Sonntag, 27. September 2015

Mit ausgebreiteten Armen



Manchmal vergeht unbegreiflich viel Zeit, bis einem ein Licht aufgeht, eine Lösung gefunden, eine Erleichterung geschaffen ist für ein bestimmtes Problem. Es kann Jahre dauern, bis  ein imprägniertes Segeltuch über einer Sitzecke auf der Terasse gespannt wird,  ein Sofa vor den Kamin gerückt wird, der jahrelang ins Leere flammte.
Gestern Abend, alle Lampen  waren schon gelöscht, nur  durch die Ritzen der Holzstäbe von der, über eine funzelige Birne gestülpten, chinesischen Tasche im Flur fiel noch ein wenig Helligkeit auf die Dielen und  das  Deckenlicht über dem grünen Ledersofa spendete ein wenig Orientierung. Ich war barfuß und schon im Schlafanzug und suchte nach einer Strategie, ohne Hilfsmittel und Schuheanziehen mein in der hintersten und dunkelsten Ecke des Wohnzimmers  auf dem Tisch liegengebliebenes Buch zu holen. Ich wollte schon aufgeben, saß schon auf dem Rand des  Ledersofas und streckte meinen Arm nach den Schuhen aus, aber dann rappelte ich mich wieder auf, hob die Arme, streckte sie so weit es ging seitlich neben mir aus und segelte leicht und erstaunlich aufgerichtet durch den bedrohlich dämmrigen Raum auf mein Buch zu, nahm es an mich und segelte ebenso zurück in die Sicherheit des Lichtes.



Freitag, 4. September 2015

Eingeschlossen


In einem Raum ohne geöffnetem Fenster zu schlafen, war mir seit je her unmöglich gewesen. Mindestens durch einen kleinen schmalen Spalt muss das Draußen rein ins Zimmer, brauche ich den feinen Strom der Nachtluft am Gesicht. An warmen Nächten im Camping Bus möchte ich am liebsten nur ein dünnes Tuch vor der offenen Schiebetür.
Mein kleiner Bruder hat Angst vor Überfällen, möchte den Bus verrammeln. Am ersten Abend unserer Reise verbrachten wir die Nacht auf einer Autobahnraststätte kurz hinter Stettin in der Sicherheit zwischen zwei ruhenden Sattelschleppern. Alle Türen waren elektronisch verriegelt, nur im Dach  war eine winzige Klappe geöffnet.
Unserer nächster Nachtplatz lag im Kiefernwald dicht am Meer. Wir konnten das Meer hören. Kurz vorm Wegdämmern fuhren wir hoch, lauschten mit beiden Händen auf der Matratze abgestützt einem huschenden Geräusch um den Bus. Mein Bruder mühte sich mit dem Türöffner ab. Es war das mehrmalige Summen und Klacken des Türöffners zu hören, klack summ klack summm...Die Tür blieb verschlossen.
„, Wir sind eingeschlossen!“ die Augen aufgerissen, seine Stimme panisch, starrte er in mein Gesicht.  
Dann  ließ er sich  wieder auf die Seite fallen, um Schwung zu holen, sich endgültig  hoch zu wuchten.
Das Geräusch war jetzt auf der anderen Seite des Busses, direkt vor der Schiebetür. Entschlossen stand er davor, den Türöffner dicht vor seinen brillenlosen Augen. Klacksumm, klacksumm.
 Jetzt knackte es in dem Schloss und die Tür wurde mit einem Griff  aufgerissen. Ich spürte den hereinströmenden Luftstrom.
„Unsere Stühle sind weg! Nein umgerissen!“
Es war nur ein Tier, etwa so groß wie ein Cockerspaniel. Vielleicht ein Fuchs. 
"Auf jeden Fall hatte das Tier einen Schwanz gehabt," murmelte mein Bruder bevor ich wieder einschlief  und dann  hörte ich noch das Klacksumm des Schiebetürverrammlers.