Montag, 14. Dezember 2015

Ich staune


Meine Schrift verändert sich. Vor einigen Tagen habe ich zum ersten Mal etwas Unvertrautes bemerkt, als ich mein Notizheft  aufschlug, die Seiten auffächerte. Das Schriftbild war leserlicher, strukturierter linearer. Die ausladenden Schwünge meiner fließenden Handschrift nur noch über die ersten Zeilen am Seitenanfang, dann hatte ich, ohne es zu bemerken, angefangen Druckbuchstaben zu schreiben. Das Blatt gefiel mir nicht, das war eine fremde, mir  unbekannte Schrift.
 Jetzt setzte ich zur Selbstkontrolle an, schrieb ich staune   in alter lässiger Gewohnheit  mit fließenden Übergängen zwischen den Buchstaben. Ich hätte es nicht entziffern können, wenn ich es  nicht grad eben niedergeschrieben hätte. 
    Ich staune    schreibe  ich noch einmal. Ganz groß.
Jetzt schreibe ich nicht wie gewohnt in alter Manier, pro  Wort einen Ansatz, einen Schwung, vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Ich  schreibe langsamer, gebe mir Mühe mit den Kurven und Linien der Zeichen und  ihren  Übergängen, beinahe wie in der Schönschreibstunde in der Grundschule, mit der Zungenspitze zwischen den Lippen. Das kann ich lesen. Sogar  gut.
Ich  will noch mehr scheiben aber dann klappe ich das Heft zu und schiebe es so weit es geht von mir weg, gebe ihm noch einen kräftigen Schubs  bis es  von der gegenüber liegenden Tischkante plumpst.



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