Gestern, kurz bevor er das Licht auf dem kleinen Tischchen neben dem Bett ausmachte, schaute er noch einmal rüber zu ihr, wie sie da neben ihm
lag, einen Arm unter der Wange, den anderen angewinkelt auf der Bettdecke, dachte
daran, dass sie ja auch schon da war, bevor sie sich als sechzehn-siebzehn
Jährige vor vierundvierzig Jahren in einer Sylvesternacht in einer alten
Stadtvilla an der Alster kennengelernt hatten; bevor sie sich zusammen getan
hatten, um ein ganzes Leben miteinander zu teilen, eine Familie zu gründen,
gemeinsamen mit ihren vier Kindern die vielen Tage, Abende und Nächte zu erleben. Was hatte sie gemacht, ungefähr
eine Fahrstunde mit der Bahn entfernt, in der alten Strohdach Kate an der
Hoisdorfer Landstraße 48, draußen vor den Toren Hamburgs. als er mit einer
Horde Jungs auf ihren Fahrrädern die große Elbstraße runter gebrettert war, mit
ihren Käschern Glasaale, Stichlinge und Wollhandkrabben aus der Elbe gefischt
hatte? Als ihm der alte Nachbar von gegenüber, in der offenen Tür stehend, im
engen Flur in der Amundsen Straße
33 ein paar Kronenkorken in die Hand gedrückt hatte?
„
Hier mein Schieter, kannst du mit spielen.“
In
welchem Zimmer hatte sie sich genau in diesem Moment aufgehalten, als er die Kronenkorken in seine Hosentasche hatte gleiten lassen? Oben unterm
Dach in dem großen Raum, in dem alle vier Betten der Geschwister an den
Wänden entlang standen, in dem Zimmer, das er nie kennengelernt hatte, weil es
lange vor seinem Auftauchen in der Familie in vier schmale, von Sperrholzwänden
unterteilte vier Zimmerchen für jeden von ihnen umgebaut wurde?
Oder
hatte sie barfuß draußen im Garten im Gras unter dem knorrigen alten Kirschbaum
hinterm Haus gelegen und in die Äste hochgeblinzelt?
Nur
siebzehn Jahre seines sechzigjährigen Lebens hatte er ohne sie sein Leben
gelebt. Nun schienen ihm diese nicht miteinander geteilten Tage und Nächte zu
unendlich vielen kostbaren verpassten
Momenten anzuwachsen.
Hinter seinen geschlossenen Augenlidern tauchten schemenhafte Bilder vor ihm auf, wie er
sie als kleines Mädchen vor sich sah, wie sie in herunter gerutschten Kniestrümpfen
auf dem Sandweg, der ums Haus führte, auf einem Bein stand und sich mit der linken Faust ein Auge rieb. Als sei er schon immer in ihrer Nähe gewesen.
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