Sonntag, 4. Dezember 2016

Annabelle

Und wieder ist er da ,
der kleine Weihnachtsmarkt. 
Morgens leer und öde,
abends voller Leben.
Ganz klein ist er,
eine Imbiss und ein Glühweinstand, und einer mit Gebäck.
Es sieht gemütlich aus, und gerne würd´ich mal verweilen.
Doch da ist leider dieses Karussel.
Es dreht sich nicht zu leisen Weihnachtsklängen,
Schlagergedudel begleitet seinen Kreis,
unerträglich und gemein.
Beim eiligen Passieren sehe ich das kleine Mädchen.
Es ist so um die zwei,
sitzt einsam auf dem glatten Elefanten.
Es hält sich krampfhaft fest und schaut nach innen, zur
Mitte dieses Fahrgerätes.
Am Rande fuchtelt mit den Armen wild, die Mutter, schreit:
„Annabelle! Hier bin ich, Annabelle!!!!“
Annabelle hört sie nicht, ist wohl beschäftigt mit der Angst.
Sie möchte wohl so gern die Mutter sehen, 
dann wäre sie stark und groß.
Ich kümmere mich nicht weiter,
gehe weg.
Noch eine Weile höre ich die wilden Rufe.
„Hier.......Annabelle......Hier!“
Annabelle muß noch ein wenig warten.

Freitag, 2. Dezember 2016

Lauschgenuss



Ich hielt  meine  Augen geschlossen, saß still auf dem dreibeinigen Hocker im Atelier unseres Vaters. Ich hörte das Geräusch seiner Sohlen auf dem Steinfußboden, wie er seine Skulptur umkreisend mal stehenblieb, mal  zwei drei Schritte weiter ging, das leise Schaben seines Werkzeuges an dem noch feuchten Ton, ein leises Quietschen des drehbaren runden Arbeitstisches, das  Plätschern und Tröpfeln des Wassers in der Tonwanne, wenn er einen neuen Tonklumpen herauslöste oder einen  eingetauchten Lappen auswrang.
Von draußen drangen jetzt Stimmen durch die Fenster, ich hörte meinen Namen rufen, meine Geschwister riefen mich. Es schreckte mich auf aus meinem Lauschen, ich wollte weiterhin nur dieses kribbelige Vibrieren meiner Ohren in der Dunkelheit, kniff meine flatternden Augenlider wieder fest zu, ließ einfach die Rufe draußen geschehen und war dankbar, dass auch mein Vater einfach ruhig weiter seine Skulptur umkreiste und ich noch ein Weilchen da in der Stille und Abgeschiedenheit seines  Ateliers auf meinem Hocker  sitzen bleiben und den leisen Klängen zuhören konnte, die seine Arbeit begleiteten.




Freitag, 18. November 2016

Beschwörungstanz

 

Eine Szene aus den frühen sechziger Jahren. Ich sehe einen hellblau gestrichenen Holzhocker auf dem Sandplatz hinter unserem Bauernhaus. Der Apfelbaum mit den krebsgeschwürigen Verdickungen am knorrigen Stamm im Vordergrund an der Hausecke hat noch kahle Äste und durch die blattlose Hecke sehe ich auf den  grauen Rasen unseres  Nachbarn, der Familie  Ismael.  Manchmal kann ich durch die Hecke hindurch sehen, wie Rena Ismael drüben langsam und mit kleinen vorsichtigen Schritten über den Rasen geht. Rena hat auf einer Kopfseite keine Haare, sie ist schon zwölf Jahre alt und sehr schwer krank.
Der Hocker auf dem Sandplatz vor der Hecke ist mit einem alten Tuch oder einem Schal bedeckt und darauf liegt eine tote Ringelnatter, deren Körper wir zu einer Spirale zusammengelegt haben,  ähnlich den Lakritz Schnecken, die wir beim Kiosk am Bahnhof kauften, aufrollten und die nun lange dünne schwarze Schnur langsam schluckten, um sie dann mit wohligem Schaudern ebenso langsam aus unseren Tiefen wieder hervorzuziehen. Zwei Nachbarskinder, meine kleine Schwester Lulu und ich stehen im Kreis um den Hocker und klatschen in die Hände, gehen im Kreis um den Hocker, bleiben wieder stehen, während wir voll Glück und Zuversicht mit weit aufgerissenen Mündern einen eingeübten Singsang von uns geben, ein Beschwörungstanz, ein Zaubertanz eine Heilzeremonie  für Rena Ismael.
Im Sommer hatte Rena schon wieder kleine kurze dunkle Locken auf der ehemals kahlen Kopfseite und manchmal stand ich vor einem  Loch in der Hecke, wo das Geäst etwas lichter war und betrachtete Rena, wie sie über den Rasen rannte und wie ihre langen Locken auf der einen Kopfseite flogen und ihre kurzen kleinen neuen Locken auf der anderen Seite waagerecht vom Kopf abstanden.
Den hellblauen Hocker habe ich über die Jahrzehnte mit mir durch unsere verschiedenen Behausungen geschleppt, jetzt ist kaum noch etwas übrig von der hellblauen Farbe aber er steht draußen unter unserem Dachvorsprung.  Eine tote Ringelnatter habe ich leider nicht.

Montag, 17. Oktober 2016

Dufflecoat

Indian Summer
Knuspriger Tag im Oktobergold
Nässe der Nacht hängt in den Bäumen und tropft ab
Feucht glänzen Pilze

Ich stehe im Dunkeln auf
Die gardinenlosen Fenster starren stumm
Die brennende Kerze wiederholt sich in der Scheibe
Der dunkle Morgen wechselt in den noch trüben Tag

Morgens einen frischen Apfel direkt vom Baum essen
Walnüsse sammeln und braune Finger kriegen
Bei Omi die riesigen roten Blätter des Wildern Weins bestaunen

Schwarze Nässe beklebt mit bunten Blättern
Nebel trübt das Grün der Wiesen
Spinnweben glitzern waagerecht im Gras
Braun stirbt der Sommer am Wegesrand

Wieder den gemütlichen blauen Dufflecoat anziehen
Eicheln sammeln und zum Förster bringen
Mit Anlauf in die riesigen Laubhaufen fallen lassen

Scheibenwischer rennen hin und her
Der Regen prasselt auf das Dach des Zuges.
Wasser wandert schräg am Fenster
Nasse Menschen steigen ein

Wintervögel fliegen in dichtem Schwarm schwarz über den Bahnhof.
Hocken krakeelend in den jetzt wieder durchsichtigen Bäumen
Das „Rote Tuch“ scheint festgezurrt für immer

Donnerstag, 29. September 2016

Fahrradfahrt am Morgen

Es ist wohl eine der letzten morgendlichen Fahrten zu meiner Arbeit mit dem Rad
Der „Septembersommer“ ist vorbei
Es ist windig, schräg von vorn
Warm noch, doch
Regen ist angekündigt.

Gleich zu Beginn meiner Reise begegnet mir, wie immer der Mann mit dem großen Hund
Fröhlich grüßend rausche ich vorbei
Der Hund macht artig „Platz“
Biege ein in die „Kalte Ecke“
und bin schnell im nächsten Dorf.

Hundehalter und joggende Frauen kommen mir entgegen
oder werden überholt
Bekannte Gesichter
einige freundlich grüßend,
andere schauen weg.

Schnell durchs Dorf auf rubbeliger Straße
Berufsverkehr hat´s eilig
Die meisten biegen links ab zur Autobahn
Beim Bäcker haltgemacht trete ich freunlich ein.

Für´s spätere Frühstück verproviantiert
geht´s weiter unter Linden
Vorbei am Pferdehof und am Pfadfinderlager
mit den „4 Stühlen“
diese heute frisch aufgeräumt am Gartentisch.

