Samstag, 16. Mai 2015

Tolstoi oder "Weil du meine Füße küsst"


„ Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“
So beginnt Leo Tolstois Anna Karenina. Als ich letzte Woche in meinem Bücherbord umsortierte, weil ich mir vorgenommen habe, durch den monatlichen Kauf eines neuen Buches die kleine Buchhandlung zu unterstützen, in der eine unserer Töchter arbeitet, stieß ich wieder auf diesen Satz, an dem sich schon immer meine Gedanken festhakten, wenn ich das Buch zur Hand nahm.
Diese Gegenüberstellung von Glück und Unglück und seinen Hintergründen in dieser provozierend einfachen Formulierung hat mich jedes Mal zu Überlegungen herausgefordert, die mich  gereizt und voller Widerworte zurückließ, obwohl ich ahnte, dass etwas Wesentliches, womöglich Wahres dieser so klaren Einteilung zugrunde lag.
Ich scheiterte jedes Mal bei dem Versuch, die Familie, aus der wir kommen, dem einen oder anderen Muster zuzuordnen, und inzwischen scheint mir Tolstois kühne These nicht mehr ganz so starr und unbeweglich.
Womöglich ähneln sich die glücklichen Familien in der Art und Weise, wie sie ihrem Unglück begegnen  und ihr Glück  erkennen.
Mein dreijähriger Enkel hat das schon viel früher begriffen als ich:

" Ich bin dlücklich, Moma! Hab dich lieb, weil du meine Füße küsst."



                       


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