Wir kennen uns seit dreißig Jahren. Seitdem kommt er alle drei Wochen zu uns rausgefahren. In den ersten Jahren hatte er immer seine Gitarre mitgebracht. Jetzt kommt er immer ohne Gitarre. Er arbeitet seit 1979 beim Gesundheitsamt, überprüft Anträge von Kranken, Alten und Behinderten, von Säufern und Verwahrlosten auf die
Notwendigkeit medizinischer wie auch
psychischer Unterstützung.
Sein Arbeitsplatz sah fast aus wie ein privater Wohnraum. Das Gesundheitsamt Mitte
ist im Hamburger Stadtteil St. Georg im
dritten Stockwerk eines alten Stadthauses aus rotem Backstein untergebracht.
Er saß am Computer auf braunem
abgewetzten Ledersitz an einem Holztisch neben dem Fenster. Wenn er hinaus sah, konnte er drüben auf der anderen Straßenseite
die Tauben auf der Dachkante des gegenüber liegenden Hauses beobachten.
Auch
die Ablageflächen für seine Ordner und Papiere waren ganz gewöhnliche
Bücherregale. Keine metallene Rollcontainer, keine Kunststoff -oder Alu
Arbeitsplatten.
Er hatte sogar einen alten orientalischen Kelim auf dem Boden. An den beiden Wänden, die seine Arbeitsecke bildeten, um seinen Schreibtisch
herum, hingen einige Merkzettel und Fotographien. Bis auf ein altes vergilbtes
Familienfoto nichts Privates, aber doch ihm angenehme, warmfarbige Aufnahmen der Umgebung, die er damals
noch mit seiner analogen Kamera gemacht hatte.
Sein
letzter Arbeitstag war der 23. Januar 2014. Der Platz wird ihm fehlen. Dort hat er über 35 Jahre gesessen, gearbeitet und aus dem Fenster auf die Dachkante
drüben geschaut. Letzten Donnerstag, an seinem vorletzten Arbeitstag ging er noch
ein letztes Mal zum Mittagessen rüber ins Café Koppel. Er saß an seinem Holztisch in der Ecke oben im ersten Stock.
Er bestellte Kartoffel-Wurzel-Stampf mit kandierten Steckrüben.
Danach einen Kuchen. Der Kuchen schien ihm besonders schief, krumm und
krümelig. Sonst nahm er immer den „Traum der fliegenden Krokodile“
aber am Donnerstag war er ausverkauft. Es dauerte fast zwanzig
Minuten, bis die Mädels von der Bedienung ihn überhaupt
bemerkten, obwohl er direkt vor ihren Nasen saß. Sein Zupfkuchen kam und
war nicht schön anzusehen. An den Nebentischen spielten einige Frauen
ihre Yoga- und Chi gong-Übungen durch. Er schnappte einige Gesprächsfetzen auf.
„ ... du kannst mir glauben, du wirst dich ganz doll wohl fühlen dabei.“ Er
fühlte sich überhaupt nicht „ganz doll wohl“ in der Koppel, trank schnell
seine Rhabarberschorle aus und ist gegangen. Als er in sein Büro zurückkam, stand eine weißrosa Orchidee
auf seinem Schreibtisch. Eine Karte in Zellophanpapier war an den mit gelbem Krepp ummantelten Blumentopf
gelehnt. Er hatte es allen gesagt, dass er nichts haben will: Keine Geschenke,
keine Blumen, keine Karten und keine Reden.
Auch nicht irgendeinen Hamburg-Atlas oder so. Nichts, gar nichts! Und jetzt stand da diese furchtbare Pflanze
auf seiner schon leer geräumten Schreibtischplatte.
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