Vor ein paar Tagen hatte ich
Besuch von unserer Tante. Wir saßen draußen im Garten in der Sonne und sie
schilderte eine kleine unspektakuläre Episode aus unseren Kindertagen, die sie beobachtet
hatte und die ihr bis heute nicht aus dem Kopf ging. Mein Bruder war vielleicht sieben, ich fünf Jahre alt. Mein großer
Bruder kam eingeschüchtert und mit deutlichen Blessuren nach Hause. Eine Gruppe
älterer Jungs hatte ihn gegen eine Wand gedrückt, ihn
geschlagen und getreten, vielleicht hatte er ein paar Schwellungen im Gesicht
unter dem hellen dichten Haar, ein Kratzer auf der Wange, hielt sich den
schmerzenden Arm. Ich sah ihn durch die Pforte kommen, wie er auf dem Sandweg
ums Haus näher kam, den Ranzen nur an einem Riemen schief über der schmalen Schulter,
seinen unsicheren Gang, seine aufgelöste Mimik, seine vom Weinen verquollenen Augen. Schnurstracks
ging ich auf ihn zu, nahm ruhig seine Hand in meine und führte ihn ins
Wohnzimmer in die den Erwachsenen vorbehaltene Sitzecke vor dem braunen Flügel. Ich bugsierte ihn vorsichtig
durch den schmalen Rundbogen der Tür zwischen Badezimmer und Wandschrank, ließ ihn nicht los
bis wir vor dem alten abgewetzten braunen Brahmssofa standen.
„ Nun leg dich man erstmal hin,
Orje.“
Vorgestern trafen wir uns auf einer
Veranstaltung in den Ausstellungsräumen mit altem Industrieinventar, wo mein
Bruder arbeitet. Nachdem wir unseren Rundgang durch das Gewirr von
Menschenknäueln, wunderschön restaurierten Tischen, Schränken, Stühlen und
Lampen beendet hatten, steuerten wir wieder unseren Platz an, wo wir unsere
Jacken abgelegt hatten und unsere Weingläser auf uns warteten. Mit wackeligen Beinen ließ ich mich auf den Stuhl plumpsen und lehnte meine
Krücken an die Wand.
„ Nun leg dich man erstmal hin, Hannchen.“
Er hatte es nicht gesagt, nicht einmal geflüstert aber es war mir, als hätte ich es ganz deutlich gehört.
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