Dienstag, 25. August 2015

Mysterien II: Der Ornithologe

Es war ein heißer Sommertag vor Jahren.
Gewitter lagen in der Luft, den ganzen Tag schon,
grummend in der Ferne.
Wir beschlossen noch einen kleine Wanderung zu machen,
einmal um den See, und vielleicht noch ein wenig in die Heide,
und wurden dann überrascht und eingekreist.
Wir suchten Schutz unter einem Jägerstand, aber dieser schien uns bald schon nicht mehr gut.
Blitz und Donner waren über uns und um uns, und wir rannten über die Heide für besseren Schutz unter dem winzigen Überstand einer Infotafel:  „Müritz Nationalpark“,
gleich neben einer kleinen Brücke über den Fluß.
Angepresst gegen das Schild versuchten wir dem Unwetter zu trotzen,
was vergeblich war.
Die noch kleinen Kinder fingen an zu weinen.
Wir waren naß und ohne Schutz.
Da sahen wir am anderen Ufer ein Auto stehen.
keinen Jeep, was möglich wäre in diesem sandigen Gelände,
ein Fiat Panda war´s, sandfarben, winzig klein,
und geisterhaft.
Wir rannten hin und klopften zaghaft an die beschlagene Scheibe.
Ein freundliches Gesicht erschien und ich fragte dies um Hilfe für die Kinder,
mehr Platz würd´ sowieso nicht sein.
Doch weit gefehlt.
Die Sitze waren hinten ausgebaut und alle fanden Platz.
In rasanter Fahrt ging es jetzt durch dick und dünn.
Durch knietiefe Pfützen und über Stock und Stein.
„Ein Ornithologe wäre er und auf der Pirsch“
erzählte uns der Retter und brachte uns sicher an unser Zelt.

Am Tag darauf erzählten wir dies so nebenbei den Campingplatzbetreibern.
Totlachen wollten  diese sich:
„Ein Ornithologe?“
„Hier? Was für ein Quatsch?“
„Da hat Euch einer einen mächtigen Bären aufgebunden“

Wir haben dann versucht, das kleine Auto doch zu finden,
haben gefragt und uns erkundigt.

Niemand hatte es gesehen.
Keiner kannte so ein Auto.
Es ist nie wieder aufgetaucht.

Kreuzungspunkte





Je weiter wir nach Osten fahren, desto häufiger  ragen an den Wegbiegungen drei bis vier Meter hohe wuchtige Holzkreuze in den Himmel. Am Kreuzungspunkt der Balken  die winzige silberne oder bronzene Figur des geschundenen Jesus. Wie ein verirrtes zerschmettertes Insekt klebt  er am dunklen  Holz.
Ein alter grüner Motorroller mit halb abgerissenem Schutzblech lehnt am senkrecht aufragenden Pfahl, unangeschlossen abgestellt im Schutz des Gekreuzigten, sein Lenker  halb um den Mast gewunden wie in einer Umarmung.
Jedes mal, wenn mir dieses  Foltersymbol der christlichen Menschheit vor die Augen kommt, geh ich innerlich auf Abstand zu der Religion, die die Qual als ihr Mahnmal an jeder Ecke ausspuckt.
Als ich aber im Vorbeifahren über diesen vertrauensvoll an den Marterpfahl angeschmiegten Motorroller  nachdenke, geht es nicht mehr um die Art des Symbols. Es hätte auch ein Krischna, ein Buddha, das Schutzdach einer kleinen Moschee  oder ein Davidsstern sein können, in dessen Obhut der Besitzer seinen kleinen Roller hingestellt hat. Man  muss schon kalten Herzens sein, um dieses Anvertrauen mit Füßen zu treten. Gut gemacht! Einen besseren Platz für Deinen  Gefährten hättest Du nicht finden können.