Trödelde Schüler werden überholt
Die rote Ampel stoppt nur kurz dann meine Fahrt
auf schmaler Straße dann durch abgeerntete Felder
Überhole den Mann mit Aktentasche
Begegne der immer griesgrämigen Frau auf hohem Roß
und freue mich auf das Lächeln der jüngeren mit Zopf

Ich erreiche die „75“
fädele mich ein in den langsam fließenden Verkehr
wechsele die Straßenseite
und rausche dann am Stau vorbei die letzten Kilometer.

Ein Stück noch durch ein Waldgebiet
Ein Neubaugebiet der ´80er Jahre
Am Kindergarten ist viel Betrieb
Ein paar Kurven noch genommen auf kleinen Wegen
mit vielen Hunden an langen Leinen
erreiche ich für heute dann mein Ziel.

Immer jubelnd werde ich von Kaffe trinkenden begrüßt
Stelle mein Rad auf immer gleichen Platz
und bin dann da.

Dienstag, 20. September 2016

Kampfansage an Franz Kafka



Schon immer war Franz Kafka unserem Freund  ein Seelenbruder und eine Lust gewesen. Kafkas Leben und sein Werk, seine Briefe und Skizzen waren immer um ihn. Sie füllten seine Regale, sie lagen übereinander auf seinen Tischen und Stühlen, neben seinem Nachtlager, auf dem Grunde seiner Rucksäcke und Stoffbeutel trug er die zerlesenen und zerfledderten Bände mit sich. Wohin er auch unterwegs war, was immer sein Tagesplan sein mochte und welche Wege er einschlug, manches Mal ohne jede Orientierung, sie umgaben ihn zu seinem Schutz, boten ihm  Freundschaft. 
Heute Abend sitzt er wieder gierig und voller Sehnsucht vor seinem Radio, pünktlich zur Sendezeit der Kafka Lesung.

Die vorangehende Sendung geht dem Ende zu, in den letzten Beiträgen wird schon das Kafka Programm angekündigt. Nur noch ein oder  zwei Minuten und er könnte wieder eintauchen in diese von ihm geliebte Sprache, in die vertrauten Angstbilder und ihren Fluchten, könnte sich unter die Geister ihrer beider Einsamkeit, ihres Irreseins und ihrer Verstörtheit mischen. Er könnte sich Seite an Seite mit ihm, dicht an ihn geschmiegt, aufs Neue quälen.
Er steht auf von seinem Sessel, beugt sich vor und dreht langsam aber entschieden den Lautstärkenregler nach links, drückt die Stimme des Sprechers weg. Erst dann, mit einem ruhigen, tiefen befreienden Ausatmen  schaltet er das Radio aus und  lässt sich in den Sessel zurück fallen.

Freitag, 2. September 2016

Isländer



In meinem gestrigen Traum beschenkte ich mein gesamtes Kollegium mit identischen Isländer Pullovern. Sie glichen aufs Haar dem kratzigen Isländer meines Vaters aus grober störrischer Wolle mit dunkelbraunem Muster auf naturfarbenem Grund und mit engem Rollkragen. Ein Karton mit den Isländern stand auf dem großen rechteckigen Tisch in der Mitte des geräumigen Lehrerzimmers, weitere waren um den Tisch und auf den Stühlen gestapelt. Mit kantigen Bewegungen meiner Hände öffnete ich den Karton auf dem Tisch,  mit steifen Fingern  zerteilte ich mühsam das zarte Seidenpapier zwischen den vielen Lagen von grober Schafwolle und es kam immer der Gleiche zum Vorschein. Einige mir nahestehenden Kollegen hatten schon einen an, andere kämpften mit dem engen Kragen, manche standen staunend im Kreis um diese eigenartige Bescherung herum und traten von einem Bein aufs andere.
Das sieht ganz nach einem harten Winter aus.

