Donnerstag, 12. Februar 2015

Frühe Autonomie



Der wadenlange schwarze warm gefütterte Wintermantel taugt nicht zum Fahrradfahren. Die Gefahr, mich beim Aufsteigen mit dem hoch über den Sattel nach hinten geschwungenen rechten Bein im langen Mantel zu verheddern, ist zu groß. Ich hab mir im Internet für zwanzig Euro einen Kurzmantel aus dunkelbraunem Kunstfellplüsch ersteigert. Er ist schmal geschnitten, hat einen kleinen flauschigen Stehkragen  und reicht mir bis zur Hälfte der Oberschenkel.
Mein fast zehnjähriger Enkel fragt jedes Mal, wenn er bei uns ist, nach dem Mantel. Er wirft  ihn sich über seine schmalen Jungsschultern, zupft den Kragen hoch, bis seine Ohrläppchen verdeckt sind und einzelne Strähnen seiner inzwischen etwas längeren schwarzen glatten Haare sich mit dem dunklen Flausch des Mantels mischen. Er steht solange vorm großen Spiegel im Flur, schließt und öffnet abwechselnd einige Knöpfe, bis er mit der Lässigkeit der halboffen stehenden Mantelvorderseite zufrieden ist.
Gestern bot er mir die Hälfte des Inhaltes seiner Schatzkiste plus seinen  liebsten Terminator Film für den Mantel an. Wir haben lange diskutiert und nachdem ich ihm die Unmöglichkeit, ganz und gar auf diesen  zauberhaften Mantel zu verzichten, erklärte, beschlossen wir, ihn zu teilen:
An den Wochenenden sowie Dienstags und Donnerstags, wenn ich mit Bahn und Bus zurecht komme, gehört der Mantel ihm, an den übrigen Tagen mir.
Obwohl mein Enkel   in der Schule rassistischem Mobbing ausgesetzt ist, hüllte er sich dann stolz und frei in den samtigen bis an seine Knöchel reichenden  Pelz seiner Großmutter. Er klappte den Kragen um die Ohren, schob die etwas zu langen Ärmel hoch, stülpte sich seinen Fahrradhelm über, schulterte den Rucksack, schwang sich aufs Rad und machte sich angemessen bekleidet in der beginnenden Dämmerung auf zu der Geburtstagsparty seines einzigen Freundes.

Vor der Haustür stehend sah ich der kleinen pelzigen auf dem Fahrrad strampelnden Gestalt  hinterher. Bei ihm verhedderte sich überhaupt nichts.


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