Montag, 13. April 2015

Augenblick


„ Junge, wo hast du bloß deine Augen gehabt?“
Mein Großvater stand neben seinem ältesten Sohn und unserem zukünftigen Vater am Fenster im weißen Hemd, in Weste und Nadelstreifenhose, die eine Hand lässig auf den Spazierstock mit ziseliertem  Elfenbeinknauf gestützt, die Ärmel locker bis knapp unter die Ellenbogen aufgekrempelt. In Haltung und Kleidung ein Grandseigneur der alten Schule, Lebemann und Frauenliebhaber. 
Zwischen dem mittleren Knopfloch seiner Weste und der Westentasche schimmerte die schmale goldene Kette seiner Taschenuhr.
Es war früh am Abend, vielleicht zeichnete ein  schräg in das Fenster fallender später Sonnenstrahl einen hellen Streifen auf die Dielen, vielleicht goss es draußen. Den Nachmittag hatte unser Großvater  bei Kuchen und Kaffee und in Gesellschaft unserer Mutter, seiner zukünftigen Schwiegertochter, verbracht, die das erste Mal der Familie vorgestellt wurde. Die Frage galt ihr. Keiner von uns weiß, wer noch mit am Fenster gestanden hatte. Unsere Mutter sicherlich nicht. Vielleicht saß sie alleine am Fenster im Zimmer nebenan und rauchte eine Zigarette oder half in der Küche beim Abwasch. Vielleicht war sie auch nach draußen gegangen. Wir wissen auch nicht, wer letztendlich die Geschichte in Umlauf brachte. Niemand kennt die Antwort unseres Vaters. Nur die abschätzige Frage ist uns überliefert. Entweder hat keiner  von denen, die später in launiger Stimmung mit dieser Anekdote unterhalten wurde, danach gefragt, oder aber unser Vater hat sie ihnen vorenthalten. Was nicht unbedingt für seine Antwort spricht. Ich habe auch nie danach gefragt. Womöglich aus Betroffenheit.

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