Mittwoch, 24. August 2016

Gedankenspiele

„Allein, das Leben baut nichts auf, wozu es nicht die Steine anderswo abbricht“
An diesem Satz, geschrieben von Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“ blieb ich hängen.
Nun ist das keine Weisheit, die großes Erstaunen auslöst, aber es derart wunderbar in Worte zu fassen, ist schon fantastisch und lies mich innehalten. Ein Stein, ein Klumpen Erde, eine Schaufel Sand, sogar eine Windböe, begibt sich nur an einen anderen Ort, wenn sie dem derzeitigen entnommen wird. Niemals wird etwas mehr. Es wird lediglich verrückt, verschoben. Und nun habe ich darüber gebrütet, ob dies denn wirklich nur für die greifbaren Dinge gilt, oder etwa auch für unser Gedanken, unser Denken im Allgemeinen. Gibt es überhaupt neue Gedanken, Erkenntnisse, Theorien, oder ist alles Denken immer schon vorhanden und wird nur hier und dort neu zusammengesetzt, irgendwo entnommen, dort vergessen, um hier neu zu entstehen. Fischen wir beim Denken nur in einem großen galaxienartigem Pool nach Teilen, die zu neuen Erkenntnissen, für uns, oder bei großen Denkern, für die Menschheit, führen, aber eigentlich immer vorhanden waren, nur anders zusammengesetzt.
Haben wir etwas vergessen, kurz, oder für immer, weil jemand anders in seinem Denken gerade stärker war und dieses Teil gerade in seinem Puzzle brauchte?
Und, wenn wir diesen verrückten Kram weiterspinnen kommen wir schnell an den Punkt einmal zu hinterfragen: „Was ist Denken eigentlich? Woraus bestehen Gedanken?“ Nun gut, es ist eine Form der Arbeit unseres Gehirns. Aber sind Gedanken Materie? Haben sie Masse, also meßbares Gewicht? Sie können doch nicht einfach „Nichts“ sein, „Nichts“ im Sinne von physikalischer Greifbarkeit.............

Samstag, 13. August 2016

Affenfelsen



Manchmal zwingt einen das Leben, alte Gewohnheiten abzulegen und neue zu entwickeln. So erlebe ich gerade, dass ich lieb gewordene Plätze verlassen muss, und schaue mich um nach neuen Ecken, neuen Blickwinkeln.
Plötzlich wird deutlich, wie unbeweglich wir in unserem Leben festsitzen, wie festgefahren in unseren alltäglichen Verrichtungen, in unserer Entschiedenheit, bei dem zu verharren, wofür wir uns vor langer Zeit einmal entschieden haben. Solange keine Gewalt von außen uns von unseren Lieblingsplätzen und Gewohnheiten vertreibt, rühren wir uns nicht wirklich von der Stelle. Äußerlich wie auch innerlich.
Ob wir auf ein Fleckchen im Garten beharren, unter einem bestimmen Baum, wo wir vor Jahrzehnten unseren Sommerplatz eingerichtet haben oder auf eine einmal gewonnene innere Position zu bestimmten Themen, auf unseren  Blick auf  die Welt. Das Verlassen  unserer Stammplätze, unserer Affenfelsen fällt schwer.
Mein neuer Platz im Garten liegt mitten auf der Wiese hinterm  Haus. Etwas erhöht throne ich auf  eindrucksvollem  Pharaonensitz.
In meinem Rücken die Wand aus wilden Hundsrosen, direkt hinter meinem Kopf Erikas  Hortensienstrauch aus dem Radeland, dessen blaue Blüten sich in den vielen Jahren, in denen er hier auf der Wiese seinen Platz hat, ihre natürliche Zartheit zurück erobert haben.  Meine nackten Zehen berühren fast die Blüten des Mohns und der Kornblumen, die wir im Frühjahr auf dem Rund unseres Osterfeuerplatzes ausgesät haben.





