Freitag, 24. Januar 2014

Sopran im Schnee




Ich überrasche mich neuerdings beim Singen, werde  einige Melodien nicht mehr los.  Sie  begleiten  mich manchmal  bis in den Schlaf. Beim Einschlafen höre ich die Melodien  und beim Aufwachen sind die Stimmen immer noch in meinen Ohren. Als ich heute morgen um zwanzig nach sieben in der Kälte auf den Zug wartete, ertappte ich mich dabei, wie ich ganz nach vorne lief bis ans äußerste Ende des Bahnsteiges, mit dem Rücken  und in großem Abstand zu den anderen wenigen  vermummten Gestalten mich unter der letzten Laterne aufstellte, um den  in der Dunkelheit verschwindenden Gleisen mit zaghafter überraschend hoher Stimme die Melodie von „ Die letzte Rose“ aus der Oper „Martha“ vorzusingen. 
Obwohl  ich gar nicht singen kann, seit meiner Kindheit nicht mehr gesungen habe und  mit einer Altstimme ausgestattet bin, hatte ich das dringende Bedürfnis „Die letzte Rose“ mit  piepsig dünnem kleinen Sopranstimmchen in den nächtlichen Wintermorgen über die von feinem Schnee weißlich gerahmte Linie der dunklen Bahngleise zu singen. Ab und zu schaute ich mich um, ob inzwischen vielleicht  leise vom Schnee gedämpfte Schritte mir gefolgt waren, hoffte, dass die Bahn sich verspätete und sang weiter. Leider kam die Bahn nur zwei Minuten zu spät.

2 Kommentare:

  1. Ich hätte Dich gerne da stehen sehen, auf dem Bahnsteig, leise singend in der Kälte. Ich hätte mich wahrscheinlich augenblicklich in Dich verliebt.
    Aber ich liebe Dich ja sowieso schon.
    Brüderchen

    AntwortenLöschen