Samstag, 30. Januar 2016

Zeit


Gestern, kurz bevor er das Licht auf dem kleinen Tischchen neben dem Bett  ausmachte, schaute er noch einmal rüber zu ihr, wie sie da neben ihm lag, einen Arm unter der Wange, den anderen angewinkelt auf der Bettdecke, dachte daran, dass sie ja auch schon da war, bevor sie sich als sechzehn-siebzehn Jährige vor vierundvierzig Jahren in einer Sylvesternacht in einer alten Stadtvilla an der Alster kennengelernt hatten; bevor sie sich zusammen getan hatten, um ein ganzes Leben miteinander zu teilen, eine Familie zu gründen, gemeinsamen mit ihren vier Kindern die vielen Tage, Abende und Nächte zu  erleben. Was hatte sie gemacht, ungefähr eine Fahrstunde mit der Bahn entfernt, in der alten Strohdach Kate an der Hoisdorfer Landstraße 48, draußen vor den Toren Hamburgs. als er mit einer Horde Jungs auf ihren Fahrrädern die große Elbstraße runter gebrettert war, mit ihren Käschern Glasaale, Stichlinge und Wollhandkrabben aus der Elbe gefischt hatte? Als ihm der alte Nachbar von gegenüber, in der offenen Tür stehend,  im  engen Flur  in der Amundsen Straße 33 ein paar Kronenkorken in die Hand gedrückt hatte?
„ Hier mein Schieter, kannst du mit spielen.“
In welchem Zimmer hatte sie sich genau in diesem Moment aufgehalten, als er die Kronenkorken in seine Hosentasche hatte gleiten lassen? Oben unterm Dach in dem großen Raum, in dem alle vier Betten der  Geschwister an den Wänden entlang standen, in dem Zimmer, das er nie kennengelernt hatte, weil es lange vor seinem Auftauchen in der Familie in vier schmale, von Sperrholzwänden unterteilte vier Zimmerchen für jeden von ihnen umgebaut wurde?
Oder hatte sie barfuß draußen im Garten im Gras unter dem knorrigen alten Kirschbaum hinterm Haus gelegen und in die Äste hochgeblinzelt?
Nur siebzehn Jahre seines sechzigjährigen Lebens hatte er ohne sie sein Leben gelebt. Nun schienen ihm diese nicht miteinander geteilten Tage und Nächte zu unendlich vielen kostbaren  verpassten Momenten anzuwachsen.
Hinter seinen geschlossenen Augenlidern tauchten schemenhafte Bilder vor ihm auf, wie er sie als kleines Mädchen vor sich sah, wie sie in herunter gerutschten Kniestrümpfen auf dem Sandweg, der ums Haus führte, auf einem Bein stand und sich mit der linken Faust ein Auge rieb. Als sei  er schon immer in ihrer Nähe gewesen.



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