Als ich gestern beim Lesen deines letzten Blogeintrags das rote
Tuch in der kahlen Baumkrone vor mir sah, musste ich an unseren kleinen Bruder denken. Auch er
irgendwie abgerissen, aufgescheucht, hochgeweht und in Itzehoe zwischen Stuckrosetten, drei
Meter hohen Wänden und endlosen Parkplatzflächen schwankend niedergegangen und einen ersten
wackeligen einsamen Platz gefunden.
Heute morgen hat er sich endlich ein Herz genommen und
passende Wäsche für einen Waschmaschinen Gang zusammen gesucht. 60 Grad, das muss
er jetzt als erstes tun. Die dunklen Sachen, davon hat er ja auch am meisten. Er
ist nicht zurecht gekommen mit der Maschine. Das ist ja neu für ihn. Ganz
alleine muss er sich mit so einem Gerät anfreunden. Sie blieb einfach nach
ungefähr einem Drittel des Programms stecken und auf dem Display zeigte sich
ENDE. Erst ließ sich die Tür nicht öffnen, aber nachdem er ein bisschen an
verschiedenen Knöpfen herumgedrückt und auf den Deckel geklopft hatte, ging die
Klappe auf und ein Schwall von Wasser schoss über den Dichtungsring, ergoss
sich über die Badfliesen und verteilte sich unter dem Wäschepuff, dem Regal und
seinen Socken. Erst einmal hat er die Klappe ganz schnell wieder zu gemacht, aber
die Wäsche muss da raus. Er wird sich morgen darum kümmern. Das bisschen Wasser
kann er ja aufwischen.
Vor
zwei Wochen hatte er entschieden, seine Lampen doch selbst auszusuchen und zu kaufen.
Erst hatten wir einen ganzen Nachmittag bei mir vorm Laptop zugebracht. Er hatte
sich das nicht zugetraut, etwas auszusuchen angesichts dieser unüberschaubar
vielen Abbildungen bei Ebay Kleinanzeigen. Schlecht fotographiert, mit billigen
schlechten Kameras. Er meinte die Maße
seien ja klar angegeben, aber sonst? Die Einschätzung von Farbe, Material und
Qualität bliebe mehr als wage. Dann hatte
er beschlossen in einem Lampengeschäft in Itzehoe drei einfache
Kugelhängelampen zu kaufen, mit einer langen verstellbaren silbernen Stange und
einer Milchglaskugel am unteren Ende. Da hätte er drei gleiche. Jeweils eine für Eingangsbereich, Wohn-
und Schlafzimmer.
Er hat bisher nur die drei Kugellampen angebracht
und seine Bücherkisten kann er nicht auspacken, weil ihm sein altes Billy Regal
von Ikea nicht mehr gefällt. Als es zusammen gebaut war und an dieser kahlen hohen
Wand stand, sah das richtig
verkehrt aus. Es passt einfach nicht in
seine neue Wohnung. Er hat eine neue Idee, wie er die Bücher einordnen
wird. Alle Bücher bis ganz nach vorn gerückt, dass die Buchrücken mit der Kante des Bordes eine Linie bilden.
Sonst wäre immer vor den Büchern viel Platz frei geblieben, eine durch die
verschiedenen Buchgrößen bedingte unregenmäßige Ablagefläche für Staub und kurz
abgelegtes und dann liegen bleibendes Zeugs. Bei seinem neuen System läge die
Ablagefläche hinter den Buchreihen im Unsichtbaren. Das ganze sähe auch dann
gleich viel mehr nach einer Bibliothek aus. Die Bücher seien presenter, die
Titel lesbarer und er könne sich vorstellen, dass es sich gut anfühlen müsse, mit seinen Händen
diese glatte Wand aus Buchrücken entlang zu gleiten. Ab und zu spürten seine
Finger eine Unterbrechung der Linie, das ein oder andere etwas zurück oder nach
vorne geschobene Buch und dann schiebe es wieder zurück ins Lot.
Jetzt stehen die Bücherkisten
und die Lampen, die er aus der alten Wohnung mitgebracht hat, immer noch überall
im Weg. Die Lampen kann er alle wegschmeißen. So eine Altbauwohnung braucht ganz
andere Lampen. Die ganze Wohnung hat Stuck verzierte fast drei Meter hohe
Decken und im Eingangsbereich ist die Decke noch viel höher und in der Mitte prangt eine große
Stuckrosette aus schnörkeligem Blattwerk von bestimmt fünfzig Zentimeter Durchmesser. Da kann er
nicht einfach einen Strahler aus dem Baumarkt anbringen oder seine kleine rote
Pendelleuchte, die in der alten Wohnung
in Hamburg über dem Tisch hing.
Wenn man es genau
betrachtet, muss da aus dem dicken Stuckgewirr ein zünftiger Kronleuchter herab
hängen. An einer dicken soliden Messingkette und wenn schon Bücherborde, dann einzeln
stehende massive hohe Regale aus Hartholz.
Dass er das alte
hässliche Billy Regal überhaupt mitgenommen und dann auch noch von unserem
großen Bruder zusammenschrauben ließ, kann er jetzt überhaupt nicht mehr
begreifen.
Sein Cello lehnt neben dem leeren
Billy Regal an der weißen nackten Wand. Das hatte er letzte Woche nach fast
drei Monaten endlich mal aus dem Kasten geholt und vorsichtig ein paar Takte
gespielt. Es klang wie in der Kirche. Er hat sich Gardinen gekauft zur Dämpfung.
Seit er in Itzehoe wohnt, sagt er zu Gardinen nicht mehr Gardinen. Jetzt hängen
links und rechts der hohen bogenförmigen Fenster bodenlange schneeweiße Schals.
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