Freitag, 7. März 2014

Lotusfüße


Ich  war ganz sicher gewesen, meine drei zusammengehörende  Sockenpaare  in der Waschtrommel verstaut zu haben, und hinterher waren mal wieder zwei  einzelne Socken dabei, die zu keinem anderen gehörten.
Ich  sang „ In darkness let me dwell“ von John Dowland, während ich mein  heißes Gesicht gegen die kühlende Verschalung der Waschtrommel presste, mit einem Arm in das metallene  Innere langte  und meine Hand an deren löchrigen hubbeligen Rundungen entlang fahren ließ. Wenn ich es genau nehme, brauche ich schon seit langem  nur noch zwei Paar Socken  in der Woche. Jeden Abend wenn ich die Socken ausziehe, sind meine Füße trocken und warm wie die Stofftatzen  von meinem alten Teddy, dessen Bauch eine kreisrunde, haarlose, blanke grau-schwarze Verfärbung von ranziger fünfzigjähriger Niveacreme aufweist, und aus deren aufgeplatzer dünner Fellhülle, von Nen damals mit einem Stück roten Stoff und großen Stichen schwarzen Zwirns notdürftig geflickt, die staubige Strohfüllung herausquillt. Jeden Abend  staune ich über meine einwandfrei, wie Kinderhaut  nach frischer Wolle und trockenem Sand  duftenden verzauberten  Füße. Erst nach drei Tagen tue ich die Socken  in die Wäsche, obwohl sie noch total sauber sind. Im Grunde  nur, weil ich mich ein bisschen schäme, so lange die gleichen  Socken zu tragen, und auch weil ich meiner  Wahrnehmung misstraue, ihr ebenso wie meinen Füßen die Möglichkeit zur Veränderung, das Recht zu  überraschendem Wandel ihrer Fähigkeiten zubillige. Nicht nur die Füße, auch Achseln und Handflächen, sonst unaufhörlich schwitzend, sind zu staubtrockenen Zonen geworden. Nur Hals, Kopf und Ohren sind davon ausgenommen, erfahren den Zauber umgekehrt.

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