In
meinem Zimmer hängt ein großes Bild meines Vaters aus dem Jahr 1963: Öl auf
Leinwand, Hochformat, eins zwanzig mal siebzig. Umbra farbener Hintergrund, links ein weiblicher Akt in einem warmen
Weißgelb auf einem roten Schemel sitzend, daneben ein angedeutestes
Fensterkreuz mit rostrotem Vorhang. Eines der wenigen Bilder, die er signiert
und mit Datum versehen hatte. Ich war sieben Jahre alt, als ich barfuß auf dem nackten Steinboden neben meinem Vater
im Atelier vor diesem Bild stand und ihm
zuhörte, wie er zu mir über dieses Bild sprach. Dann erklärte er mir sein gerade eben erfundenes
Signum. Er malte mit einem feinen Pinsel in die rechte untere Ecke ein ziegelrotes
X, dessen oberes offenes Dreieck er durch zwei seitlich angesetzte Senkrechten zum Anfangsbuchstaben seines Namens verwandelte. Das M. Dann umfasste er mit Daumen und Mittelfinger seiner
zerschossenen Hand den Pinsel mittig, die Pinselspitze nach rechts, legte ihn quer
in eine horizontale Linie zwischen die Schenkel des unteren Dreiecks und deutete
ein A an. Langsam bewegte er nun die haarige
Pinselspitze so weit nach unten, bis die angedeutete Mittellinie des As nun im
rechten Winkel zu dem linken unteren Dreiecksschenkel und parallel zum rechten
lag. Ein etwas nach rechts kippelndes wackeliges F war entstanden. Meine Füße waren inzwischen eiskalt geworden, aber ich stand still neben ihm und schaute unverwandt auf die rechte untere Bildecke. Nachdem er sich zu mir gewandt, mir ins Gesicht gesehen und sich
vergewissert hatte, dass ich verstand und hinsah, nahm er den Pinsel wieder
richtig in die Hand, die angedeutete F Linie verschwand, er tunkte die
Pinselspitze in die ziegelrote Farbe und zog sie dann endgültig mit Farbe nach.
Das Ganze wurde noch großzügig mit
locker lässigem Schwung durch ein schwarzes etwas schiefes zittriges Rechteck eingerahmt.
Dann setzte er noch locker das Jahr 63
darunter. Ich war ein kleines Mädchen, hatte gerade lesen und schreiben gelernt. Dass
mein Vater mich an der Magie seines Bildes wie auch seines Zeichens teilhaben ließ, an seiner Freude, dass
er mich ansah und mit mir sprach wie mit einer Ebenbürtigen, bedeutet mir unbeschreiblich
viel. Mein Zeichen sah dann so aus:

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