Ich überrasche mich neuerdings
beim Singen, werde einige Melodien nicht mehr los. Sie begleiten mich manchmal bis in den Schlaf. Beim Einschlafen höre ich die Melodien und beim Aufwachen sind die Stimmen immer noch in meinen Ohren. Als ich heute morgen um zwanzig nach sieben in der Kälte auf den
Zug wartete, ertappte ich mich dabei, wie ich ganz nach vorne lief bis ans
äußerste Ende des Bahnsteiges, mit dem Rücken
und in großem Abstand zu den anderen wenigen vermummten Gestalten mich unter der
letzten Laterne aufstellte, um den in der
Dunkelheit verschwindenden Gleisen mit zaghafter überraschend hoher Stimme die
Melodie von „ Die letzte Rose“ aus der Oper „Martha“ vorzusingen.
Obwohl ich gar
nicht singen kann, seit meiner Kindheit nicht mehr gesungen habe und mit einer Altstimme ausgestattet bin, hatte
ich das dringende Bedürfnis „Die letzte Rose“ mit piepsig dünnem kleinen Sopranstimmchen in den
nächtlichen Wintermorgen über die von feinem Schnee weißlich gerahmte
Linie der dunklen Bahngleise zu singen. Ab und zu schaute ich mich um, ob inzwischen
vielleicht leise vom Schnee gedämpfte
Schritte mir gefolgt waren, hoffte, dass die Bahn sich verspätete und sang
weiter. Leider kam die Bahn nur zwei Minuten zu spät.
Ich hätte Dich gerne da stehen sehen, auf dem Bahnsteig, leise singend in der Kälte. Ich hätte mich wahrscheinlich augenblicklich in Dich verliebt.
AntwortenLöschenAber ich liebe Dich ja sowieso schon.
Brüderchen
Ich dich sowieso auch schon…
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