Donnerstag, 13. August 2015

Das rote Haus


Jaron  umklammert  den hellen, vom Meer gerundeten Stein fest, die  Faust an seinen Bauch gepresst.
„ Jaron, der gehört Jelva. Gib ihn zurück!“
Die Stimme seines Vaters ist klar  und bestimmt. Seine Kusine Jelva steht vor ihm, hält ihre geplünderte Steinesammlung in der Plastiktüte hoch über den Kopf und streckt eine Hand nach ihrem Stein aus. Jarons  Faust  mit dem Stein schnellt hinter seinen Rücken.
„ Der gehört mir, der ist von meinem Jungen.“
Beim Sprechen  hält er den Kopf gesenkt, der  leichte Silberblick seiner tiefbraunen Augen verengt sich. Dann blickt er auf und direkt und sicher in unsere  fragenden Gesichter.  Ja, es gäbe immer mal wieder diesen "seinen Jungen“ werden wir von den Erwachsenen  aufgeklärt  Wir  murmeln uns schmunzelnd etwas über Jarons   Phantasie  zu.
„ Nein,“ widerspricht Jaron bestimmt und fixiert uns mit zusammengezogenen Brauen.
 „ Mein Junge wohnt hinten in einem roten Haus.“
Manchmal möchte Jaron  nach dem Kindergarten zu seinem Jungen in dem roten Haus fahren. Aber niemand weiß, wo das rote Haus ist, in dem Jarons Junge wohnt.  



Zuschauen


Die zweijährige Stina am Mittelmeer. Sie schmeißt eine Frisbyscheibe in die an den Strand rollenden Wellen. Die Scheibe hüpft rauf und runter, taucht ab und wieder auf, wird für Momente unsichtbar und blitzt kurz wieder auf zwischen weißem Schaum, zurück rollendem Wasser und dem aufwirbelnden Sand.
„ Wo bist du, wo bist du?“
Ihr kleiner Kopf fliegt in alle Richtungen, der blonde Zopf tanzt hin und her, ihre Augen unter dem Schirm des Cappis huschen aufmerksam über das Versteckspiel, das Auf- und Abtauchen  der Scheibe hinweg.
Sie macht ein paar Schritte zurück, einen vor und ihre Hand huscht rein ins Wasser  und greift die kurz auftauchende taumelnde Scheibe.
„ Ich hab dich, ich hab dich!“
Wieder und wieder schmeißt sie die Scheibe. „Wo bist du, ich hab dich, wo bist du, ich hab dich....“
Stundenlang könnte ich ihr zusehen




Unwegsames Gelände



Der kleine wunderschön abgelegene Zeltplatz liegt an einem tief blauen fast türkisen Gebirgssee im französischen Zentralmassiv. Er ist auf vier Terassen angelegt und unser Bulli steht auf einer der mittleren Ebenen fast ganz am Ende des Weges.
Wohin ich auch gehen möchte, ob ich aufs Clo muss, es mich zum See runter zieht oder die kleine Bar mich lockt, muss ich entweder den unwegsamen, mit störrischem Gestrüpp und fußangeligen Rankerwurzeln bewachsenen Wall hinter unserem Bus hochklettern oder aber an der Reihe der Camper links von unserem Platz entlanghumpeln, muss mir zwischen auf dem Rasen liegenden Handtüchern meinen Weg suchen, um die in den Weg ragenden Tische, Boote, Schwimmtiere und Campingstühle herumtaumeln.
Meistens warte ich, bis alle zum Wasser runter gegangen sind oder für einen Drink hoch in die  kleine Bar. Jetzt ist früher Nachmittag, meine Tasche ist gepackt, die Weinflasche, Schwimmzeug, mein Buch und Handtücher verstaut, alle sind unterwegs, der Weg wäre frei für mich, nur unsere direkten Nachbarn, ein holländisches älteres Paar, sitzen seit dem Frühstück an der gleichen Stelle direkt auf dem schmalen Spalt zwischen ihrem dicken Wohnwagen und den Zelten auf der anderen Seite des Weges. Sie schauen auf das imposante fast 2500 m hohe Bergmassiv, das hinter dem Wasser  aufragt.
Je länger sie da so sitzen, umso blöder erscheinen mir die Profile ihrer Gesichter, umso plumper ihre Gestalten, schuppiger ihr Haar und fahler ihre von der Sonne ausgedörrte Haut.
Sogar die gewaltigen Berge, auf die ihre starren Blicke hinter den Sonnenbrillen gerichtet sind, verlieren ihre Schönheit und schrumpfen zu dumpfen grauen Steinbrocken zusammen, der herrliche klare See droht zu kippen, zu einer öden  Wasserlache zwischen Steinwülsten zu verschwimmen.
Ich entscheide mich für  den Wall, und wenn ich ihn auf allen Vieren nehmen muss.



