Donnerstag, 19. Februar 2015

Was guckst Du?




Letzte Woche las ich „Unterwerfung“ von Michel Houllebecq. In der  Dialogszene eines Kapitels geht es um Wut, um Zorn. Das Gespräch  zwischen dem Protagonisten  und seinem Gesprächspartner  hat nicht die Wut an sich zum Thema, diesem von jeglichen Geschöpfen unabhängig existierenden Phänomen der Wut, deren Manifestation im allgemein existierenden  Raum, sondern vielmehr und an dieser Stelle die verschiedene Beurteilung von männlicher und weiblicher Wut. Ich bin es nicht gewöhnt und nicht sonderlich erfahren, mich souverän   zu solchen Dingen zu äußern, aber mir fällt dazu ein in  den 70- iger Jahren gedrehter Dokumentarfilm ein. Ein Film über frei lebende Tiere: 
Die Wut eines von einer  großen Raubkatze durch Momente namenloser Furcht zu Tode gehetzten Pavians, der sich umdreht  zu seinem Verfolger, welcher dicht hinter ihm, keine zwei Meter entfernt zum Sprung ansetzt. Ein letzter wütender Angriff, die Gestalt hochaufgerichtet, mit freigelegtem Gebiss, fletschenden  Zähnen und erhobenen Armen stellt Pavian  bzw.  Pavianin  sich dem persönlichen  Killer. 
Im Gegensatz dazu  möchte  Houllebecqs Ich-Erzähler die Regung Wut unterschiedlich betrachtet wissen. In dem Sinne von 
Wut steht  Ihr lange nicht so gut wie  Ihm…hmmm




                                                                       

Donnerstag, 12. Februar 2015

Frühe Autonomie



Der wadenlange schwarze warm gefütterte Wintermantel taugt nicht zum Fahrradfahren. Die Gefahr, mich beim Aufsteigen mit dem hoch über den Sattel nach hinten geschwungenen rechten Bein im langen Mantel zu verheddern, ist zu groß. Ich hab mir im Internet für zwanzig Euro einen Kurzmantel aus dunkelbraunem Kunstfellplüsch ersteigert. Er ist schmal geschnitten, hat einen kleinen flauschigen Stehkragen  und reicht mir bis zur Hälfte der Oberschenkel.
Mein fast zehnjähriger Enkel fragt jedes Mal, wenn er bei uns ist, nach dem Mantel. Er wirft  ihn sich über seine schmalen Jungsschultern, zupft den Kragen hoch, bis seine Ohrläppchen verdeckt sind und einzelne Strähnen seiner inzwischen etwas längeren schwarzen glatten Haare sich mit dem dunklen Flausch des Mantels mischen. Er steht solange vorm großen Spiegel im Flur, schließt und öffnet abwechselnd einige Knöpfe, bis er mit der Lässigkeit der halboffen stehenden Mantelvorderseite zufrieden ist.
Gestern bot er mir die Hälfte des Inhaltes seiner Schatzkiste plus seinen  liebsten Terminator Film für den Mantel an. Wir haben lange diskutiert und nachdem ich ihm die Unmöglichkeit, ganz und gar auf diesen  zauberhaften Mantel zu verzichten, erklärte, beschlossen wir, ihn zu teilen:
An den Wochenenden sowie Dienstags und Donnerstags, wenn ich mit Bahn und Bus zurecht komme, gehört der Mantel ihm, an den übrigen Tagen mir.
Obwohl mein Enkel   in der Schule rassistischem Mobbing ausgesetzt ist, hüllte er sich dann stolz und frei in den samtigen bis an seine Knöchel reichenden  Pelz seiner Großmutter. Er klappte den Kragen um die Ohren, schob die etwas zu langen Ärmel hoch, stülpte sich seinen Fahrradhelm über, schulterte den Rucksack, schwang sich aufs Rad und machte sich angemessen bekleidet in der beginnenden Dämmerung auf zu der Geburtstagsparty seines einzigen Freundes.

Vor der Haustür stehend sah ich der kleinen pelzigen auf dem Fahrrad strampelnden Gestalt  hinterher. Bei ihm verhedderte sich überhaupt nichts.


Mittwoch, 11. Februar 2015

Umzug

Auszug

der Getrennte half mit so gut er konnte
es war nicht viel
stand meist im Weg
überfordert mit sich und seiner Lage

Die Trennende war auch dabei
macht fleißig mit
besorgt um unser Wohl

Los soll es gehen
die Autos sind beladen
Ich nehm´ sie in den Arm
um Lebewohl zu sagen

„Wann sehen wir uns wieder?“

„Wahrscheinlich nie!“

Schwer war´s für sie
die Tränen nicht zu zeigen