„ Junge, wo hast du bloß deine
Augen gehabt?“
Mein Großvater stand neben seinem
ältesten Sohn und unserem zukünftigen Vater am Fenster im weißen Hemd, in Weste
und Nadelstreifenhose, die eine Hand lässig auf den Spazierstock mit ziseliertem Elfenbeinknauf gestützt, die Ärmel locker bis knapp unter die Ellenbogen aufgekrempelt. In
Haltung und Kleidung ein Grandseigneur der alten Schule, Lebemann und
Frauenliebhaber.
Zwischen dem mittleren Knopfloch
seiner Weste und der Westentasche schimmerte die schmale goldene Kette seiner
Taschenuhr.
Es war früh am Abend, vielleicht
zeichnete ein schräg in das Fenster
fallender später Sonnenstrahl einen hellen Streifen auf die Dielen, vielleicht goss es draußen. Den Nachmittag
hatte unser Großvater bei Kuchen und Kaffee und in Gesellschaft unserer Mutter, seiner zukünftigen Schwiegertochter, verbracht, die
das erste Mal der Familie vorgestellt wurde. Die Frage galt ihr. Keiner von uns weiß, wer noch mit
am Fenster gestanden hatte. Unsere Mutter sicherlich nicht. Vielleicht saß sie alleine am Fenster im Zimmer nebenan und rauchte eine Zigarette oder half in der Küche beim Abwasch. Vielleicht war sie auch nach draußen gegangen. Wir wissen auch nicht, wer letztendlich die Geschichte in
Umlauf brachte. Niemand kennt die Antwort unseres Vaters. Nur die abschätzige
Frage ist uns überliefert. Entweder hat keiner von denen, die später in launiger Stimmung mit
dieser Anekdote unterhalten wurde, danach gefragt, oder aber unser Vater hat
sie ihnen vorenthalten. Was nicht unbedingt für seine Antwort spricht. Ich habe auch nie danach gefragt.
Womöglich aus Betroffenheit.

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