Sonntag, 14. Dezember 2014

Meinem Bruder geht es schlecht

Schon seit zwei Monaten steht  fest, dass er sich  eine Wohnung ganz für sich alleine suchen muss. Seit sie ihm gesagt hat, dass Schluss ist und sie am ersten Januar ausziehen wird. Sie hat das schon lange geplant, hinter seinem Rücken mit ihrer Familie Pläne geschmiedet.  Auch ihre beiden Töchter wussten Bescheid, lange bevor er ihr reinen Wein eingeschenkt hat. Das gemeinsame Haus wird verkauft. Er hätte sich längst um eine Wohnung kümmern müssen. Viel zu schnell vergeht die verbleibende Zeit  und er  kommt jetzt in Zeitdruck. Letztes Wochenende haben sie  schon den Keller ausgemistet und vieles zum Sperrmüll gegeben. 
Seit Wochen schläft er auf einer Matratze in der Musikschule. Tagsüber lehnt er sie hochgeklappt an die Wand hinter der Tür.
Seine Chefin bringt ihm morgens drei frische Brötchen und einen Becher Kaffee vorbei. Manchmal liegt er dann noch auf der Matratze, wenn sie anklopft, und er ruft dann
 "Moment, bin gleich da! Stell doch einfach vor die Tür und und danke! “
Das ist supernett von der Chefin und er ist dankbar, dass er sie hat.
Nach Feierabend  stellt er sein Cello in die Ecke, schiebt die paar Stühle aus dem Weg und rollt  das Klavier an die Wand. Dann holt er  die Matratze hinter der Tür hervor. Wahrscheinlich geht er woanders hin, macht einen richtigen Schnitt. Vielleicht  in Itzehoe, da arbeitet er dreimal in der Woche. Itzehoe ist eine schöne kleine Stadt. Da gibt es Giebelhäuser in der Altstadt und auch einen Fluss. Die Stör fließt mitten durch die Stadt. Er muss immer an südliche Städte denken, wenn er an Itzehoe denkt.  

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