Freitag, 22. Juli 2016

Neunjährig


 
Ich habe, abgesehen von ein Paar Kronen über einigen Backenzähnen, noch die selben  Zähne  im Mund wie als Neunjährige. Zu behaupten, ich schwadronierte mit ähnlich neunjährigen Augen durch die Zeit, mit ähnlicher Wahrnehmung durch meine Tage, wäre sicherlich vermessen, doch ein beträchtlicher Teil meiner Wahrnehmung ist in letzter Zeit wieder der einer Neunjährigen geworden. Beim Erwachen morgens, während mein erwachsener Geist noch schläfrig und lustlos in den Nebeln des Halbschlafes dümpelt,  steht mein Kinderblick neben den gespitzten Ohren schon wach und aufmerksam da, fallen mir Licht und Schatten auf, feine Nuancen von hell und dunkel, Ornamente, die das einfallende Sonnenlicht auf die helle Wand malt, Ellipsen, Kreise, sich verjüngende, spitz zulaufende, pfeilartige wabernde Gebilde. Meine neunjährigen Ohren hören Geräusche, lauschen auf Laute, die von draußen durchs offene Fenster dringen. Wind, Regen ein einzelner  Vogelruf, in der Ferne  eine  Stimme aus den benachbarten Gärten. Durch mein fest aufs Kissen gepresstes Ohr wummert  der Schlag meines Herzens begleitet von einem leisen Schaben draußen an der Hausmauer. Beim langsamen wieder Wegdämmern denke ich eine kleine Weile über das Gewicht meines rechten Beines auf dem Laken nach und daran, was Neunjährige so alles beschäftigt.



Mittwoch, 20. Juli 2016

Ins Schwarze



Sssst-Plop! Ein Pfeil  saust über das hochstehende Gras  und fällt in das Beet unter der Akazie. Gekleidet in meinen dunkelbraunen Kunstfellmantel, den Bogen in der linken  und mit lässig an der Hüfte baumelndem Köcher erscheint unser elfjähriger Enkel um die Hausecke und nähert sich unserem Tisch.
Mein Bruder ist zu Besuch. Wir sitzen zu dritt um den großen Tisch draußen auf der Terasse. Das  Gespräch kreist um unseren siebzehnjährigen Neffen. Der Wind bläht das über den Platz  gespannte Segeltuch und lässt die Teleskopstangen tanzen.
„ Er lässt nichts an sich ran. Über nichts kann ich mit ihm sprechen. Nicht mal ansprechen, lässt er sich von mir.“
Mein Bruder greift nach seinem Weinglas, bevor er fortfährt.
„ Nichts darf ich fragen, mich nach nichts erkundigen, ohne dass er aufbraust und ausfallend wird.“
Die Augen des Elfjährigen huschen aufmerksam unter den dunklen langen Ponyfransen umher, von meinem Bruder zu uns und wieder zurück, bevor er sich mit ernster Miene meinem Bruder zuwendet.
„ Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden: Ein kleinerer Junge.“
Er setzt einen Pfeil an den Bogen, dreht den Körper seitwärts, spannt die Sehne und schießt.



Samstag, 16. Juli 2016

Die Wand

Und dann bin ich wieder einmal gegen so eine unsichtbare Wand gelaufen,
eine dieser Wände, die sich plötzlich aufbauen, ohne dass man vorher etwas ahnt.
Sie war dann einfach da,
und ich war völlig ahnungslos, nicht vorbereitet,
saß dann mit blutiger Nase da und mußte erstmal wach werden.
Verstand es einfach nicht.
Ich muß da noch was lernen,
doch wirklich wollen tu ich´s nicht.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Still halten



Ein Traum der letzten Nacht. Eine Szene in einer mir fremden Umgebung, ein Gebäude, ein  Haus.

Ich bin mit hohem Tempo auf meinem Segway in einen engen Schacht gestürzt, eine Art steile Kellertreppe hinuntergepoltert, schaffe es aber durch heftiges Zurücklehnen meines Oberkörpers, mich samt Segway wieder nach oben schnellen zu lassen. Nun schaue ich gemeinsam mit der Hausbesitzerin und einigen anderen Menschen runter in den engen Schacht und sehe meinen älteren Bruder dort unten. Vielleicht wollte er mir helfen, ist hinterher gesprungen. Mein Bruder hält seinen Kopf eigentümlich starr und unbeweglich und jetzt sehe ich auch warum: Nur wenige Zentimeter neben seinem Gesicht erkenne ich in ähnlich starrer Haltung den riesigen Kopf eines Zähne fletschenden Höllenhundes.  Die Lefzen sind hoch gezogen und allen ist klar: Bei der kleinsten Regung meines Bruders wird er sein Gesicht zerfleischen, sich in seinem Genick, seiner Kehle festbeißen.