Montag, 3. August 2015

Mysterien I : Die Morra




Es ist jetzt zwei Jahre her. Es war eine heiße Zeit im August und wir übernachteten, wie schon so oft im Zelt auf einem kleinen versteckten Parkplatz direkt unten am See. Es ist einsam hier, denn nur wenige kennen diese Stelle. Ein kleiner Steg führt ins Wasser, man kann herrlich im See baden und einfach ankommen.

Die Nacht im Zelt war dann eisig kalt. Wir haben gefroren und den morgen herbeigewünscht. Dieser zeigte sich dann voll Wärme und Sonnenschein und so war die eisige Nacht bald vergessen, denn sie passte auch nicht zu allem anderen, und auch die folgenden waren warm und angenehm.

Vor ein paar Wochen waren wir wieder hier. Es war Juli und ein freundlicher warmer Tag. Auch die folgenden versprachen schönes Sommerwetter. Wir schliefen im Auto. Und wieder wurde die Nacht kalt und ungemütlich. Der Morgen brachte dann Sonnenschein und freundliche Wärme. Wir badeten gleich nach dem Aufstehen im See. Als wir zurückkehrten sahen wir verwundert, wie die Reste eins dünnen Eisfilms, der sich auf das Auto gelegt hatte ,  zügig abschmolzen.


Sonntag, 2. August 2015

Sommerurlaub

Wie oft war ich nun schon hier, und immer wieder ist es ein besonderer Moment.
Langsam schiebt sich unser kleines Boot durch die enge verschilfte Ausfahrt der Beek, und dann liegt er wieder vor uns. Weit und schmal streckt sich seine Wasserfläche nach Norden. Am rechten Ufer sind noch ein paar Bootshäuser, sonst gibt es hier nur Wald und Wasser. Der See ist heute spiegelblank, nur ein leichter Wind von Süden kräuselt das Wasser hier und dort. Er kann auch anders. Dann springt er einen an, schwarz und bedrohlich, mit weißen
Schaumkronen auf dem Wasser. Dann gibt es einen schönen Tanz. Aber heute tanzt er nicht mit uns, heut´wiegt er uns sanft und der leichte Wind treibt uns langsam dahin. Es sind Sommerferien und es ist trotzdem wenig los. Weit entfernt sind noch zwei weitere Paddler, ansonsten sind wir allein. Zwei Schwäne gründeln am Ufer und einige Blässhühner und Haubentaucher mit ihren jetzt halbwüchsigen Jungen spielen auf dem Wasser. Auf einem der Bootshäuser sitzt wartend ein Angler, auf einem Steg zwei Enten, dösend in der Sonne. Es ist noch früh am nachmittag, aber wir werden heute hier bleiben, uns einfach treiben lassen und die Stille geniessen. Drüben am Ufer gab es mal einen Campingplatz. Er wurde vor 20 Jahren geschlossen. Das Rezeptionsgebäude steht noch und die Trockenklos, einfach so im Wald, mit zerdepperten Scheiben und rausgerissenen Türen. Vergessen. Aber der Wald holt sich alles wieder zurück. Bald wird nichts mehr übrig sein. 
Kleine Buchten gibt es hier, die ehemaligen Badestellen, noch nicht ganz zugewachsen vom Schilf.
In einer davon stellen wir unser Zelt auf, nur wenige Meter vom Wasser. Mehr brauchen wir nicht. 
Abends lauschen wir den Geräuschen des Waldes und dem leisen Plätschern des Sees. Ein paar Enten schwimmen vorbei, ein Rohrsänger macht ordentlich Konzert. Irgendwann schlafen wir ein, und werden aufwachen mit dem Gurren der Tauben oben in den Kiefern.