück um Stück sein Wundersames verlorenging und der Selbstverständlichkeit Platz machte, mir für Jahrzehnte diese Wunderwerke auf Rollen keinen müden Blick mehr wert waren, so kehrt mein Kinderblick zurück. Langsam, unaufdringlich, stetig, Stück für Stück.


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