Immer noch hält mein Bruder seinen Kopf in dieser Bewegungslosigkeit aber lange wird er es nicht mehr aushalten, der Kopf wird zu schwer werden, wird nach vorne kippen oder zur Seite weg. Die Herrin des Hundes schaut konzentriert hinunter, dann im Raum umher und ihr Blick bleibt an ihrer Jacke hängen, die über einer Stuhllehne hängt.

Sie reißt die Jacke vom Stuhl und wirft sie geschickt auf die erstarrte Szene unten im Schacht, sodass die Jacke meinen Bruder einhüllt, seine Schultern, Arme und seinen Kopf bedeckt.

Das Tier entspannt sich, schnuppert an den von der Jacke bedeckten Armen, der Schulter und dem Gesicht meines Bruders, wendet sich ab  und verschwindet ruhig in der Dunkelheit der Tiefe. 
Wo ist eigentlich meine Jacke?

Montag, 13. Juni 2016

Enschlakti

Die eigentliche Bedeutung  dieses Wortes ist nicht klar.
Es sollte wohl "Gymnastik" heißen, aber für uns Kinder war das wohl zu kompliziert und so entstand eben "Enschlakti", denn das machte Erika, wenn sie zu Frau M. ging. Ich glaube, sie machte uns auch die  eine oder andere Übung vor, aber das weiß ich nicht mehr so genau.
Frau M. war eine für uns etwas merkwürdige Frau, die in ihrer Hütte im Wald lebte. Wir hatten bei ihr Flötenuntericht und gingen einmal die Woche dorthin, in diese etwas dunkle Blockhütte. Es war aber nichts furchterregendes daran, und Frau M. erwartete uns oft draußen in ihrem schönen Garten voller Steine und Blumen. Auch drinnen gab es viele Steine und die einzelnen Töne wurden durch solche dargestellt.
Den Stein, der das "C" darstellte habe ich heute noch vor Augen. Es war ein faustgroßer, brauner, mit glänzender Oberfläche, und mit dem fing immer alles an, was wir lernten.
Frau M. war eine alte Freundin von Erika, wobei ihre Rolle immer etwas undurchsichtig blieb. Sie war wohl nach dem Krieg irgendwo aus dem Osten gekommen und hatte eine kleine Tochter, die sie allein großzog. Wie sie dann zu diesem fantastischen Waldgrundstück kam, weiß ich nicht.
Die Freundschaft mit ihr wurde in Erikas Familie nicht gerne gesehen, und es gab etliche Versuche, sie von dieser Frau, der "Hexe", wegzubringen, denn diese verbreitete wohl unerwünschtes Gedankengut und unterstützte Erika in ihrem damaligen Freiheitsdrang. Sie lebte allein mit ihrer Tochter, gab Musikuntericht, Gymnastikkurse und spielte Orgel in der Hamburger Jakobikirche.
In den Jahren vor ihrem Tod, war ich oft bei ihr, wegen meiner Rückenbeschwerden. Die Blockhütte war jetzt eingebaut in ein festes Steinhaus, was ihr niemals gefiel. Bei den Gymnastikabenden ging es immer sehr lustig zu, und ich sehe sie noch in ihrem Sessel sitzen, mit langen grauen, hinten zusammengebundenen Haaren. Sie hat eigentlich immer geraucht und viel und laut gelacht. Dann war sie irgendwann einfach weg.
Erika hatte nicht viele Freundinnen, aber zu Frau M. ging sie regelmäßig, und diese Besuche waren immer irgendwie nebulös. Selbst Ferdinand hat sich niemals darüber ausgelassen, was eigentlich gar nicht zu ihm passte. Die anderen beiden Freundinnen, an die ich mich erinnere, Christa S. und Gebbi, erfuhren weniger Respekt, und zu uns nach hause kamen sie sowieso nie, auch Frau M. nicht. Frau M. wurde auch nie mit ihrem Vornahmen genannt. Ich weiß ihn bis heute nicht, oder habe ihn vergessen, weil er keine Rolle spielte?

