Montag, 27. Januar 2014

Spaziergang im Winter

Ich gehe auf dem Kopfsteinpflaster auf das Gut zu.
Links liegt die große Scheune, rechts die beiden Deputatshäuser, alles fast unverändert.
Wer hat hier alles gewohnt: Gaby, Dietrich, Bianca, Fietze, Tinka, Paul, der Schweinemeister mit seiner Freundin Astrid, Die anderen Namen habe ich vergessen. Heute, an diesem Januarmorgen, ist hier niemand zu sehen.
Ich gehe weiter. Das Gut liegt rechts, gewaltig groß und unverändert. Ich biege links ab und gehe auf die Felder zu, vorbei an dem riesigen Güllebehälter. Voraus, hinter dem Acker, liegt das kleine Waldstück, in das Jans Papierdrachen, den wir zusammen gebaut hatten, damals gestürzt war. Das Gestell hängt wahrscheinlich immer noch oben im Baum. Ich werde ein andermal nachsehen. Vorm Acker biege ich rechts ab. Den kleinen Weg hier, der vom Dorf zu unserem Haus führte, gibt es nicht mehr.
Ich stapfe mühsam über das Feld. 
Das Haus ist schon zu sehen. Es ist viel höher als damals, mit großen modernen Fenstern, auch im ersten Stock, wo wir nur armselige kleine Fenstergauben, aus Dachlatten grob gezimmert, hatten. Es sieht jetzt fast aus, wie ein Mehrfamilienhaus, gelb gestrichen, und passt irgendwie nicht hierher. Eine Rutsche steht im Garten und ein Grillkamin. Ich komme vorbei an dem kleinen Fichtenwäldchen, der im Frühjahr voll mit Schneeglöckchen war.
Kurz vor dem Hausgrundstück stoße ich auf Reste des Betonweges, der ums Grundstück führte, heute überwuchert von Brombeergestrüpp und abgestorbenem Gras. Ich gehe auf ihm an der Grundstücksgrenze entlang, denke an die blaue Pudelmütze, die Dietrich immer trug, wenn er uns abends besuchen kam. Sie war das erste, was wir von ihm sahen. An der Grundstücksecke komme ich nicht weiter. Undurchdringliches Gestrüpp versperrt mir den Weg. An dieser Stelle sind Jan und Inga mit ihren Bobbycars gestartet, um den sanften Hügel auf den Betonplatten hinunterzufahren.Wie oft waren ihre Schuhe davon kaputtgegangen. 
Ich gehe weiter, außen um den kleinen Teich herum. Das Wasser ist wie damals rostig braun vom eisenhaltigen Brunnenwasser, das hier hineinläuft. Ich sehe die kleine Brücke über den Fluß. Sie wird nicht mehr benutzt. Das Geländer ist verrostet. Eine Holzpforte hängt vermodernd zur Seite. Ich schaue zurück. Der Werkstattschuppen ist unverändert, aber das Haus ist ein anderes. Ein protziger Giebel geht nach vorn hinaus mit einer großen Eingangstür. Dort befand sich unsere winzige Tür, durch die wir vom Wohnzimmer in den Garten kamen.

Die Fichten sind riesig. Zwei Sportwagenwracks stehen im Garten von Planen abgedeckt. Eine breite Eisenbrücke führt über den Fluß zum Haus. Ich stehe vor dem zweiflügeligen Tor, die blaue Farbe abgeblättert, aber elektisch zu öffnen und zu schließen. Ein amerikanischer Briefkasten, darunter zwei Klingeln mit Namensschildern. Ich trete näher. Namen sind keine zu erkennen.
Das Rauschen des Flusses ist geblieben. Frau Schäfers Haus ist unverändert, auch der Garten und der Karpfenteich. Ich gehe zurück ins Dorf, entlang der kleinen neugebauten Anliegerstraße entlang der Autobahn. An der Seite vermodert ein Packen noch gebündelter Zeitungen. An den  großen Kastanien im Dorf klimpern kleine silberne Marken mit Nummern.

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