Dienstag, 3. November 2015

Anna


Heute hab ich an  Anna gedacht. Wir teilten uns ein Krankenhauszimmer in München. Spät abends bevor ich das kleine Leselicht an meinem Kopfende ausmachte, legte ich  mein Buch auf den Nachttisch neben mir und wandte  mein Gesicht  zu ihrem Bett, schaute rüber zu  ihr. Auf der Chromstange hinter ihrem Kopf mit dem hellen fransig  geschnittenen Bob hing ihr hellbraunes Handtuch, in der gleichen Farbe wie das Muster ihres Nachthemdes. Sie lag still unter dem über ihr herabhängenden Bettgalgen auf dem Rücken und atmete ruhig und kaum wahrnehmbar. Manchmal hielt sie einen weißen Becher Tee zwischen ihren kleinen Brüsten abgestellt. Die rechte Hand  berührte leicht den Henkel, Zeigefinger und Daumen der Linken  umfassten den Becherrand auf der anderen Seite. Ab und zu sackte sie in einen Sekundenschlaf und ich hörte ihr zartes Schnarchen. Der weiße Becher kippte nicht zur Seite, ihre Finger hielten ihn fest, er wurde mit ihren Atembewegungen ganz leicht angehoben und wieder abgesenkt. So lag sie oft fast eine Stunde.
Wenn sie las, setzte  sie sich kerzengerade auf den Stuhl am Tisch, den Rücken an die Lehne gedrückt, das aufgeschlagenen Buch auf der Tischplatte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen