Dienstag, 20. September 2016

Kampfansage an Franz Kafka



Schon immer war Franz Kafka unserem Freund  ein Seelenbruder und eine Lust gewesen. Kafkas Leben und sein Werk, seine Briefe und Skizzen waren immer um ihn. Sie füllten seine Regale, sie lagen übereinander auf seinen Tischen und Stühlen, neben seinem Nachtlager, auf dem Grunde seiner Rucksäcke und Stoffbeutel trug er die zerlesenen und zerfledderten Bände mit sich. Wohin er auch unterwegs war, was immer sein Tagesplan sein mochte und welche Wege er einschlug, manches Mal ohne jede Orientierung, sie umgaben ihn zu seinem Schutz, boten ihm  Freundschaft. 
Heute Abend sitzt er wieder gierig und voller Sehnsucht vor seinem Radio, pünktlich zur Sendezeit der Kafka Lesung.

Die vorangehende Sendung geht dem Ende zu, in den letzten Beiträgen wird schon das Kafka Programm angekündigt. Nur noch ein oder  zwei Minuten und er könnte wieder eintauchen in diese von ihm geliebte Sprache, in die vertrauten Angstbilder und ihren Fluchten, könnte sich unter die Geister ihrer beider Einsamkeit, ihres Irreseins und ihrer Verstörtheit mischen. Er könnte sich Seite an Seite mit ihm, dicht an ihn geschmiegt, aufs Neue quälen.
Er steht auf von seinem Sessel, beugt sich vor und dreht langsam aber entschieden den Lautstärkenregler nach links, drückt die Stimme des Sprechers weg. Erst dann, mit einem ruhigen, tiefen befreienden Ausatmen  schaltet er das Radio aus und  lässt sich in den Sessel zurück fallen.

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