Freitag, 13. Januar 2017

Zungenschlag



Es liegt lange zurück, die kleine Szene, die mir gestern Nacht beim Einschlafen in den Sinn kam.
„Kat-ze,“ hörten wir durch die dünne Sperrholzwand, hinter der unsere erstgeborenen Kinder, unsere  eineinhalb jährige Tochter und unser sechs  Monate alter Sohn in ihren Bettchen lagen. Draußen fegte der Wind durch die hohen dicht stehenden Fichten, in deren Schutz  unsere kleine Hütte stand.
Noch einmal „ Kat-ze.“
Mit lautem Stimmchen intonierte sie, die Silben deutlich und sauber getrennt.
Fich-teeeh,  A-bend-brooot, Gum-mi-ted-die, Lu-pi-neeeh,“ hörten wir unser Töchterchen  ihre neu gelernten Wörter üben.
Jeden Abend vor dem Einschlafen formte sie die Laute, spitzte die Lippen, rollte sie ihre kleine Zunge bis sie einschlief.
Jetzt, fünfunddreißig Jahre später,  liege ich nachts wach auf meinem Lager und flüstere Worte, lausche gespannt meiner Intonation, prüfe die Gewandtheit meiner Sprechmuskeln
„ Kat-ze“ übe ich nun selber, „ Mar-me- la-de „Schlüs-sel-bund, Zir-kus-kind...“
Mein  nächster Gedanke gefiel mir dann weitaus besser als mein sorgenvolles Nachspüren, was die Funktionen meiner Sprechmuskeln angeht.
Selbst wenn mir die Stimme versagt irgendwann, ich hab schon genug geredet in meinem Leben, mich zu Wort gemeldet, mündlich, schriftlich wie auch musikalisch habe ich mich eingemischt, mich  beteiligt und Stellung bezogen. Was gibt es da in Zukunft noch wirklich Wesentliches hinzuzufügen? In den letzten Monaten bemerkte ich schon eine deutliche Abnahme meines Interesses mich hinein zu begeben in Gespräche, in Geselligkeiten jeder Art, spürte immer seltener den Impuls mich zu beteiligen. Ganz unabhängig davon, dass es mich rein körperlich Kraft kostet, mich physisch erschöpft, wächst in mir eine Sehnsucht nach Stille, geht meine Lust mich zu äußern verloren. Ich werde viel Zeit fürs Zuhören haben.

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