Donnerstag, 30. April 2015

Hochgeweht


Als ich gestern beim Lesen deines letzten Blogeintrags das rote Tuch in der kahlen Baumkrone vor mir sah, musste ich an unseren kleinen Bruder denken. Auch er irgendwie abgerissen, aufgescheucht, hochgeweht und in Itzehoe zwischen Stuckrosetten, drei Meter hohen Wänden und endlosen Parkplatzflächen schwankend niedergegangen und einen ersten wackeligen einsamen Platz gefunden.
Heute morgen  hat er sich endlich ein Herz genommen und passende Wäsche für einen Waschmaschinen Gang zusammen gesucht. 60 Grad, das muss er jetzt als erstes tun. Die dunklen Sachen, davon hat er ja auch am meisten. Er ist nicht zurecht gekommen mit der Maschine. Das ist ja neu für ihn. Ganz alleine muss er sich mit so einem Gerät anfreunden. Sie blieb einfach nach ungefähr einem Drittel des Programms stecken und auf dem Display zeigte sich ENDE. Erst ließ sich die Tür nicht öffnen, aber nachdem er ein bisschen an verschiedenen Knöpfen herumgedrückt und auf den Deckel geklopft hatte, ging die Klappe auf und ein Schwall von Wasser schoss über den Dichtungsring, ergoss sich über die Badfliesen und verteilte sich unter dem Wäschepuff, dem Regal und seinen Socken. Erst einmal hat er die Klappe ganz schnell wieder zu gemacht, aber die Wäsche muss da raus. Er wird sich morgen darum kümmern. Das bisschen Wasser kann er ja aufwischen.
Vor zwei Wochen hatte er entschieden, seine Lampen doch selbst auszusuchen und zu kaufen. Erst hatten wir einen ganzen Nachmittag bei mir vorm Laptop zugebracht. Er hatte sich das nicht zugetraut, etwas auszusuchen angesichts dieser unüberschaubar vielen Abbildungen bei Ebay Kleinanzeigen. Schlecht fotographiert, mit billigen schlechten Kameras. Er  meinte die Maße seien ja klar angegeben, aber sonst? Die Einschätzung von Farbe, Material und Qualität bliebe mehr als wage. Dann  hatte er beschlossen in einem Lampengeschäft in Itzehoe drei einfache Kugelhängelampen zu kaufen, mit einer langen verstellbaren silbernen Stange und einer Milchglaskugel am unteren Ende. Da hätte er drei gleiche. Jeweils eine für Eingangsbereich, Wohn- und Schlafzimmer.
Er  hat bisher nur die drei Kugellampen angebracht und seine Bücherkisten kann er nicht auspacken, weil ihm sein altes Billy Regal von Ikea nicht mehr gefällt. Als es zusammen gebaut war und an dieser kahlen hohen Wand stand, sah das  richtig verkehrt  aus. Es passt einfach nicht in seine neue Wohnung. Er hat  eine neue Idee, wie er die Bücher einordnen wird. Alle Bücher bis ganz nach vorn gerückt, dass die Buchrücken  mit der Kante des Bordes eine Linie bilden. Sonst wäre immer vor den Büchern viel Platz frei geblieben, eine durch die verschiedenen Buchgrößen bedingte unregenmäßige Ablagefläche für Staub und kurz abgelegtes und dann liegen bleibendes Zeugs. Bei seinem neuen System läge die Ablagefläche hinter den Buchreihen im Unsichtbaren. Das ganze sähe auch dann gleich viel mehr nach einer Bibliothek aus. Die Bücher seien presenter, die Titel lesbarer und er könne sich vorstellen, dass es  sich gut anfühlen müsse, mit seinen Händen diese glatte Wand aus Buchrücken entlang zu gleiten. Ab und zu spürten seine Finger eine Unterbrechung der Linie, das ein oder andere etwas zurück oder nach vorne geschobene Buch und dann schiebe es wieder zurück ins Lot.
Jetzt stehen die Bücherkisten und die Lampen, die er aus der alten Wohnung mitgebracht hat, immer noch überall im Weg. Die Lampen kann er alle wegschmeißen. So eine Altbauwohnung braucht ganz andere Lampen. Die ganze Wohnung hat Stuck verzierte fast drei Meter hohe Decken und im Eingangsbereich ist die Decke noch  viel höher und in der Mitte prangt eine große Stuckrosette aus schnörkeligem Blattwerk von bestimmt fünfzig Zentimeter Durchmesser. Da kann er nicht einfach einen Strahler aus dem Baumarkt anbringen oder seine kleine rote Pendelleuchte, die in der alten Wohnung  in Hamburg über dem Tisch hing.
Wenn man es genau betrachtet, muss da aus dem dicken Stuckgewirr ein zünftiger Kronleuchter herab hängen. An einer dicken soliden Messingkette und wenn schon Bücherborde, dann einzeln stehende massive hohe Regale aus Hartholz.
Dass er das alte hässliche Billy Regal überhaupt mitgenommen und dann auch noch von unserem großen Bruder zusammenschrauben ließ, kann er jetzt überhaupt nicht mehr begreifen.
Sein Cello lehnt neben dem leeren Billy Regal an der weißen nackten Wand. Das hatte er letzte Woche nach fast drei Monaten endlich mal aus dem Kasten geholt und vorsichtig ein paar Takte gespielt. Es klang wie in der Kirche. Er hat sich Gardinen gekauft zur Dämpfung. Seit er in Itzehoe wohnt, sagt er zu Gardinen nicht mehr Gardinen. Jetzt hängen links und rechts der hohen bogenförmigen Fenster bodenlange schneeweiße Schals.










