Und dann standen wir wieder da, vor dem Bahnhof in Neustadt.
Omi und der Großteil unseres Gepäcks, es waren uralte Koffer, meist mit Stricken oder alten Gürteln zugebunden, waren schon von Onkel Klaus mit dem Auto in unser kleines Häuschen in "Franks Tannen" gebracht worden.
Onkel Klaus würde auch uns jetzt gleich abholen, und wir warteten, wie jedes Jahr, voller Aufregung.
Es war hier schon ganz anders als zu hause. Es roch nach Meer und man hörte schon das Geschrei der Möwen.
Vati war, wie jedes Jahr nicht mitgekommen. "Wasserbarmbek" wurde unser Urlaubsort an der Lübecker Bucht von ihm verächtlich genannt. Wohl in Anlehnung an jenen Stadtteil von Hamburg, in dem unsere Mutter als Lehrerin für unseren bescheidenen Lebensunterhalt sorgte, und sowohl dieser Tätigkeit, als auch dem Ort galt nicht gerade sein größter Respekt. Besucht hat er uns aber doch, dann wurd´s ihm zu hause zu einsam.
Mutti und wir vier Kinder waren dann bald ins Auto verfrachtet und fuhren ab, und nun begann das große Wiedererkennen.
Es ging die Kopfsteinpflasterstraße hinunter zum Hafen und über die Brücke.
Rechts an der Kaimauer lagen die Getreidefrachter und wurden aus den großen Silos beladen. Der goldgelbe Getreidestrom ergoß sich endlos in die Laderäume und die Schiffe lagen oft völlig schief im Wasser.
Dahinter dann die "Glücksklee"Fabrik, wo wir bei unseren Ausflügen die wandernden Milchdosen auf den ruckelnden Fliesbändern bestaunten.
Auf der linken Seite war dann der kleine Binnenhafen mit der "Klahn"Werft. Fischerbote und alte Kähne lagen dort an Land gezogen und warteten.
Hinter der Brücke gings dann rechts ab, vorbei an den dort liegenden Fischkuttern, damals noch recht zahlreich, an der kleinen Holzbude vorbei, die zur Hälfte auf Pfählen im Hafenwasser stand, und wo es so leckere Fischbrötchen gab. Dann links ein kurzes Stück bergan, weg vom Wasser, dann rechts rum und raus aus der Stadt auf das kurze Stück Landstraße, vorbei an den Campingplätzen an der Steilküste und dann waren wir endlich da.
Werbefahnen von "Nivea"Sonnenmilch und andere waren die ersten Boten.
Unter der Eiche hindurch in die Einfahrt, rechts die kleine Wiese, links dann die Abbiegung zu den ersten Häusern, dann weiter. Was für eine Aufregung: War Familie Drewitz, die alljährigen Bewohner des "Kaminhauses" schon da? Ja, dort stand der graue 180D an der rechten Seite.
Und jetzt ging es die letzten Meter vorbei an der Einfahrt nach rechts, zum "Blockhaus", welches immer von Familie Bandelo bewohnt war, mit denen wir trotz Fehriennachbarschaft nie wirklich bekannt wurden. Sie kamen aus Bochum im Ruhrgebiet, wo man die Wäsche nicht auf die Leine hängen konnte, weil sie sonst schwarz wurde, vom Kohlenstaub, und die Kinder viel Erholung brauchten. Der Vater war schon recht alt und ging mit seinen beiden Söhnen morgens vorm Frühstück im Bademantel ans Meer zum Schwimmen. Für uns eine andere Welt, absurd: Sowohl das morgendliche Zwangsbad als auch die Bademäntel.
Wir mußten uns ja auch nicht erholen und hatten die Lungen nicht voller Kohlenstaub.
So, und jetzt waren wir wirklich da. Die letzten Meter zum "Haus 7" gings durch dichten Tannenwald und dann stand es da hinter dem Holunderbusch, weiß gestrichen mit grünen Türen und Fenstern.
Omi war schon da. Ach, was für eine Freude!
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