Montag, 12. Oktober 2015

Episode



Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von unserer Tante. Wir saßen draußen im Garten in der Sonne und sie schilderte eine kleine unspektakuläre Episode aus unseren Kindertagen, die sie beobachtet hatte und die ihr bis heute nicht aus dem Kopf ging. Mein Bruder war  vielleicht sieben, ich fünf Jahre alt. Mein großer Bruder kam eingeschüchtert und mit deutlichen Blessuren nach Hause. Eine Gruppe älterer Jungs  hatte ihn gegen eine Wand gedrückt, ihn geschlagen und getreten, vielleicht hatte er ein paar Schwellungen im Gesicht unter dem hellen dichten Haar, ein Kratzer auf der Wange, hielt sich den schmerzenden Arm. Ich sah ihn durch die Pforte kommen, wie er auf dem Sandweg ums Haus näher kam, den Ranzen nur an einem Riemen schief über der schmalen Schulter, seinen unsicheren Gang, seine aufgelöste  Mimik, seine vom Weinen verquollenen Augen. Schnurstracks ging ich auf ihn zu, nahm ruhig seine Hand in meine und führte ihn ins Wohnzimmer in die den Erwachsenen vorbehaltene Sitzecke vor dem braunen Flügel. Ich bugsierte ihn vorsichtig durch den schmalen Rundbogen der Tür zwischen  Badezimmer und Wandschrank, ließ ihn nicht los bis wir vor dem alten abgewetzten braunen Brahmssofa standen.
„ Nun leg dich man erstmal hin, Orje.“
Vorgestern trafen wir uns auf einer Veranstaltung in den Ausstellungsräumen mit altem Industrieinventar, wo mein Bruder arbeitet. Nachdem wir unseren Rundgang durch das Gewirr von Menschenknäueln, wunderschön restaurierten Tischen, Schränken, Stühlen und Lampen beendet hatten, steuerten wir wieder unseren Platz an, wo wir unsere Jacken abgelegt hatten und unsere Weingläser auf uns warteten. Mit wackeligen Beinen  ließ ich mich auf den Stuhl plumpsen und  lehnte meine Krücken an die Wand.  
 „ Nun leg dich man erstmal hin, Hannchen.“
Er hatte es nicht gesagt, nicht einmal geflüstert aber es war mir, als hätte ich es ganz deutlich gehört.

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