Mittwoch, 29. April 2015

Das Rote Tuch

Seit Jahren flattert´s dort im Baum
und gehört nun schon dorthin.

Das rote Tuch.
Ein Lumpen in der Größe eines kurzen Rockes, oder eines Kinderkleides.
Vielleicht nur Teil von irgendwas Vergangenem.

Wurd´ hergeweht und setzt sich fest.

Es hält viel aus, das rote Tuch,
trotzt so manchem Sturm und Regen,
und hielt so manchem Wintern stand.

Jetzt hängt es dort im Baum, kaum unauffällig.
Und wenn der Baum sich jetzt in Blätter hüllt,
wird´s wieder schlafen gehen,
versteckt im Grün des Baumes.

Im Herbst taucht´s wieder auf,
wird wieder in den kahlen Ästen schaukeln.

Wenn nicht, wird es mir sicher fehlen,
dies freche Tuch.
Ein bunter Fleck,
der eigentlich nicht sein darf, und trotzdem bleibt.



Donnerstag, 16. April 2015

Falsch gegangen

Ja, so, wie auf Dem Bild am Ende Deiner Geschichte hat sie oft am Fenster gesessen und rausgeschaut.
Wir treffen uns morgen zum neunten mal nach ihrem Tod, und ich bin ganz froh.
An einem ihrer letzten Tage, war ich abends bei ihr, und habe etwas Klavier geübt. Sie saß in ihrem Sessel, schaute aus dem Fenster und sprach dann:
"Wie kann es passieren, dass in diesen Hinterhöfen des Waldreiterweges diese Klänge zusammenfinden. Jetzt ist ein Platz leer, der zu diesen Klängen gehört. Wir haben die richtige Situation noch nicht gefunden. Da ist noch was falsch.
Und immer noch befinden wir uns im Waldreiterweg. Verirrt. Falsch gegangen sind wir, und haben geglaubt, das ist richtig. Und deshalb müssen wir hinter den verschlossenen Scheiben sitzen."

Montag, 13. April 2015

Augenblick


„ Junge, wo hast du bloß deine Augen gehabt?“
Mein Großvater stand neben seinem ältesten Sohn und unserem zukünftigen Vater am Fenster im weißen Hemd, in Weste und Nadelstreifenhose, die eine Hand lässig auf den Spazierstock mit ziseliertem  Elfenbeinknauf gestützt, die Ärmel locker bis knapp unter die Ellenbogen aufgekrempelt. In Haltung und Kleidung ein Grandseigneur der alten Schule, Lebemann und Frauenliebhaber. 
Zwischen dem mittleren Knopfloch seiner Weste und der Westentasche schimmerte die schmale goldene Kette seiner Taschenuhr.
Es war früh am Abend, vielleicht zeichnete ein  schräg in das Fenster fallender später Sonnenstrahl einen hellen Streifen auf die Dielen, vielleicht goss es draußen. Den Nachmittag hatte unser Großvater  bei Kuchen und Kaffee und in Gesellschaft unserer Mutter, seiner zukünftigen Schwiegertochter, verbracht, die das erste Mal der Familie vorgestellt wurde. Die Frage galt ihr. Keiner von uns weiß, wer noch mit am Fenster gestanden hatte. Unsere Mutter sicherlich nicht. Vielleicht saß sie alleine am Fenster im Zimmer nebenan und rauchte eine Zigarette oder half in der Küche beim Abwasch. Vielleicht war sie auch nach draußen gegangen. Wir wissen auch nicht, wer letztendlich die Geschichte in Umlauf brachte. Niemand kennt die Antwort unseres Vaters. Nur die abschätzige Frage ist uns überliefert. Entweder hat keiner  von denen, die später in launiger Stimmung mit dieser Anekdote unterhalten wurde, danach gefragt, oder aber unser Vater hat sie ihnen vorenthalten. Was nicht unbedingt für seine Antwort spricht. Ich habe auch nie danach gefragt. Womöglich aus Betroffenheit.