Dienstag, 29. Oktober 2013

Klitzekleines Erdbeben




Meine Füße und ich waren weder  im Gebirge noch in der Wüste noch  auf einer Insel in einem heißen Land. Wir waren beim Friseur.


Ab und zu gehen wir  da hin, obwohl alle Gesichter fahl und hässlich werden über dem unterm Kinn straff zusammengeschnürten schwarzen Frisierumhang unter den von der Decke hängenden nackten Glühbirnen.
Mir ist es scheißegal, ob ich eine fahle Gesichtshaut hab und meinen Füßen sowieso. Mein Kopf wird zwischen vorsichtige Hände mit lackierten Nägeln genommen, um ihn behutsam nach hinten ins Waschbecken zu legen. Mir wird  das handwarme Wasser aus der Stirn gestrichen und hinter meine Ohren und nach dem Haarewaschen ein blütenweißes Handtuch um den Kopf geschlungen und mit leichten Berührungen warmer  Fingerspitzen hinten im Nacken festgesteckt.
Wenn ich dann die Augen zumache und mir  ein wenig schwindlich wird, ist es  fast so aufregend wie ein  Erdbeben. 


Mittwoch, 23. Oktober 2013

Nochmal und auch: Füße

Es ist schon lange her und es ist in einem heißen Land.
In einem Bus
stehend eingezwängt
Halte ich mich oben fest und schaue nach unten.

Füße.
Viele braune Füße
Kleine, große,  helle und dunkle
Breite und schmale,
Abgearbeitete und noch ganz junge.

Ohne Schuhe meist, wenige in einfachen Sandalen.
Bunter Nagellack, und Goldschmuck ums Gelenk.
Ganz normale Füße in einem überfüllten Bus.

Zwei sind ganz besonders. 
Mein Blick fällt immer wieder drauf.

Sie haben sechs Zehen.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Theo

So ist es dann.
Ein Handwerker, der bei uns zuhause einige Wochen ein und ausging hat  einen tiefen Eindruck hinterlassen. 
Nur wir vier Menschen kennen die "Theozange". Und diese Bezeichnung für ein alltägliches Werkzeug bedeutet Zusammengehörigkeit und ewige Freudschaft mit einem Menschen, den wir nie wieder gesehen haben.
Dieser Theo hat uns etwas vermacht und das ist viel mehr als der Name dieser Zange.
Sein Name ist eingebrannt, und er wird von keinem von uns je vergessen werden.
Theo war etwas ganz besonderes.
Ich würde ihm gerne noch einmal begegnen.
Er müßte jetzt sehr alt sein, 
vielleicht ist er schon lange tot.

Ein knuspriger Sommertag Ende Oktober
20Grad heut´ mittag
Und eine "Theozange" hatte ich auch in der Hand

 

Montag, 21. Oktober 2013

Zauberei



Wer mehr Tee trinkt, trinkt nicht so viel Wein. Um die Sache voranzubringen, hab ich mir zwei wunderschöne alte chinesische Teetassen  bei E -Bay ersteigert. Rot wie Klatschmohn, hauchdünn, vor langer Zeit dezent bemalt von winzigen chinesischen Händchen, eine kleine und eine etwas größere. Ganz unmöglich ist es, in diese zarten Kostbarkeiten Wein rein zu schütten. Nicht mal auf die Idee würde ich kommen.
Brahmssofas, Theozangen, Zigeunergabeln, alte Chinatassen... Gebrauchsgegenstände mit Geschichte sind Zauberer zwischen  den Welten. Als wäre es ganz bedeutungsvoll, seinen Hintern in die gleiche Sitzkuhle hinab zu senken, die schon  Johannes Brahms eingedrückt hat, von einer Gabel zu essen, seine Finger um deren  Griff  zu schließen, von der einst ein schönes junges Romamädchen mit wildem Haar gegessen hat, eine Zange zu verehren,  weil ein verwegener charismatischer, eine ganze Familie betörender  Klempner, der damals im Bruchhaus die Zentralheizung einbaute, sie bei uns liegenließ und wir sie anbeteten wie einen  Goldschatz.
Beim nächsten Schluck Tee, nein beim nächsten Schlückchen, versuche ich meine neuzeitlichen, ziemlich dicken Finger mit besonderer Feinfühligkeit  um das dünne Porzellan zu legen. Mal sehen, was mir so alles in die Finger kommt...



Dienstag, 8. Oktober 2013

Füße




Füße sind gut, solange man sie nicht spürt. Das kleinste  Bläschen, die winzigste Schrunde, Delle, Schramme, Quetschung, die feinsten unsichtbaren Löcher, Wespenstiche, Risse, Hühneraugen und Hornstellen, an anderen Körperteilen kaum wahrnehmbar, an den Füßen geht das gar nicht. Und wenn die Füße dann noch klettern sollen, rauf und runter, querfeldein über Gebirgspässe und Wüsteneien, Pfade finden müssen, die nur auf russischen Armeekarten existieren, fest umschlossen und eingepackt in Treckingstiefel, benehmen sie sich wie die zimperlichste Prinzessin auf der Erbse.(Eigentlich eher  wie zwischen  den Erbsen). Wenn alle Socken, Kniestrümpfe und Pflaster  blutig gelaufen sind, kann man immerhin noch Fußlappen benutzen.
Und, Marigold, wenn dich deine Füßchen jemals wieder durch diese ochsenblutrote Tür in der quer durch einen  Garten gezogenen Mauer tragen sollten, sag Bescheid. Dann kommen wir alle gelaufen, auf welchen Füßen auch immer. Barfuß, in Gummistiefeln, Knobelbechern,  Waldbrandaustretern, in Ballerinas, Stilettos, Jesuslatschen  auf Botten und sogar ohne Füße.