Donnerstag, 29. Januar 2015

Leergeräumt


Wir kennen uns seit dreißig Jahren. Seitdem kommt er alle drei Wochen zu uns rausgefahren. In den ersten Jahren hatte er immer  seine Gitarre mitgebracht. Jetzt kommt er immer ohne Gitarre. Er arbeitet seit 1979 beim Gesundheitsamt, überprüft Anträge von Kranken, Alten und Behinderten, von Säufern und Verwahrlosten auf die Notwendigkeit medizinischer wie auch psychischer Unterstützung.
 Sein Arbeitsplatz sah fast aus wie ein privater Wohnraum. Das Gesundheitsamt Mitte ist im Hamburger Stadtteil St. Georg  im dritten Stockwerk eines alten Stadthauses aus rotem Backstein untergebracht. Er  saß am Computer  auf braunem abgewetzten Ledersitz an einem Holztisch neben dem  Fenster. Wenn er hinaus sah,  konnte er drüben auf der anderen Straßenseite die Tauben auf der Dachkante des gegenüber liegenden Hauses beobachten.
Auch die Ablageflächen für seine Ordner und Papiere waren ganz gewöhnliche Bücherregale. Keine metallene Rollcontainer, keine Kunststoff -oder Alu Arbeitsplatten.
Er hatte sogar einen alten orientalischen Kelim auf dem Boden. An den  beiden Wänden, die seine  Arbeitsecke bildeten, um seinen Schreibtisch herum, hingen einige Merkzettel und Fotographien. Bis auf ein altes vergilbtes Familienfoto nichts Privates, aber doch ihm angenehme, warmfarbige Aufnahmen der Umgebung, die er damals noch mit seiner analogen Kamera gemacht hatte.
Sein letzter Arbeitstag war  der 23. Januar 2014. Der Platz  wird ihm fehlen. Dort hat er über 35 Jahre gesessen, gearbeitet und aus dem Fenster auf die Dachkante drüben geschaut. Letzten Donnerstag, an seinem vorletzten Arbeitstag ging er noch ein letztes  Mal zum Mittagessen rüber ins  Café Koppel.  Er saß  an seinem Holztisch in der  Ecke oben im ersten Stock.  Er bestellte Kartoffel-Wurzel-Stampf mit kandierten Steckrüben. Danach einen Kuchen. Der Kuchen schien ihm besonders schief, krumm und krümelig. Sonst nahm er immer den  „Traum der fliegenden Krokodile“  aber am Donnerstag  war er ausverkauft. Es dauerte fast zwanzig  Minuten, bis die Mädels von der Bedienung ihn überhaupt bemerkten, obwohl er direkt vor ihren Nasen saß. Sein Zupfkuchen kam und  war nicht schön anzusehen. An den Nebentischen spielten einige Frauen ihre Yoga- und Chi gong-Übungen durch. Er schnappte einige Gesprächsfetzen auf. „ ... du kannst mir glauben, du wirst dich ganz doll wohl fühlen dabei.“ Er fühlte sich  überhaupt nicht „ganz doll wohl“ in der Koppel, trank schnell seine Rhabarberschorle aus und ist gegangen. Als  er in sein  Büro zurückkam, stand eine weißrosa Orchidee auf seinem Schreibtisch. Eine Karte in Zellophanpapier war an den mit gelbem Krepp ummantelten  Blumentopf gelehnt. Er hatte es allen gesagt, dass er nichts haben will: Keine Geschenke, keine Blumen, keine Karten und  keine Reden. Auch nicht irgendeinen Hamburg-Atlas oder so. Nichts, gar nichts!  Und jetzt stand da diese furchtbare Pflanze auf seiner schon leer geräumten Schreibtischplatte.



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