Der wadenlange schwarze warm gefütterte Wintermantel taugt nicht zum Fahrradfahren.
Die Gefahr, mich beim Aufsteigen mit dem hoch über den Sattel nach hinten
geschwungenen rechten Bein im langen Mantel zu verheddern, ist zu groß. Ich hab
mir im Internet für zwanzig Euro einen Kurzmantel aus dunkelbraunem Kunstfellplüsch
ersteigert. Er ist schmal geschnitten, hat einen kleinen flauschigen
Stehkragen und reicht mir bis zur Hälfte
der Oberschenkel.
Mein fast zehnjähriger Enkel fragt jedes Mal, wenn er bei uns
ist, nach dem Mantel. Er wirft ihn sich
über seine schmalen Jungsschultern, zupft den Kragen hoch, bis seine
Ohrläppchen verdeckt sind und einzelne Strähnen seiner inzwischen etwas
längeren schwarzen glatten Haare sich mit dem dunklen Flausch des Mantels mischen.
Er steht solange vorm großen Spiegel im Flur, schließt und öffnet abwechselnd
einige Knöpfe, bis er mit der Lässigkeit der halboffen stehenden
Mantelvorderseite zufrieden ist.
Gestern bot er mir die Hälfte des Inhaltes seiner Schatzkiste
plus seinen liebsten Terminator Film für
den Mantel an. Wir haben lange diskutiert und nachdem ich ihm die Unmöglichkeit,
ganz und gar auf diesen zauberhaften Mantel zu verzichten, erklärte,
beschlossen wir, ihn zu teilen:
An den Wochenenden sowie Dienstags und Donnerstags, wenn ich
mit Bahn und Bus zurecht komme, gehört der Mantel ihm, an den übrigen Tagen
mir.
Obwohl mein Enkel in der Schule rassistischem Mobbing ausgesetzt
ist, hüllte er sich dann stolz und frei in den samtigen bis an seine Knöchel
reichenden Pelz seiner Großmutter. Er klappte
den Kragen um die Ohren, schob die etwas zu langen Ärmel hoch, stülpte sich
seinen Fahrradhelm über, schulterte den Rucksack, schwang sich aufs Rad und machte sich angemessen
bekleidet in der beginnenden Dämmerung auf zu der Geburtstagsparty seines einzigen
Freundes.

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