Samstag, 17. Juni 2017

Verlust und Befreiung

Ich habe viel Zeit zum Denken denn Denken ist die einzige Beschäftigung, die ohne Handlung auskommt. Als ich gestern Nacht wach und mit offenen Augen auf meinem Lager lag, während meiner stillen Wanderung durch meine hin und her schweifenden Gedanken über die Möglichkeiten des Denkens, kam mir die Idee zu einem neuen Projekt, der Arbeit an meinem Wesen. Ich würde im Stall meiner Charakterzüge ausmisten, in meiner Seele aufräumen, mein Herz und meinen Geist von Unrat befreien.
Ich erwog erste Pläne, wie ich mich diesem Vorhaben nähern könnte, wie ich in dem Dickicht von in Jahrzehnten  sich ausgebildeten Mächten in meinem Innersten die Spreu vom Weizen trennen könnte.
Kurz bevor ich einschlief wurde mir bewusst, dass ein Teil dieses Projektes schon begonnen hatte, ich mitten drin steckte, dass einige für mich charakteristische, wenn auch unliebsame Wesenszüge gleichzeitig mit dem stetig voranschreitenden Verlust meiner Körperbeherrschung sich schon zurückgezogen hatten, Schritt für Schritt in gleichem Maße verschwanden, wie mir die körperliche Aktivität verloren ging.
Verlust und Befreiung, war mein letzter Gedanke, bevor ich in einen traumhaften Schlaf fiel, in dem ich mit riesigen, beidseitig am Kopf angeschnallten Zusatzgehirnen in Form von rosa Elefantenohren einen Berg herunterradelte, während meine Ohrengehirne links und rechts an dickstämmigen Buchen entlang schredderten, Laternenpfähle umnieteten und aus dem ich am Morgen erfrischt und voller Tatendrang erwachte.


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