Donnerstag, 18. Juni 2015

Chapeau



Heute morgen  stand  ich still auf der Rolltreppe von der U-Bahnstation hoch zum Jungfernstieg und nahm neben mir auf der breiten Fußgängertreppe das Gewoge der auf-und abwärts hastenden Passanten wahr. Das Gewirr von leichtfüßig überholenden Füßen in Sneakern, dem Stakkato der hohen Frauenabsätze, von sich kreuzenden Hosenbeinen und fliegenden Röcken über flachen Sandalen.
Als ich fast oben war, lichtete sich das wogende Dickicht der Gestalten und gab den Blick frei auf eine einzelne Taube, die oben am Ende der Treppe Aufstellung genommen hatte und nun aufmerksam die Stufen hinunter zum  Bahnhofsgelände betrachtete. Sie trat ein-zweimal von einem Bein auf das andere, suchte eine Lücke zwischen den letzten Treppensteigern und begann ihren Abstieg. Was mich so fesselte, war die Art, wie sie die Stufen nahm. Weder  flatterte, noch trippelte, noch flog  sie. Im geschlossenen Sprung, beide Krallenfüße anmutig nebeneinander gesetzt, setzte sie ihre „Schritte“ von Stufe zu Stufe. Ich benutze bewußt das Wort Schritte, weil anders lässt es sich kaum beschreiben. Sie schritt die Treppe hinunter, in aufrechter stolzer Haltung und ohne Innehalten oder Zögern auf den einzelnen Stufenabsätzen. Es gab kein mehrfaches Aufsetzen der Füße auf den relativ breiten tiefen  Stufen, kein Nachsetzten oder erneutes Ansetzen der Schritte. Pro Stufe einen eleganten Schwung und den nächsten und übernächsten. In einer einzigen harmonisch fließender Bewegung tänzelte sie hinunter und verschwand im Gewusel des Bahnhofes. Chapeau!



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