Heute abend werde ich, wie so oft am Montag, wieder an ihrem Haus vorbeifahren, und ich werde wieder hinschauen, und mich fragen, ob dort drinnen noch immer die Reste ihrer alten Hütte zu finden sind?  

Donnerstag, 26. Mai 2016

Es gefällt mir hier



Meine einstige Welt verkleinert sich Tag für Tag, mein Handlungsspielraum verengt sich. Die Dimensionen verändern sich, das Haus,  die Abmessungen des Gartens, selbst die Höhe der Akazien hinten am Zaun zum Nachbarn wirkt absurderweise seltsam verändert. Eine alles umfassende Enge, eine erst einmal  geschrumpfte Existenz.
Gestern Nacht staunte ich über eine überraschende Weite, die meine neue enge Welt in sich  barg. Aus praktischen Gründen  habe ich  die Bettseite gewechselt, bin mit meinem Lager nur einen guten Meter weiter nach links gerückt  und doch war es ein Umzug mit neuer Perspektive und neuem Ausblick. Das Licht fiel in anderem Winkel in den Raum, die Wände weiteten sich nach außen, gaben den Blick frei auf bisher verborgene Ecken, veränderte Farben, nie wahrgenommenes Licht und Schatten.
Mein erster Impuls war, den übervollen Aschenbecher, der  auf meinem frisch eroberten, nun geräumigen Nachttisch zwischen Stapeln von Papieren stand, zu leeren.
Dann habe ich die Zeitschriften auf den viel kleineren runden Nachttisch auf meiner ehemaligen Seite gestapelt. Da blieb nicht mehr viel übrig von der Tischfläche, alles hing über den Rand hinaus. Die vielen Taschentücher packte ich obendrauf. Die Lampen ausgetauscht und die Taschentücher obendrauf auf den riesigen Stapel. Es hat mir außerordentliches Vergnügen bereitet dieser Umzug,  Ich zog den bisher unten zu einem dicken Knoten verschnürten weißen Leinenvorhang vor das kleine rechteckige Fenster auf meiner neuen Seite zu, so dass er auch das schäbige schmuddelige Stück Wand darunter verdeckte. Ich kann jetzt durch die offene Tür in die Küche schauen, die Außentür zum Garten nur eine gute Armlänge von mir. Es gefällt mir hier.

Samstag, 23. April 2016

Kreta

Nur langsam schmilzt der Schnee
über der kleinen Flamme
und es dauert seine Zeit,
bis wir die kleine Tasse heißer Tütensuppe
voller Wohlgefühl mit etwas Brot und Käse
als Köstlichkeit genießen .

Herabgestiegen von der noch schneebedecktenSchulter des Melidau
waren wir in dieses Paradies gelangt.
Vor uns lag eine kleine Alm voll satten Grases,
bedeckt mit hunderttausenden blühenden Krokussen,
unberührte Märchenlandschaft von unglaublicher Schönheit.

Jetzt stand inmitten dieses Blütenfeldes
unser kleines blaues Zelt.
Zerstörerische Spuren unserer schweren Stiefel waren nicht zu übersehen.

Späte Sonnenstrahlen tauchten das schneebedeckte Pachnesmassiv in sanftes Rot,
unser Ziel für morgen betrachteten wir mit zunehmenden Respekt.
Die weißen Blüten um uns her hatten sich in Erwartung der Nacht geschlossen,
weit weg am Gipfel des Melidau kreisten noch ein paar Gänsegeier.
Und verschwanden. Absolute Stille umfing das Tal.

Die Kälte der Nacht zeigt uns dann deutlich wieder Grenzen.
Wir steigen ab, statt weiter auf.