Ich besuchte unseren Vater eigentlich nie alleine auf der Weide am Apelsweg, wo er sich neben dem Stall für seine englische Vollblutstute Chresta ein kleines Atelier eingerichtet hatte. Es war die Welt seines Alleinseins. An diesem Sommernachmittag war ich ziellos mit dem Fahrrad herumgefahren, war kreuz und quer durch den Beimoorwald getrödelt und nahm auf dem Rückweg nicht wie sonst die scharfe Linkskurve hinter der bröckelnden Wand der alten Bahnhofsruine, sondern schwenkte entschlossen rechts rein in den kleinen unbefestigten Weg. Ich nahm die Holzbrücke über die Aue, holperte durch die Schlaglöcher an Frau Antropows kläffenden Hunden vorbei und lehnte mein Rad an das Gatter zur Weide.
Ich hatte mich gerade darüber geschwungen und wendete mich zum Stall
hin, als ich hinter mir herannahendes Hufgetrappel hörte. Chresta hielt im
vollen Galopp direkt auf mich zu, ihre hohe Gestalt flog über die Wiese, ihren schönen dunklen
Kopf mit der wehenden schwarzen Mähne hoch erhoben, die Ohren angelegt, die
Nüstern gegen den Himmel. Ich stand wie erstarrt und sah sie heranstürmen. Sie
machte keine Anstalten, in den Trab zu fallen, noch auszuweichen. Ungebremst,
in gerader Linie zu mir schoß das große Tier auf mich zu. „Stehenbleiben, nicht
ausweichen, keinen Schritt zur Seite, rühr dich nicht!“
Ruhig aber eindringlich hörte ich die Stimme
unseres Vaters hinter mir. Elegant beschrieb Chresta einen kleinen Schlenker um
mich herum, stemmte ihre zierlichen Hufe in das Gras, stellte ihre Ohren
kerzengerade, beugte ihren braunen Hals und blies mir ihren Atem aus den
samtigen schwarzen Nüstern ins Gesicht.
Manche Bedrohungen stürmen auf uns zu und machen im
allerletzten Moment einen kleinen Schlenker.
Gestern war ich noch einmal da. Der Schotterweg
führt immer noch an kläffenden Hunden vorbei, verengt sich dann zu einem mit
hohem Gras bewachsenen Feldweg. Über den Pfad hängende Brennesseln streiften
meine nackten Beine. Dann musste ich absteigen, weil tiefe eingetrocknete
Spurrillen mit den Abdrücken von Treckerreifenprofilen das Befahren unmöglich
machte.
Ich lehnte mein Rad an einen Baum. Ich kletterte
nicht über das Gatter. Mein Blick wanderte über den Platz, wo der Stall und das
Atelier gestanden hatten, dann rüber zur Weide. Jetzt grasen da Kühe.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen