Dienstag, 21. Juli 2015

Liegeplatz



Unseren Schlafplatz haben wir damals in der ehemaligen Garage eingerichtet. Die Garage ist ein schmaler Anbau neben der Küche und eine kleine braune aus Holz gezimmerte Tür führt in den halb verwilderten Garten. Ein dunkles Bambusrollo ist über dem kleinen Fensterquadrat  im oberen Drittel der Tür angebracht und vor den beiden Fenstern an der gegenüber liegenden Wand zwei japanische Jalousien aus Holzlamellen. In dem  schmalen Geviert aus grob verputzem halben Stein ist nicht viel mehr Platz als für unser schwarzes Metallbettgestell, weil vor der kurzen Wandseite  mittig ein alter Heizkörper weit in den Raum hineinragt. In  kalten Winternächten ist es trotzdem eisig und wir breiten über die Bettdecken  noch  die doppelt gewebten Lamadecken aus.
Wenn ich auf der anderen Seite des Raumes etwas holen möchte, muss ich über das Bett hinweg krabbeln. An beiden Seiten des Bettes ist nur noch Platz für einen kleinen Nachtisch mit Lampe zur Ablage von Büchern, Zeitungen, Aschenbechern und Weingläsern und zwischen Tür und Fenster passt noch  ein schmales Rattanregal für Schuhe.
Es ist ein schöner und ausgefallener Schlaf- und Liegeplatz. Ich schaue vom Bett aus nach oben auf die Balken des Dachstuhls, zwischen denen sich dichte Dreiecke aus Spinnweben von Ecke zu Ecke und von Balken zu Balken spannen  und wenn ich  die Tür aufmache, ist es fast, als stünde das Bett im Freien. Vor der Tür haben wir einen kleinen Eingangsbereich geschaffen aus vier Gehwegplatten und die offene Tür kann ich mit einem hellroten Ziegelstein fixieren, an dessen schmalen Seiten noch Mörtelreste hängen, damit der Wind sie nicht zuschlägt. Direkt hinter der offenen Tür rankt sich ein wilder Hundsrosenstrauch in einem geschwungenen Bogen bis zur Dachecke. Wir haben ihn mit einem dicken Seil hochgebunden und an der massiven mit Schnitzereien verzierten Holzkonstruktion des Dachträgers festgezurrt, damit ich in den Garten sehen kann. Vor dem Bett auf dem dunkelroten Läufer liegt unser großer Tigerkater.





Sonntag, 5. Juli 2015

Kleiner Schlenker




Ich besuchte unseren Vater eigentlich nie alleine auf der Weide am Apelsweg, wo er sich neben dem Stall für seine  englische Vollblutstute  Chresta ein kleines Atelier eingerichtet hatte. Es war die Welt seines Alleinseins. An diesem Sommernachmittag war ich ziellos mit dem Fahrrad herumgefahren, war kreuz und quer durch den  Beimoorwald getrödelt und nahm auf dem Rückweg nicht wie sonst die scharfe Linkskurve hinter der bröckelnden Wand der alten Bahnhofsruine, sondern schwenkte entschlossen rechts rein in den kleinen unbefestigten Weg. Ich nahm die Holzbrücke über die Aue, holperte durch die Schlaglöcher an Frau Antropows kläffenden Hunden vorbei und lehnte mein Rad an das Gatter zur Weide.
Ich hatte mich gerade  darüber geschwungen und wendete mich zum Stall hin, als ich hinter mir herannahendes Hufgetrappel hörte. Chresta hielt im vollen Galopp direkt auf mich zu, ihre hohe Gestalt  flog über die Wiese, ihren schönen dunklen Kopf mit der wehenden schwarzen Mähne hoch erhoben, die Ohren angelegt, die Nüstern gegen den Himmel. Ich stand wie erstarrt und sah sie heranstürmen. Sie machte keine Anstalten, in den Trab zu fallen, noch auszuweichen. Ungebremst, in gerader Linie zu mir schoß das große Tier auf mich zu. „Stehenbleiben, nicht ausweichen, keinen Schritt zur Seite, rühr dich nicht!“
Ruhig aber eindringlich hörte ich die Stimme unseres Vaters hinter mir. Elegant beschrieb Chresta einen kleinen Schlenker um mich herum, stemmte ihre zierlichen Hufe in das Gras, stellte ihre Ohren kerzengerade, beugte ihren braunen Hals und blies mir ihren Atem aus den samtigen schwarzen Nüstern ins Gesicht.
Manche Bedrohungen stürmen auf uns zu und machen im allerletzten Moment einen kleinen Schlenker.
Gestern war ich noch einmal da. Der Schotterweg führt immer noch an kläffenden Hunden vorbei, verengt sich dann zu einem mit hohem Gras bewachsenen Feldweg. Über den Pfad hängende Brennesseln streiften meine nackten Beine. Dann musste ich absteigen, weil tiefe eingetrocknete Spurrillen mit den Abdrücken von Treckerreifenprofilen das Befahren unmöglich machte.
Ich lehnte mein Rad an einen Baum. Ich kletterte nicht über das Gatter. Mein Blick  wanderte über den Platz, wo der Stall und das Atelier gestanden hatten, dann rüber zur Weide. Jetzt grasen da Kühe.