Sonntag, 12. Oktober 2014

Kurz pinkeln



Es war eine schöne Radtour gewesen. Jetzt waren wir auf dem Weg zurück, es dämmerte schon.
„ Ich muss unbedingt nochmal pinkeln, bevor wir in die Bahn steigen.“
„ Das wird nicht einfach werden hier,“ rief ich über die Schulter zurück.
 Wir standen vor der Ampel und warteten auf grün. Beim Aufsteigen hörte ich wieder seine Stimme hinter mir:  „ Jetzt müssen wir mal da links rüber!“
Ich fuhr vorneweg, die Straße hoch. Irgendwann merkte ich, dass er nicht mehr hinter mir war. Ich war keine 100 Meter die Straße reingefahren. Nachdem ich abgestiegen war und etwas gewartet hatte, kehrte ich um zu der Ampel, wo wir uns aus den Augen verloren hatten.
Ich  stellte mein Rad neben der Ampel auf den Ständer und lehnte mich an die Steine der dicken Brücke, die in die Speichestadt führte. Ich dachte, es wäre das beste, dahin zurückzukehren, wo wir uns  verloren hatten. Ich  wußte auch nicht, in welche Richtung er gefahren sein könnte. Sicher würde er mich suchen,  gleich da sein. Neben mir knutschte ein Pärchen an die Mauer gelehnt und auf dem Kanalwasser glitzerten die Wirbel der Strömung im Licht der Straßenlaternen.
Ich hatte kein Geld, keine Tasche, keine Fahrkarte und kein Handy. Alles war in seinen beiden Satteltaschen verstaut. Auch meine Jacke. Ich fröstelte, spähte die Brücke hinunter, in die Straße hinein, drehte meinen Kopf in alle Richtungen. Ich lief ein paar Schritte, um von dem knutschenden Paar wegzukommen  und kam wieder zurück. Dann stand ich wieder neben meinem Fahrrad, legte eine Hand auf den roten Sattel. Es war bestimmt schon eine halbe Stunde vergangen und immer noch stand ich da neben meinem Rad mit der Hand auf dem Sattel.
Es war inzwischen dunkel und ich hatte kein Licht am Rad. Es wimmelte von Touristen. Eine schräg über meinem Kopf hoch aufragende bläulich schimmernde Bronzestatue warf ihren dunklen Schatten auf die immer noch aneinander gepressten Körper neben mir. Unterleib an Unterleib reibend, Hände am Rumpf auf-und ab fahrend, leise glucksend und hörbar atmend.
Ich überlegte, hinter der Brückenmauer zu warten, um nicht so dicht an dem Pärchen stehen zu müssen, die ab und zu ihre Köpfe kurz voneinander lösten und  kichernd einen Blick zur Seite riskierten.
Aber dann konnte er mich  nicht sehen, wenn er zurückkam. Wenn seine Augen  die Umgebung der Ampel, die  Kanalmauer vorm Wasser absuchten.
Ich blieb wo ich war, schob das Rad nur ein wenig zurück von der Straße, dichter ran an die Brückenmauer und nahm meine Hand vom Sattel, ging einige Schritte auf die Brücke und  betrachtete meinen roten Sattel aus drei Meter Entfernung. So einen roten Sattel konnte man ja gut sehen. Das schwache Licht der Straßenbeleuchtung ließ die rote Farbe neben der Ampelstange aufleuchten wie ein zusätzlich, etwas tiefer angebrachtes rotes Ampelsignal. Das würde er doch sofort bemerken, schon von der anderen Straßenseite würde es ihm sofort auffallen.






3 Kommentare: