Freitag, 24. Februar 2017

Duft



Als vorhin ein Sonnenstrahl auf unseren trockenen, abgetretenen aus einfachen Fichtenbrettern gezimmerten Boden fiel, kam mir wieder eine Szene aus frühester Kindheit in den Sinn. Der frisch gebohnerte Dielenboden im Bauernzimmer der Reetdachkate mit den an zwei Wänden entlanglaufenden Holzbänken. Zum Polieren banden wir uns alte Wolllappen an die Füße und rutschten auf den duftenden, feucht glänzenden Dielenbrettern entlang, immer in der Richtung der Maserung, nie gegen den Strich, sonst bremste ein hochgerissener Splitter unsere Fahrt. Zuerst ging es noch mühsam auf dem noch stumpfen Holz aber nach ein paar Runden auf jedem Brett wurde es glitschiger, ging es schneller. Wir schlitterten von der Ofenecke zur Bankreihe unter dem Fenster, stützten uns kurz mit den Händen am Rand der Bank ab, schnellten herum und rutschten wieder rüber zum großen Kachelofen, stießen uns ab und drehten.
Der Boden wurde nie spiegelblank. Immer  verloren wir die Lust an diesem Vergnügen lange bevor der Boden den eigentlich erwünschten Glanz erreichte. Allenfalls unsere wachsgetränkten, von den Füßen gezogenen Lappen kamen dem gewünschten Ergebnis eines professionell gebohnerten Bodens nahe.
Zum Abschluss holten wir uns jeder einen Buntstift, legten uns flach auf die Dielenbretter, die Köpfe dicht beieinander, die Wangen neben unseren freien, mit weit aufgefächerten Fingern fest auf die duftende Glätte des Holzes geschmiegten Händen lagen wir lange da in dem Bienenwachsgeruch und schoben  unsere Buntstifte  in den mit Bohnerwachs verkleisterten Fugen hin und her.

Samstag, 18. Februar 2017

HInter der Rhododendronhecke


Ich schaue aus dem Fenster hinüber zu der Rhododendronhecke, die unseren Garten vom Nachbargrundstück trennt, auf die dahinter im Dunst dieses trüben Februarnachmittages liegende ziegelrote Fassade des Nachbarhauses. Ich sehe unseren langjährigen Nachbarn bekleidet mit dunkelgrauer Wollmütze und hellem Wintermantel an einer Hausecke auftauchen, zwischen Hauswand und den Rhododendren langsam seinen Weg fortsetzen und um die  andere Ecke wieder verschwinden. Nach kurzer Zeit erscheint seine Mütze wieder an der Ecke, die er gerade eben umrundete, und nun geht er den gleichen Weg zurück, biegt um die Hausecke, wo seine graue Mütze das erste Mal auftauchte. Diese langsame Wanderung verfolge ich mit erstaunlichem Interesse. Schon das vierte Mal sehe ich durch vereinzelte Lücken im dunkelgrünen Rhododendronblattwerk wie die hellen Flecken von Mütze und Mantel in eben dieser Weise von rechts nach links und dann von links nach rechts langsam an der Hauswand entlang schweben.
Ich denke darüber nach,warum diese alltägliche Szene eines in seinem winterlichen Garten umherstreifenden Nachbarn meine Aufmerksamkeit weckt, zu  einer so intensiven Beobachtung Anlass bietet, mich fragen lässt,was ihn wohl zu dieser Wanderung veranlasste, was ihm durch den Kopf geht unter seiner Strickmütze während er dort umherstromert.
Es gibt wohl Phasen und Umstände im Leben, die gekennzeichnet sind durch eine deutlich geschärfte Sinneswahrnehmung für unsere Umgebung, die uns umgebende Natur, für die Menschen, Tiere und Pflanzen in unserem Lebensraum, wo jedes kleinste Detail unseres Alltags, unseres Tagesablaufes Gewicht und Bedeutung erfährt.
Vielleicht hat unser Nachbar nur  mit dem Hochdruckreiniger die Steinplatten ums Haus abgespritzt.

Samstag, 11. Februar 2017

Vertretung

Unterweg in Vertretung.
Den „Markt“ austragen an einem klarer Januartag.
Der kleine blaue Handwagen rollt geräuschlos hinterher,
und wird leichter.
Ein paar flache Reihenhäuser am Beginn meiner Reise
befreien mich gleich merklich.
Selten treffe ich Menschen hier am Samstagmorgen.
Wie ausgestorben liegt das Dorf im Winterschlaf.
Hier und da einer mit Hund.
Auch mal ohne, eilend zur Bahn.

Wiesengrund. Die Reihenhäuser.
Oft höre ich drinnen Stimmen und Geräusche.
Die Fenster der Toiletten schauen nach vorn.
Die Briefkästen sind verschieden.
Gern nehme ich den Hocker mit dem Stein.

Immer sauber geharkte Fläche
verhindert mein Hiersein ohne Spur.
Den Harker, oder sie, hab´ ich noch nie gesehen.

Dorfstrasse.
Die vier Häuser auf der anderen Seite mache ich auf dem Rückweg.
Auf der Wiese wälzen sich zwei schwarze Islandpferde wonnig im zarten Schnee.
Ein Hund tobt bellend drumherum.
Eines springt auf, geht mit gesenktem Kopf auf diesen los.
Er weicht zurück,
wird abgerufen mit lautem Pfiff.
Unten im Tal steigt weißer Rauch aus dem Schornstein des Gasthauses.
„Vorsicht, Gefährlicher Hund“

Im Winkel.
„Bitte Tor immer sorfältig schließen“
Ein alter Mann mit Mütze und Ohrenklappen kreutzt meinen Weg.
Der Schlitten, besetzt mit Enkelkind, schrabt über wenig Schnee.
Ein Hund folgt nach.
„Achtung, Wachsamer Nachbar“
 
Dann Rosenweg.
Zeitungsrollen, Klappenschlitze in gemauerten Torpfosten,
einfach nur ´ne Kiste unter Dach, enger alter Blechkasten mit ramponiertem Deckel, amerikanische mailbox zum winke winke machen.
„2x Markt bitte“

Forstweg.
Der ist lang.
Zieht sich. 
Einseitig bebaut, auf der anderen der Wald.
Kläffende Hunde, hetzend hinter Zäunen.
„Hier hat der Boxer das Sagen“, mit Bild.
Ganz hinten das alte Forsthaus, schweigend bewohnt, ohne Förster.
Den langen Weg zurück.
 
Dann Kupfermühler Weg.
„Jeden Dritten beißt der Hund!  Zwei waren heute schon hier“
6x „Markt“ landen im Pflegeheim auf dem Heizkörper im Flur.
Es riecht nach Mittagessen.
Freundlich grüßt ein Raucher vor der Tür.
Dann noch runter ins Tal zum Restaurant.
Auf Kopfsteinpflaster über das Wehr der alten Mühle.
Zwei Gänse fauchen böse .
Den Rest dann zum Container am kleinen Bahnhof.
Fertig